Der Ort ist unscheinbar. Im Zentrum von Würzburg unterhält der Zentralrat der Juden ein kleines Büro. Drei Räume für Mitarbeiter, den Präsidenten Josef Schuster und dessen Personenschützer. Seit Josef Schuster im Juni seine Internisten-Praxis aufgegeben hat, sitzt er noch häufiger an diesem Schreibtisch. „Meine Frau sagt schon, sie sehe mich noch seltener als davor“, sagt Schuster und lacht. Die Vermittlung jüdischen Lebens in Deutschland ist seine Passion. Da ist der 66-Jährige in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Doch die Aufgabe zieht Anfeindungen nach sich. Selbst das ehemalige Praxisschild wird von Schmähungen nicht verschont. Schuster lässt sich davon nicht beirren.

Herr Schuster, Sie sind seit Ende 2014 an der Spitze des Zentralrates der Juden. Hat das Ihren Blick auf Deutschland verändert?

Ich würde nicht sagen, dass sich der Blick verändert hat. Aber in den vergangenen fünf Jahren mussten wir Dinge erleben, die ich mir in dieser Form nicht vorstellen konnte und die vor zehn Jahren außerhalb jeder reellen Vorstellung waren.

Sie meinen damit Gewalttaten gegen Juden wie den Angriff auf die Synagoge von Halle, der sich am 9. Oktober jährt. War dieser Anschlag eine Zäsur?

Ja. Doch die Sicherheitsbehörden haben schnell reagiert. Bundesinnenminister Horst Seehofer berief wenige Tage danach eine Sonderkonferenz der Innenminister ein. Da wurden die bestehenden Sicherheitsmaßnahmen hinterfragt und angepasst. Dadurch wurde die Angst von Juden gemindert, weiterhin eine Synagoge aufzusuchen.

Wurden die richtigen Lehren gezogen?

Von Seiten der Politik ja. Inwieweit der Einzelne die richtigen Schlüsse daraus gezogen hat, weiß ich nicht.

Mit Ihrem Engagement für jüdisches Leben in Deutschland sind Sie in die Fußstapfen Ihres Vaters getreten. Was treibt Sie an?

Meine Familiengeschichte. Mein Vater hat sich 38 Jahre lang für die jüdische Gemeinde engagiert. In unserer Wohnung fand ein Großteil der Gemeindearbeit statt. Das hat meine Kindheit geprägt. Ich hänge daran und will das fortführen.

Leicht war das für Ihren Vater sicher nicht.
Er wurde von den Nazis enteignet und war
in den Konzentrationslagern Dachau und
Buchenwald inhaftiert.

Mein Großvater und mein Vater waren inhaftiert. Die Nazis drängten meinen Großvater, ihnen seine Immobilien in Bad Brückenau zu überschreiben. Dafür kamen er und mein Vater aus dem KZ Buchenwald 1938 frei und konnten mit der Familie nach Palästina auswandern, wo meine Eltern sich kennenlernten. 1954 wurde ich in Israel geboren.

Ihr Vater, David Schuster, ist 1956 nicht nur nach Deutschland zurückgekehrt. Er hat sich fortan für dieses Land eingesetzt.

Ja, ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem man sich bewusst zu einem Leben als Jude in Deutschland bekannt hat. Die Überlegung mancher Familien – wir bleiben nur vorübergehend – gab es bei uns nicht. Ich bin bewusst als jüdisches Kind in Würzburg aufgewachsen. Die Shoah war kein Tabu-Thema für uns. Sie kam aber auch nicht bei jedem Frühstück, jedem Mittagessen und jedem Abendessen zur Sprache.

Das Engagement führte zu Begegnungen mit Menschen, die Ihrer Familie übel mitgespielt hatten. Wie ging Ihr Vater damit um?

Je offener das Gegenüber war, desto mehr konnte mein Vater das respektieren. Ich erinnere mich an einen Fahrlehrer in Bad Brückenau, der meinem Vater sagte: „Herr Schuster, ich war auch bei der SS. Das war ein Fehler.“ Solch ein Eingeständnis hat mein Vater geschätzt. Er hat mir als Jugendlichem bei eben diesem Fahrlehrer sogar einige Fahrstunden spendiert. Sarkastisch wurde mein Vater, wenn jemand erzählte, wie viele Juden er angeblich versteckt hätte. Da konnte mein Vater schon fragen, warum der Betreffende die Juden dann nach dem Krieg nicht aus dem Versteck gelassen habe. Für meine Mutter, deren Eltern in Auschwitz ermordet wurden, war die Rückkehr nach Deutschland schwieriger. Sie fühlte sich unwohl, wenn sie deutsche Uniformen sah.

Bei Ihrem Amtsantritt sagten Sie, dass Sie jüdisches Leben in Deutschland vermitteln möchten. Wird es schwieriger, Verständnis für religiöse Bräuche wie zum Beispiel das Schächten oder die Beschneidung von Jungen zu wecken?

Als ich das Amt als Zentralratspräsident antrat, wollte ich auch das Positive am jüdischen Leben vermitteln. Doch mir war schon klar, dass negativ besetzte Themen wie der Antisemitismus einen breiten Raum einnehmen würden. Warnen möchte ich davor, jüdisches Leben auf Beschneidung und Schächten zu reduzieren. Das sind zwei Themen, die gerne von Menschen hervorgehoben werden, die generelle Vorbehalte gegen Juden haben.

Inzwischen müssen Sie häufig Stellung nehmen nach Übergriffen auf Juden und antisemitischer Hetze. Macht Sie das mürbe?

Das sind sicher keine Themen, die einen begeistern. Ich kann heute besser eine Äußerung meiner Vorgänger Ignatz Bubis und Paul Spiegel verstehen, die am Ende ihres Lebens gefragt haben: Was habe ich überhaupt erreicht? Ich habe manchmal auch das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen. Mürbe macht mich das aber nicht.

Haben Sie eine Erklärung, warum sich so viele Menschen radikalisieren?

Ja. Wir haben mit der AfD eine Partei im Bundestag, die zunächst mit Worten – „Denkmal der Schande“, „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ – den Boden für diese Stimmung bereitet. Irgendwann werden aus Worten Taten. Das haben wir nach meiner Einschätzung nicht nur in Halle gesehen, sondern auch beim Anschlag in Hanau und bei der Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Die AfD würde das zurückweisen. Sie schmückt sich ja mit der Gruppierung
„Juden in der AfD“. Ist das ein Feigenblatt oder sind Sie mit deren Vertretern im Gespräch?

Der Begriff Feigenblatt trifft es genau. Auf dem Höhepunkt der Fluchtbewegung 2015/16 kamen innerjüdisch Sorgen auf, dass da auch Menschen kommen, die von Zuhause antijüdisches Gedankengut mitbringen. Auch ich habe damals gemahnt, ohne mich jedoch gegen die Zuwanderung zu stellen. Die AfD angelte damals viele Stimmen, zum Teil auch unter Juden. Doch wäre es ein Trugschluss, die AfD als Partei einzustufen, die sich für eine Minderheit wie uns Juden einsetzt. Heute hetzt sie gegen Geflüchtete und Muslime, morgen könnten wir an der Reihe sein.

Neuerdings tauchen bei Demos gegen ­Anti-Corona-Maßnahmen antisemitische Verschwörungsmythen auf. Werden da alte ­Stereotype lebendig?

Ja. Schon während der Pest im Mittel­alter wurden Juden beschuldigt, das Wasser vergiftet zu haben. In Folge davon wurden zum Beispiel hier in Würzburg Synagogen niedergebrannt. Immer wenn etwas geschieht, das die Menschen verängstigt und das sie sich nicht rational erklären können, werden Schuldige gesucht. Juden als Minderheit rücken da schnell in den Fokus.

Rechtsextreme nutzen dieses Podium. Waren Politik und Gesellschaft blind auf dem rechten Auge?

Ich würde nicht sagen: blind. Allerdings glaube ich, dass die Justiz auf dem rechten Auge eine Sehschwäche hat. Ich bin froh, dass das Strafgesetzbuch dahingehend geändert wurde, dass nicht mehr nur rassistische, sondern auch antisemitische Motivationen strafverschärfend wirken. Jetzt sollte noch genauer vermittelt werden, was antisemitisch ist. Die Justiz hat hier erheblichen Nachholbedarf. Ich hoffe, dass Antisemitismusbeauftragte bei den Generalstaatsanwaltschaften in Bayern und Berlin den Blick schärfen können und solche Beauftragte in anderen Bundesländern auch eingesetzt werden.

Verbale Entgleisungen werden von Gerichten oft als Meinungsfreiheit eingestuft.

Der Begriff der Meinungsfreiheit wird in meinen Augen oft zu weit gefasst. Es gibt Grenzen, wenn Menschen bedroht und beleidigt werden. Da braucht es ein klares Signal von der Justiz.

Rechtsradikale Netzwerke gibt es auch in den Sicherheitsbehörden. Haben Sie noch Vertrauen in die Polizei?

Zunächst einmal ist nachvollziehbar, dass Polizei und Militär auch eine gewisse Anziehungskraft für Menschen mit rechtem Gedankengut haben. Doch dürfen Rechtsradikale im Sicherheitsapparat keinen Platz haben. Gut ist, dass jetzt hin­geschaut und aufgeräumt wird. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat mit der Auflösung einer Einheit der Elitetruppe KSK ein wichtiges Zeichen gesetzt. Klar muss sein, dass, wer rechtsradikale Vorfälle meldet, kein Kameraden-Schwein ist. Im Gegenteil: Er tut etwas, um den Ruf der Polizei und der Sicherheitsbehörden zu verbessern.

Gibt es Zeichen, die Ihnen zeigen, dass Verantwortliche in Staat und Gesellschaft aus den Versäumnissen gelernt haben?

Wir wissen, dass Vorurteile in der Bevölkerung nicht innerhalb weniger Jahre verschwinden. Zum Beispiel Feindseligkeiten, die vor der Shoah etwa von Kirchenkanzeln gepredigt wurden, halten sich bis heute und werden weitergegeben. Da sind die Kirchen in der Verantwortung gegenzusteuern. Sie tun das auch.

Kennen Sie jüdische Menschen, die den Glauben an Deutschland verloren haben und das Land verlassen wollen?

Das Thema Auswanderung ist für die meisten Juden in Deutschland aktuell kein Thema mehr. Die Koffer sind ausgepackt. Sie bleiben das auch. Nur der ein oder andere schaut schon mal, wo er die Koffer hingestellt hat.

Nächstes Jahr feiern wir 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Welche Botschaft soll von diesem Ereignis ausgehen?

Das Thema Judentum wird häufig gleichgesetzt mit der Shoah. Auch im Schulunterricht. Oft fehlt das Wissen, dass es jüdisches Leben in Deutschland seit 1700 Jahren gibt. Denn jüdisches Leben ist in Deutschland nichts Exotisches. Es mag manche überraschen, welchen wissenschaftlichen und kulturellen Beitrag Juden in Deutschland geleistet haben. Das wollen wir zeigen.

Engagiert für die jüdische Gemeinschaft


Seit vielen Jahren engagiert sich Josef Schuster für jüdisches Leben in Deutschland: zunächst als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Würzburg, wo er zur Schule gegangen ist, später im Zentralrat der Juden. 2010 wurde er zu dessen Vizepräsidenten und 2014 zum Präsidenten gewählt. Er ist als Vizepräsident auch im World Jewish Congress und im European Jewish Congress präsent. Bis Ende Juni dieses Jahres praktizierte er als Internist in Würzburg. Seinen Notarzteinsatz in der Region – alle zwei Wochen eine Nacht – führt der 66-Jährige weiter. Geboren wurde Josef Schuster 1954 in Israel. Im Alter von zwei Jahren kam er mit seinen Eltern nach Deutschland.