Wer mit Anne Donath reden will, muss sich auf den Weg zu ihr machen, denn per Telefon ist sie nicht zu erreichen.“ Mit diesem Satz begann vor 15 Jahren unsere Reportage über eine Frau, die von sich sagte: „Ich habe allen Ballast abgeworfen.“ Ein Leben ohne Komfort in einem vier mal vier Meter kleinen Holzhaus auf einer Wiese im oberschwäbischen Steinhausen – bescheiden, bodenständig und bestaunt von Neugierigen aller Art.

Minimalismus ist heute Lifestyle. Marie Kondo macht es auf Netflix vor, in den Buchhandlungen stapeln sich, paradoxerweise, die Ratgeber. Die Wohlstandsgesellschaft zelebriert die Kunst des Weglassens. Anne Donath wusste schon damals, wie befreiend das sein kann.

Wie geht es ihr heute mit 70 Jahren? Braungebrannt sitzt sie mit ihrem Hund, einer Mischung aus Border Collie und Jack Russell, auf der Treppe vor ihrem Haus. Helle Sonnen-Strähnchen im Haar, im Gesicht ein leises, entspanntes Lächeln: „Bis jetzt“, sagt sie, „ist mein Experiment geglückt.“

Nicht wenige hatten da so ihre Zweifel. Allen voran die notorischen Besserwisser, meist völlig fremde Männer, die sich damals, wenn sie im Garten entspannt in der Hängematte lag, vor ihr aufbauten, um ihr das Leben zu erklären: Sie werde das nicht lange durchhalten, werde im Alter auf die Unterstützung der Allgemeinheit angewiesen sein, verwirkliche ihren Traum also auf Kosten anderer. Hätte sie darauf gehört, könnte sie heute nicht stolz sagen: „Es war gut, sich nicht beirren zu lassen. Meine Art der Altersvorsorge war gar nicht so dumm.“

Alles beginnt damit, dass ihre Ehe zerbricht. Anne Donath, die drei Töchter großgezogen hat, lässt sich zur Krankenschwester ausbilden, arbeitet ganztags in der Psychiatrie in Bad Schussenried, verdient ihr eigenes Geld. Doch wird das für ein gutes Leben im Alter reichen?

Mitte 30 macht sie zum ersten Mal ihre eigene Rechnung auf: Aus der Ehe hat sie Anspruch auf 124 Mark Versorgungsausgleich. Eine eigene Rente muss sie sich erst noch erarbeiten. Nach und nach setzt sich ein Gedanke fest: Warum nicht möglichst einfach leben, ein Grundstück kaufen und ein kleines Holzhaus bauen, um im Alter mietfrei zu wohnen? ­16 Quadratmeter, plus Keller und Dachboden, nur mit dem Allernötigsten ausgestattet, was geringe Fixkosten bedeutet. Kein Strom und kein Warmwasser. Stattdessen: Kerzen, ein Camping-Gaskocher, Brennholz für den Ofen. Bleiben die Kosten für Wasser, den Kaminkehrer, Müllabfuhr, Grundsteuer und Versicherungen. Wie viel Kredit kann sie ohne Eigenkapital nehmen? Die Bank gibt ihr ein Darlehen über 135 000 Mark. Davon kauft sie ein Grundstück, wenige Kilometer vom Arbeitsplatz entfernt. Mancher im Ort hält ihr Projekt für „völlig unangemessen“, doch das Bauamt gibt grünes Licht.

Weihnachten 1993 zieht Anne Donath in ihr Holzhaus, das nach ihren Wünschen gebaut worden ist: ein lichtdurchfluteter Raum mit Dielenboden, Sprossenfenstern und knisterndem Bullerofen. Ihre Matratze legt sie vor das große Fenster, so kann sie im Liegen die Vögel im verschneiten Garten beobachten. Ein Schrank, eine Kleidertruhe, ein Regal, ein Schaffell auf dem Boden, Vorhänge. Mehr braucht sie nicht, mehr will sie nicht. Anne Donath baut Gemüse an, ihre Pullover strickt sie selbst, die Kleidung wäscht sie mit der Hand, zur Arbeit fährt sie mit dem Rad.

„Wie viel Mühe kostet ein neues Auto?“

Schneller als gedacht ist ihr Haus abbezahlt. Jetzt fehlt nur noch eines: Mehr Zeit für sich selbst. In den letzten Berufsjahren reduziert sie ihre Arbeit auf
20 Prozent, bündelt die Tage und arbeitet im Sommer am Stück, wenn viele
Kollegen in den Urlaub wollen. Sie lebt von 420 Euro netto und sagt: „Das reicht mir gut.“

15 Jahre später: Wo ist das Haus mit dem weiten Blick über Wiesen und Felder? „Alles zugebaut“, sagt Anne Donath. „Ich wohne jetzt mitten im Neubaugebiet.“ Ob sie das stört? „Nein, ich verstehe gut, dass jeder sein eigenes Haus haben möchte. Aber die Häuser werden immer größer und teurer und die Menschen immer mehr zum Sklaven ihrer Lebensentwürfe. Statt einfach klein zu bauen.“

Von Anfang an fragt man sie, ob das Leben ohne Komfort, an dem sie bis heute festhält, nicht anstrengend sei. Sie antwortet immer noch: „Wie viel Mühe nimmt ein Mensch für ein neues Auto auf sich?  Wenn ich etwas vermissen würde, dann würde ich es mir kaufen oder mich anders organisieren.“

Anne Donath ist weder dogmatisch noch technikfeindlich. Seit einiger Zeit besitzt sie ein Smartphone. „Ich finde es toll, bei Wikipedia nachschauen zu können, wenn ich etwas wissen will, Mails zu empfangen und im Urlaub auf Kreta per App SWR 2 zu hören.“ Mit WhatsApp aber ist das „Zu viel“-Gefühl wieder da: „Jeder schickt irgendwas, auf das man antworten soll, obwohl man es nicht haben will. Das brauche ich nicht.“

Urlaub auf Kreta? Macht Anne Donath seit einiger Zeit im Spätherbst und Winter, weil es ihr guttut. Für 300 Euro pro Monat mietet sie sich dann eine kleine Ferienwohnung, die im Sommer 65 Euro pro Tag kostet. Auf der Insel genießt sie die Sonne, schließt Freundschaften, lernt Griechisch, träumt von weiteren zehn Wintern in der Wärme. „Auch das ist ein Ergebnis meiner Art zu leben“, sagt sie. In der Ferienwohnung gibt es, anders als in Steinhausen, einen Tisch, Stühle und ein Bett, so dass sie nicht vom Matratzenlager aufsteht, nicht im Schneidersitz auf dem Boden frühstückt und kein Holz für den Ofen hackt. „Als ich dieses Frühjahr von Kreta zurückkam, war ich ziemlich eingerostet. Von allzu viel Bequemlichkeit im Alter würde ich eher abraten“, sagt sie augenzwinkernd.

Das schließt nicht aus, dass sie eines Tages den Bauern bittet, das Holz ofenfertig zu liefern. Das Gärtnern hat sie schon vor Jahren aufgegeben, als sie merkte, dass es nicht ihr Ding war. „Kartoffelkäfer töten, Schnecken töten, Unkraut vernichten, das ging mir auf den Geist. Übriggeblieben ist, was ich nicht verteidigen muss.“ Die Löwenzahnblätter für den Salat, die wilden Erdbeeren von der Hand in den Mund, die knackigen Haselnüsse. Zwei Mal im Jahr mäht sie. Nicht mehr so oft wie früher, als ihre drei Enkel, die ihr Leben ziemlich spannend finden, noch zarte Füßchen hatten. Ändern wird sich wohl auch die Sache mit dem Strom: Noch lädt sie ihr Smartphone auf der Terrasse der Nachbarin auf und geht mit ihr dafür zum Pizzaessen. Inzwischen liebäugelt sie mit einer kleinen Solaranlage.

„940 Euro – damit bin ich reich“

Finanziell steht Anne Donath heute besser da, „als ich je gedacht hätte“. 811 Euro gesetzliche Rente, inklusive Mütterrente für drei Kinder. Plus 130 Euro Betriebsrente. „Sind 940 Euro netto für mich ­allein. Minus 50 Euro Nebenkosten. Das ist doch toll. Damit bin ich reich.“

Mit ihrer Art zu leben, ist Anne Donath noch immer eine Attraktion, mancher führt seinen Sonntagsnachmittagsbesuch bei ihr vorbei. Eine ihrer Töchter hat anfangs befürchtet, die Mutter könne ausgegrenzt werden, doch die Sorge ist umsonst gewesen. Anne Donath hat heute Freunde und Bekannte in Steinhausen. „Ich gehöre richtig dazu.“

Auch politisch haben sich die Zeiten geändert: Immer mehr Menschen wollen ihren Konsum reduzieren, nachhaltiger leben, manche sogar in Tiny Houses, oft mobilen Mini-Häusern. Man könnte meinen, Anne Donath sei ihrer Zeit weit voraus gewesen, aber sie sagt: „Ich war und bin nicht der grüne Engel, zu dem man mich manchmal hochstilisiert. Ich wollte einfach mein Leben nur so frei wie möglich führen.“ Wie sie diese Freiheit nutzt? Vor Jahren hat sie ein Buch über ihr Leben geschrieben, das sie hin und wieder aktualisiert – „Wer wandert, braucht nur, was er tragen kann.“ Sie wird zu Veranstaltungen eingeladen, fotografiert leidenschaftlich, liest viel, spielt Querflöte, besucht Konzerte, hört Radio, ist gut informiert. Und nimmt sich Zeit für ihre Familie, für lange Gespräche mit Freunden, Waldspaziergänge mit dem Hund – und Träumereien.

„Bis heute“, sagt sie, „fühlt sich alles richtig an. Was morgen kommt, weiß ich nicht.“ Es gebe so viele Arten, im Alter behindert zu sein: nicht mehr laufen, nicht mehr sehen zu können, die Erinnerung zu verlieren. „Ich kann mich nicht auf etwas Konkretes vorbereiten. Vielleicht trifft mich das alles ja auch nicht. Wenn doch, werde ich mit meinen Töchtern überlegen, was zu tun ist.“ Notfalls könne sie ihr Grundstück verkaufen. Etwa 60 000 Euro sei es wert. „Ich werde niemandem auf der Tasche liegen.“

Sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Dinge auch wieder loszulassen, bleibt selbst für Anne Donath eine Herausforderung. Bücher vom Flohmarkt, Gebasteltes ihrer Enkel, geschenkte Vasen und Leuchter. Wenn sie etwas nicht mehr braucht, bringt sie es auf den Dachboden. Liegt es dort länger als ein Jahr, gibt sie es weg.

Nur von ihren Fotoalben wird sie sich nicht trennen. Auf jeder Seite eine große Aufnahme, farbenprächtig, berührend, kunstvoll – eine Blüte, das Meer, Dächerlandschaften. „Das ist mein Erinnerungspäckchen für später“, sagt sie. „Dann denke ich zurück an die Zeit, in der ich mit meiner Kamera durch den Garten gekrochen bin, um jeden Grashüpfer zu fotografieren.“ Das Schöne daran: Keiner sei wie der andere. „Selbst auf kleinstem Raum entdeckt man ganz verschiedene Persönlichkeiten.“

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