Berlin / Von Fabian Ziehe Bei „Pictures“ gilt es, Foto-Motive mit Stöcken, Klötzen oder Bändern nachzubauen. „Die Crew“ wird zum „Kennerspiel des Jahres“ gewählt. Von Fabian Ziehe

Es war ein Triumph des Außenseiters und ein Favoriten-Sieg: Eine zehnköpfige Kritiker-Jury kürte am Montag in Berlin das Kreativspiel „Pictures“, erschienen beim nahe von Hamburg ansässigen PD-Verlag, zum „Spiel des Jahres 2020“. Damit gewann nach Meinung vieler Beobachter der Brettspielszene ein absoluter Außenseiter. Der „Rote Pöppel“, die weltweit wichtigste Auszeichnung für Gesellschaftsspiele, geht somit nach Weinstadt-Endersbach im Rems-Murr-Kreis bei Stuttgart.

Dort war die Freude überwältigend: Das Autorenehepaar Daniela und Christian Stöhr war per Video zugeschaltet. „Wir können es nicht glauben“, stotterte Daniela Stöhr ins Mikrofon – dann verschlug es den beiden vollends die Sprache. Sie hatten gemeinsam das Kreativspiel „Pictures“ entwickelt, bei dem mit Materialien wie Stöcken, Bauklötzen, Steinen, Schnürbändern und farbigen Holzwürfeln Foto-Motive nachgebaut werden. Die Mitspieler versuchen zu erraten, welches Foto aus einer großen Bilder-Auslage gemeint ist. Ein ebenso spannendes und kreatives wie leicht zugängliches Spiel, urteilte die Jury.

Außenseiter triumphiert

„Pictures“ hat somit das taktische Legespiel „Nova Luna“ von Großmeister Uwe Rosenberg verdrängt – und auch das von vielen favorisierte Städtebauspiel „My City“ des Autoren-Routiniers Reiner Knizia.

Letzteres hat der Stuttgarter Kosmos-Verlag veröffentlicht – der muss sich aber nicht grämen: Sein zweites Spiel, „Die Crew“, gewann in der Kategorie „Kennerspiel des Jahres“. Der Autor kommt vom Bodensee: Der Konstanzer Thomas Sing.

Er hatte – zu Hause im Bett liegend – die Idee zu dem kooperativen Stichspiel: Die Spieler müssen mit ihren Handkarten von Runde zu Runde schwierigere Aufgaben lösen. Wer etwa soll wann welche Karte, Augenzahl oder Farbe als Stich bekommen? Obwohl man sich nicht absprechen darf, sei „Kommunikation die Essenz des Spiels“, sagt Sing. Wie Skat- und Schafskopf-Spieler lernten die Spieler peu à peu, wie man nur durch das Ausspielen der Hand und dem Zeigen einer einzigen seiner Karten dem Mitspieler etwas über sein Blatt verrät.

„Die Crew“ galt schon kurz nach Erscheinen im Herbst als Titel-Aspirant. Wobei, wie so oft seit der vor neun Jahren eingeführten zusätzlichen Kategorie „Kennerspiel“, diskutiert wurde, ob es sich um ein klassisches Familienspiel oder einen anspruchsvolleren Titel handelt. Die Jury entschied sich für letzteres. So setzte es sich in dieser „anthrazitfarbenen“ Kategorie gegen das Würfel-und-Abkreuz-Spiel „Der Kartograph“ von Jordy Adan und das episodenhafte Verhandlungsspiel „The King’s Dilemma“ von Lorenzo Silva, Hjalmar Hach und Carlo Burelli durch.

Der in der Kosmos-Verlagsleitung für Spielwaren verantwortliche Heiko Windfelder erklärte, man habe schon beim ersten Testen von „Die Crew“ gemerkt, dass man da etwas „ganz Besonderes“ auf dem Tisch habe. Dass die Stuttgarter schon seit längerem ein gutes Händchen haben, zeigte ein Video zu Beginn der Verleihung: Es erzählte die Geschichte des vor 25 Jahren erschienen Spiels „Die Siedler von Catan“, mit dem Autor Klaus Teuber und Kosmos das „Spiel des Jahres 1995“ gewannen und eine Initialzündung in der Szene bewirkten. Es gelte längst als „erster Klassiker des modernen Brettspiels, sagte der Jury-Vorsitzende Harald Schrapers.

Corona bringt neuen Schub

An der Erfolgsgeschichte wollte die Jury 2020 festhalten. Zwar fand die Verleihung Corona-bedingt im kleinen Rahmen statt. Dennoch habe man trotz des Shutdowns mitten in der Hochphase der Jury-Arbeit den Preis nicht ausfallen lassen – „weil wir das dem Kulturgut Spiel schuldig sind“, so Schrapers.

Immerhin habe das Brettspielen, zusätzlich zu dem seit Jahren ungebrochenen Booms der Branche, in der Hochphase von Corona weiteren Zuspruch erfahren. Paradoxerweise habe sogar das Spielen per Video-Konferenz den Spielern und der Jury Spaß bereitet, berichtete Schrapers. Aber das reale Spiel Auge in Auge mit einem direkten Gegenüber „kann das nicht eins zu eins ersetzen“.

Kriterien für die Wahl

Kinderspiel des Jahres Bereits vor einem Monat wurde das „Kinderspiel des Jahres 2020“ gewählt: Es gewann „Speedy Roll“ des russischen Autors Urtis Šulinskas vor „Foto Fish“ von Michael Kallauch und „Wir sind die Roboter“ von Reinhard Staupe.

Das Gremium des Vereins „Spiel des Jahres“ sondiert jährlich den Spielemarkt und wählt aus mehreren hundert Neuerscheinungen in verschiedenen Kategorien das beste Spiel aus. Bewertet werden Idee, Regelgestaltung, Layout und Design. Anliegen des Vereins ist es, Brett-, Karten- und Gesellschaftsspiele als Kulturgut zu fördern. Die Auszeichnung wird seit 1979 vergeben.