Agnes Pahler Die robusten Zweijährigen schmücken mit ihren hohen Blütenständen über viele Wochen. Sämlinge suchen sich im Garten geeignete Stellen zum Wachsen. Von Rita Köhler

Spaziergänger kennen den Fingerhut als typische Pflanze des Waldrandes: Dort, wo der Baumbestand aufhört und Strauchbewuchs einen natürlichen Saum bildet, ragen von Juni bis August die oft eineinhalb Meter hohen Stängel des Roten Fingerhutes auf. Die dicht mit Blüten besetzten Lanzen blühen von unten nach oben allmählich ab, daher kommt die lange Blütezeit, weil jeder Stängel mit dutzenden von glockenförmig nach unten geöffneten Blüten besetzt ist. Unten am Stängel entwickeln sich bereits die Samenkapseln, während oben an der Spitze noch kaum entwickelte Knöpfchen von grün eingehüllten Blütenknospen sitzen.

In Süddeutschland stehen Fingerhüte in Gruppen am Waldrand oder entlang von Waldlichtungen, in Großbritannien und Irland dagegen finden sich in lichten Wäldern oder nahe der Küste großflächige Ansammlungen vom Fingerhut. Im englischen Sprachraum heißt die Pflanze „foxglove“, übersetzt Fuchshandschuh. Es ist eine nette Idee, sich vorzustellen, dass sich ein Fuchspfötchen mit der glockigen Blüte einkleidet. Zu welchem Zweck wohl?

Genaueres wissen Biologen zu der auffälligen Maserung im Innern der Blüten zu sagen: Bei den unregelmäßig geformten, dunklen Flecken über aufgehelltem Hintergrund handelt es sich um Saftmale. Für den Menschen sehen sie hübsch aus, für Insekten, die mit ihren Facettenaugen anders sehen als wir, zeigen sie den Weg zur Nektarquelle. Folgen die Insekten den Wegweisern bis zum Ende, treffen sie auf die Nektarquelle, zu der wegen der hängenden Blüten nur der Weg nach oben führt. Hat sich die Biene zur Zuckerlösung hochgearbeitet, wurde sie mit Pollen bestäubt, den sie auf ihrem Pelzkleid zu den Blüten der benachbarten Pflanzen mitschleppt und dort auf den Narben abstreift. Fingerhüte sind folglich gute Insektenfutterpflanzen.

Im Garten kommen unterschiedliche Plätze für die verschiedenen Fingerhutarten infrage. Unser heimischer Roter Fingerhut passt selbstverständlich am besten in die Nähe von Sträuchern oder Strauchgruppen, wo das Gehölz ein wenig Schatten spendet. Etwas Sonnenlicht brauchen die Pflanzen, denn im Vollschatten blühen Fingerhüte nicht gut. Dafür kommen sie mit dem trockenen Boden am Gehölzrand einigermaßen gut zurecht – bei anhaltender Trockenheit im Sommer  sollte man das Gießen nicht ganz vergessen.

Fingerhüte sehen am schönsten aus, wenn sie in Gruppen wachsen. Daher sollte man es zulassen, dass sich die Pflanzen versamen. Weil die Sämlinge an beliebigen Stellen aufgehen, wird sich die Pflanzung zufällig weiterentwickeln, es entsteht mit der Zeit ein natürliches und dynamisches Bild. Rote Fingerhüte kann man zum Beispiel mit einem robusten Farn wie dem Wurmfarn kombinieren. Die schlanken purpurroten Blütenstände bilden einen schönen Kontrast zu den gefiederten, gebogenen Farnwedeln. Auch neben niedrigeren Glockenblumen in Blau oder Blaulila sieht der Fingerhut dekorativ aus, ein nobles Bild entsteht mit einer weißblütigen Sorte des Roten Fingerhutes.

Trockenheit vertragen sie gut

Fingerhutarten aus den osteuropäischen oder mittelasiatischen Steppengebieten rücken zunehmend in das Interesse der Gartengestalter, weil sie Trockenheit so gut vertragen: Der Wollige Fingerhut behauptet sich auf trockenen, besonnten Stellen vor Gehölzen oder auch inmitten eines artenreichen Steppenbeetes.

Der Blütenstand wird 70 bis 90 Zentimeter hoch, die nur zwei bis zweieinhalb Zentimeter langen, wollweißen Blüten haben im Innern eine ockergelbe bis braune Zeichnung. Den besonderen Reiz machen die dicht behaarten Hochblätter im Blütenstand aus, dadurch schimmert das ganze Gewächs silbrig. Die Pflanze stirbt nach der Blüte ab, doch der ornamentale Samenstand bleibt den Winter über stehen. Normalerweise verstreuen sich genug Samen, sodass anderswo Nachkommen aufwachsen. Im Gegensatz dazu bleibt die dunkelgrüne Blattrosette des Rostfarbigen Fingerhutes den Winter über erhalten, sie bedeckt die Erde und sorgt für Blickpunkte im ansonsten kahlen Beet. Die knapp zwei bis dreieinhalb Zentimeter langen Blüten stehen in einem schlanken Blütenstand von bis zu eineinhalb Meter Höhe. Die hell gelbbraunen Blüten sind im Innern dunkler, bisweilen rostrot gefärbt.

Fingerhüte sind zweijährigen Pflanzen, das bedeutet: sie keimen im ersten Jahr und entwickeln zunächst eine dichte Blatt­rosette, die niedrig am Boden wächst. Erst im zweiten Jahr, nach überstandenem Winter, streckt sich der Blütenstand in die Höhe. Im Verlauf der langen Blütezeit bilden sich viele winzige Samen, die zunächst unscheinbare Rosetten ausbilden. Diese Jungpflanzen kann man schon im Herbst an die Stellen im Garten umsiedeln, wo sie im nächsten Jahr blühen sollen. Mit etwas Hingabe, gepaart mit Geduld, lassen sich auf diese Art ansehnliche Gruppen aufbauen, die über Wochen hinweg eine schöne Fernwirkung haben. Oft entwickelt eine abgeblühte Rosette aus dem Vorjahr mehrere neue Rosetten, die im darauffolgenden Jahr mehrere benachbarte Blütenstände hervorbringen. Die Tochterrosetten lassen sich im Frühjahr abnehmen, um sie an andere Stellen zu versetzen.

Fingerhüte selbst heranziehen

Wer Fingerhut aus Samen selbst heranziehen will, darf die richtige Zeit dafür im Sommer nicht verpassen: Wie andere Zweijährige auch, sät man im Juli, damit sich im ersten Jahr noch kräftige Blatt­rosetten ausbilden können. Fingerhüte brauchen Licht zum Keimen, das feine Saatgut wird nicht mit Erde abgedeckt.

Man sät in eine Saatschale aus, pikiert in Anzuchtmodule oder kleine Töpfe und verpflanzt die Jungpflanzen an ein freies Stück im Garten mit gut gepflegtem Boden an einem häufig gegossenen Platz. Aus dieser Kinderstube heraus können die angezogenen Pflanzen an andere Wuchsorte im Garten umziehen.