Auf eine Mittagspause muss Amy Neumann-Volmer heute verzichten. Die Hausärztin bittet, nachdem sie den letzten Patienten des Vormittags behandelt hat, in ihr Sprechzimmer in Amtzell im Allgäu. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Pflaumenkuchen, selbst für einen kleinen Snack reicht es der Deutschland-Chefin von „Ärzte ohne Grenzen“ nach dem Interview nicht mehr. Die Patienten rufen wieder, sie muss noch einen Hausbesuch machen. Ihre gute Laune verliert die 63-Jährige trotzdem nicht, sie geht in ihrem Beruf auf.

Frau Neumann-Volmer, wie haben Sie die
Corona-Pandemie in der letzten Zeit erlebt?

Das war eine merkwürdige Zeit. Am Anfang war hier sehr wenig los. Mein Problem war eher, dass ich die Patienten und Patientinnen wieder herbekomme, von denen ich wusste, dass sie krank sind oder zur Kontrolle kommen müssen. Sonst hatten wir die Probleme, die alle hatten: Wenig Handschuhe, keine Masken. Das war schon stressig.

Sind Sie trotz allem froh, dass Sie diese Zeit in Deutschland verbracht haben?

Wenn ich ganz egoistisch und persönlich denke, spielt es als Ärztin erst einmal keine Rolle, ob ich in Deutschland bin oder anderswo. Ich bin an der Front. Wenn jemand krank wird, dann ich. Die Patienten und Patientinnen konnten natürlich froh sein, in Deutschland zu sein. Wir sind ein reiches Land und konnten die Krise auch wegen unseres Geldes gut bewältigen.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie, wenn Sie die Lage in Deutschland zum Beispiel mit der im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos vergleichen?

In Moria haben die Menschen keine geeignete Unterkunft, es gibt keine Wasserversorgung, sie können sich nicht die Hände waschen – die hygienischen Verhältnisse waren schon vor Corona nicht haltbar und sind jetzt mit Corona noch schlimmer geworden. Die Situation ist verheerend. Da ist es egal, ob es um Covid-19 oder eine andere Erkrankung geht – das trifft Menschen, die geschwächt sind, die körperlich und psychisch sehr gestresst und damit auch sehr gefährdet für Krankheiten sind. Das gilt aber nicht nur in Moria, das ist weltweit der Fall.

In den Flüchtlingslagern in Syrien sprechen Ärzte von einer tickenden Zeitbombe.

Das sehe ich genauso. Wenn in einem Land das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist, wenn Apotheken und Kliniken bombardiert werden, dann können Sie gegen eine Covid-19-Pandemie nichts ausrichten.

Was können die Menschen dort dann tun?

Das einzige was bleibt, ist die Grundhygiene, das Händewaschen. In einem Flüchtlingslager ist aber auch das extrem schwierig. Abstand lässt sich dort ebenfalls nicht halten. Übrigens auch in anderen Ländern, wo Menschen sehr eng beieinander wohnen. Wenn wir uns über unsere Einschränkungen in Deutschland beklagen, müssen wir im Hinterkopf behalten, wie die Lage in anderen Ländern aussieht. Viele können dort nicht überleben, wenn sie nicht zur Arbeit gehen.

Nerven Sie diese Wohlstands-Beschwerden?

Es ist schmerzhaft zu sehen, dass die Solidarität nicht funktioniert. Wir sind offenbar nicht in der Lage, den Menschen den Sinn der Einschränkungen so zu vermitteln, dass sie ihn verstehen. Es gibt aber auch Menschen, die den Sinn nicht verstehen wollen. Das nervt mich nicht nur, das macht mich wütend.

Apropos Solidarität: Glauben Sie, ein möglicher Corona-Impfstoff wird gerecht verteilt?

Wir arbeiten daran, dass die Menschen, die das entwickeln und die Regierungen, die die Entwicklung bezahlen, alles daran setzen, dass ein Impfstoff für alle zugänglich ist. Die Erfahrung ist aber eine andere. Meine Angst ist, dass die Stärksten und die Reichsten sich das sichern. Es kann aber nicht sein, dass das Portemonnaie am Ende entscheidet, ob jemand geimpft wird oder nicht.

HIV, Ebola, Unterernährung, das alles pausiert nicht. Was sind aktuell neben Covid-19 die drängendsten Probleme?

Aus unserer Sicht ist durch Corona noch sichtbarer geworden, dass der Zugang zu medizinischer Versorgung, zu Medikamenten und Impfungen, gerechter verteilt werden sollte. Drängend ist natürlich auch weiterhin die Grundversorgung. Andere Infektionen wie HIV und Tuberkulose bleiben weiter ein großes Problem weltweit.

Fallen diese Themen durch den Fokus auf Corona unter den Tisch?

Ja klar. Die mediale Präsenz ist durch Corona überschattet. Ich sehe aber auch langfristige Probleme: Ich denke, dass es bald eine gewisse Müdigkeit für medizinische Themen gibt. Das heißt, dann wird es schwierig, den Menschen klarzumachen, dass es noch viele andere medizinische und humanitäre Krisen auf der Welt gibt.

Sind Ihnen durch Corona auch die Ärzte und Ärztinnen für Ihre Projekte ausgegangen?

Es war extrem schwierig – nicht, weil wir nicht genügend Kandidaten und Kandidatinnen gehabt hätten, sondern weil wir die logistischen Voraussetzungen nicht hatten. Es gab keine Flüge mehr und weil Behörden geschlossen waren, bekam man keine Visa und Arbeitserlaubnisse mehr.

Merken Sie das auch schon an rückläufigen Spendeneinnahmen?

Zurzeit merken wir das noch nicht. Wir sind aber sehr vorsichtig, weil wir eine Rezession befürchten. Wie sich die Spenden in 2021 entwickeln werden, kann keiner sagen.

Beeinflusst Corona auch Ihre Hilfsprojekte?

In einigen Projekten sind wir an unsere Grenzen gekommen. Wir mussten zwischen dem Wunsch aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen weiterzumachen und unserer Pflicht als Arbeitgeber, diese zu schützen, abwägen. Eingeschränkt waren wir vor allem in der Mobilität und der Logistik.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Wir konnten einige Impfkampagnen in Afrika nicht weiterbetreiben, weil wir keinen Nachschub mehr bekamen. Da geht es nicht nur um die Impfung selbst, man braucht auch Spritzen, Kanülen, Tupfer, Desinfektionsmittel. Außerdem brauchen Sie Menschen, die durchs Land fahren und die Impfungen verabreichen. Das war nicht mehr möglich.

Eine der schlimmsten humanitären Situationen herrschte vor Corona im Bürgerkriegsland Jemen. Gilt das noch immer?

Das gilt nach wie vor, wir sind dort noch immer im Einsatz. Die Lage war vor Covid-19 dramatisch und ist jetzt noch dramatischer geworden. Diese Mischung aus Krieg, Mangel an allem und Corona ist einfach ein Chaos.

Mit welchen Folgen für die Menschen?

Gerade für Frauen und Kinder ist die Lage absolut dramatisch. Wenn sie einen Kaiserschnitt brauchen und den nicht bekommen können, dann sterben sie. Wenn Kinder durch kriegerische Handlungen verletzt werden oder an Cholera erkranken und das Krankenhaus nicht mehr erreichen können, obwohl es eigentlich erreichbar wäre, ist das Ergebnis dasselbe: Dann sterben diese Kinder.

Ihre Einsätze sind nicht immer ungefährlich. Erst kürzlich ist in Afghanistan eine Entbindungsstation Ihrer Organisation angegriffen worden. Wie gehen Sie damit um?

Was Afghanistan angeht, könnte ich sehr emotional werden. Es ist schon dramatisch, wenn Sie als Arzt oder Ärztin in einer Einrichtung arbeiten und spüren, dass allein Ihre Anwesenheit eine Gefahr für die Patienten und Patientinnen ist. In Kriegsgebieten sind Sie als Arzt oder Ärztin ein Ziel kriegerischer Handlungen. Das ist für mich inakzeptabel, es ist gegen das Völkerrecht. Wir agieren nicht kopflos. Wir werden niemals ein Projekt weiterführen, wenn wir wissen, dass wir uns und unsere Patienten und Patientinnen in Lebensgefahr bringen.

Und Sie persönlich?

Ich war in vielen dieser Länder und hatte eigentlich nie Angst. Mein Mann war in einem Projekt in Pakistan als ein Anschlag stattfand. Da war ich sehr besorgt. Wenn man selbst in den Projekten mitarbeitet, relativiert sich einiges.

Sie waren selbst oft im Einsatz, unter anderem im Haiti, im Kongo, in Kenia – und in Frankreich. Warum denn in Frankreich?

In Calais gibt es eines der bekanntesten Flüchtlingslager Europas. Dort herrschen ähnliche Zustände wie in Moria. Dort habe ich mitgearbeitet, weil über die Feiertage Kollegen und Kolleginnen gefehlt haben.

Anders gefragt: Warum braucht Frankreich die Hilfe von „Ärzte ohne Grenzen“?

Nicht Frankreich hat uns gebraucht, sondern die Migranten und Migrantinnen. Da leben Menschen unter Bedingungen, die nicht akzeptabel sind. Man muss sich fragen, ob die Regierung dort ihrer Pflicht nachkommt. Es war für mich ein schwerer Prozess, zu akzeptieren, auch in einem hochentwickelten Land helfen zu müssen – weil bestimmte gesellschaftliche Gruppen von der medizinischen Versorgung ausgeschlossen sind. Auch wir im Westen haben Lücken in der Versorgung von Menschen.

Sie sind seit langem engagiert. Deprimiert es Sie, dass die Lage nicht besser wird?

Zu glauben, dass man in der humanitären Hilfe während eines Arbeitslebens etwas verändern kann, ist unrealistisch. Ich habe nicht die Arroganz, zu erwarten, dass ich die humanitäre Situation weltweit so beeinflussen werde, dass wir überflüssig werden. Auch wenn das mein Wunsch wäre. Ich mache aber vielleicht einen Unterschied im Leben von einzelnen Menschen.

Warum tun Sie das eigentlich alles? Sie könnten sich ja auch im Allgäu ein schönes Leben machen.

Diese Frage kommt immer wieder und jedes Mal denke ich: Das, was ich tue, ist doch nichts Besonderes. Das, was ich bei „Ärzte ohne Grenzen“ mache, versuche ich auch hier im Allgäu zu tun. Wenn ich hier Hausärztin bin, bin ich für die Menschen mit kleinen und großen Sorgen da. Ich fühle mich nicht besonders, bei dem, was ich tue. Ich habe diesen Beruf nun mal gelernt und mein Beruf ist es, Menschen medizinisch zu versorgen.

Belasten die Einsätze auch?

Es ist allein schon körperlich extrem anstrengend, da braucht man auch Erholung, wenn man nach Hause kommt. Ich persönlich kann diese Arbeit machen, weil ich hier meine Familie und meine Freunde habe, die das alle mittragen. Wenn Sie zurückkommen, brauchen Sie jemanden, mit dem Sie Ihre Erlebnisse besprechen können.

Wie erholen Sie sich?

Freunde, gutes Essen, Wandern – und vor allem Schlafen. Einmal bin ich von einem Einsatz zurückgekommen und habe gesagt: Ich brauche jetzt eine Woche zum Schlafen.

Der Liebe wegen nach Deutschland gekommen


Die gebürtige Französin wuchs in Dijon auf und begann dort auch mit dem Medizinstudium. Dabei lernte sie ihren heutigen Mann kennen, der ein Auslandssemester absolvierte. Der Liebe wegen zog Amy Neumann-Volmer dann  nach Deutschland und studierte in Heidelberg weiter. Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Mann eine Praxis in Amtzell im Allgäu. Seit
vielen Jahren engagieren sich beide bei „Ärzte ohne Grenzen“, 2019 wurde Neumann-Volmer zur Vorstandsvorsitzenden der deutschen Sektion gewählt. Sie hat drei erwachsene Töchter und zwei Enkelkinder.