Sie ist nicht nur eine populäre Schauspielerin, sondern auch die Lebensgefährtin von Außenminister Heiko Maas (SPD) – doch über ihr Privatleben spricht Natalia Wörner nicht gerne. Im Justizdrama „Wahrheit oder Lüge“ verkörpert sie eine auf Sexualdelikte spezialisierte Anwältin, die männliche Klienten verteidigt. Als ein neuer Mandant eine Freundin von ihr vergewaltigt haben soll, gerät sie jedoch in einen Gewissenskonflikt.

Frau Wörner, in Ihrem neuen Film spielen Sie eine Anwältin, die Männer in Vergewaltigungsklagen verteidigt. Ist dieser Film in Zusammenhang mit der MeToo-Debatte entstanden?

Natalia Wörner: Interessanterweise gab es die erste Idee zu dem Projekt schon vor Oktober 2017, also noch vor der MeToo-Debatte. Als die Debatte dann in Fahrt kam, hat sich der Filmstoff ebenso weiterentwickelt, so wie wir uns alle durch und mit dieser Debatte weiterentwickelt haben. Durch diese Sensibilisierung, durch die gesamte Diskussion, ist dann letztendlich dieses Drehbuch entstanden.

Im Film bezichtigen Frauen Partner und Chef der Vergewaltigung, aber nicht immer sind die Männer schuldig . . .

Wir wollten uns mit dem Film in einen Graubereich begeben. Es geht um den schwierigen Moment, in dem zwei Menschen gemeinsam eine Situation erleben, doch beide erleben etwas anderes. Dieser Graubereich fängt bei subtilen, alltäglichen Dingen an und endet womöglich in gewalttätigen Formen. Mit dem Film wollen wir die MeToo-Debatte da abholen, wo sie heute steht.

Und das wäre . . ?

Jetzt gerade geht es in der Gesellschaft darum, dass man ein Bewusstsein dafür entwickelt, wo sexuelle Belästigung anfängt, mit welchen Blicken, mit welchen Kommentaren oder Berührungen. Dass sich das alles im Moment neu definiert, ist schon sehr lobenswert. Und eine Befreiung, übrigens auch für die Männer. Ich kenne viele Männer, die froh sind, dass eine bestimmte Form von toxischer Männlichkeit heute klar definiert und abgelehnt wird. Das sind lauter Etappensiege.

Sie haben mal gesagt, dass Sie keine negativen Erfahrungen, zum Beispiel mit aufdringlichen Regisseuren, gemacht haben.

Dass ich gar keine negativen Erfahrungen gemacht habe, stimmt natürlich nicht. Am Anfang ging es bei MeToo ja um brutale Übergriffe und Vergewaltigung, und so etwas habe ich Gott sei Dank nie erlebt. Aber die subtile, alltägliche Form von Sexismus im weitesten Sinne ist mir auch begegnet. Ich möchte eine Frau über 30 erleben, die das nicht kennt.

Haben Sie als Model früh gelernt, unerwünschten Annäherungsversuchen Grenzen zu setzen?

In meiner Biographie habe ich früh gelernt, mich relativ angstfrei zu bewegen und auszudrücken. Das lag auch an der Art, wie ich aufgewachsen bin, nämlich ausschließlich unter Frauen, und dadurch habe ich mich gewissen männlichen Autoritäten stets ohne Hemmungen und Ängsten gestellt. Ich will mich da gar nicht selber loben, das war einfach Teil meiner Erziehung.

Jetzt spielen Sie eine Anwältin, die sich auf Sexualdelikte von Männern spezialisiert hat und dabei auch Schuldige verteidigt. Das könnte man unsympathisch finden . . .

Die Sympathiefrage hat sich mir bei der Figur nie gestellt. Das ist eben der Beruf einer Anwältin. Wir leben in einem Rechtsstaat – und es ist der Beruf einer Anwältin, auch Schuldige zu verteidigen. Ich bin im Rahmen meiner Vorbereitung auf diesen Film oft in Berlin ins Gericht gegangen und habe einige Fälle mitverfolgt.

Bisweilen beklagen Männer infolge der MeToo-Debatte eine große Verunsicherung. Im Film heißt es an einer Stelle sogar: „Es ist kein einfaches Jahrzehnt für Männer.“ Ist da was Wahres dran?

Ich finde es gut, dass die Männer verunsichert sind. Gleichstellung gab es aus weiblicher Perspektive doch nie. Dann kommt immer dieses berühmte Argument, dass sich Männer heutzutage nicht mehr trauen, mit einer Frau gemeinsam im Fahrstuhl zu fahren. Das ist lächerlich. Wie viele Frauen waren beim Fahrstuhlfahren in der Vergangenheit unfreiwillig anzüglichen Blicken, Kommentaren und Berührungen ausgesetzt? Und lange Zeit gab es keine Sprache für ihre Gefühle, kein Instrumentarium, das zu verorten und sich abzugrenzen.

Hat sich auch in der Filmbranche der Umgangston geändert, das Miteinander zwischen Männern und Set?

Ja, aber nicht nur in der Filmbranche. Ich finde es nicht gut, dass immer alles an der Filmbranche festgemacht wird, wegen Fällen wie Weinstein oder Wedel. Nennen Sie mir eine Redaktion, ein Parlament oder ein Krankenhaus, wo es nie Probleme mit Sexismus gab. Ich denke, die Tonalität hat sich für alle Menschen auf dem ganzen Kontinent verändert.

In den USA gibt es inzwischen so genannte Intimacy Coordinators, die Sex-Szenen so choreographieren, dass keiner der Schauspieler sich unwohl fühlt. Finden Sie das gut?

Ich habe noch nie mit einer Intimacy-Choreographin gearbeitet, aber ich finde es sehr sinnvoll und notwendig – auch für die männlichen Kollegen. Ich habe neulich mit einem schwedischen Kollegen gedreht, der schon mit einer solchen Choreographin gearbeitet hat und der sehr glücklich damit war, dass ihn jemand durch intime Szenen begleitet hat.

Info „Wahrheit oder Lüge“, am Montag (17. Februar), 20.15 Uhr, im ZDF.

Model mit Schauspielstudium in New York


Natalia Wörner kam 1967 in Stuttgart zur Welt und arbeitete nach dem Abitur als Model, bevor sie in New York ein Schauspielstudium absolvierte. Seit 2006 ist sie regelmäßig in der ZDF-Krimireihe „Unter anderen Umständen“ als Ermittlerin zu sehen, zusätzlich spielt sie seit vier Jahren in der Filmreihe „Die Diplomatin“ eine deutsche Botschafterin im Ausland.

Die Schauspielerin hat einen Sohn aus einer geschiedenen Ehe und lebt in Berlin. Ihre Beziehung zu Außenminister Heiko Maas, der ebenfalls zwei Söhne hat, wurde 2016 publik.