Arndt Krödel Wegen der Corona-Maßnahmen sind viele Menschen auf sich alleine gestellt. Die Traumatherapeutin Michalea Huber warnt vor den Auswirkungen. Von Arndt Krödel

Manche Menschen sind besonders verletzlich, etwa weil sie eine traumatische Situation erlebt haben. Sie brauchen Unterstützung, fordert die Psychologin Michaela Huber.

Was bringt eine Traumatherapeutin dazu, sich in die Corona-Debatte einzuschalten?

Wir befinden uns in einer potenziell traumatisierenden gesellschaftlichen Situation. Ich habe den Eindruck, dass die Stimme der Psychotraumatologie bislang zu wenig gehört wurde.

Sie sprechen von Kollateralschäden der Corona-Maßnahmen, die langwierig und kostspielig seien. Was meinen Sie damit?

Man hätte im sozialen, psychologischen und psychiatrischen Bereich Kliniken, Betreuungs- und Beratungseinrichtungen nicht von einem Tag auf den anderen schließen dürfen wurden. Kollegen berichten, und ich erlebe das auch selbst, dass die Zahl der psychischen Zusammenbrüche der Menschen zunimmt. Das sehen wir noch nicht in den offiziellen Zahlen. Erst später wird erkennbar werden, wie viel mehr Gewalt gegen Kinder und Frauen, wie viele Suizide von alten Menschen zu verzeichnen sind. Wir erwarten eine deutliche Zunahme von posttraumatischen Belastungsstörungen innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre.

Wie erleben Sie die Folgen der Kontaktbeschränkungen aktuell bei Ihren Patienten?

Die Shutdown-Situation ist zutiefst beunruhigend für viele Menschen, die zum Beispiel Krieg, Flucht, Vertreibung oder Gefangenschaft erlebt haben, die Gewalt erfahren haben  oder die existenzielle Bedrohungssituationen kennen. Das sind alles Grundthemen des Menschen, die jetzt aktiviert werden. Wir haben alle Hände voll zu tun, diese Menschen zu stabilisieren.

Sie vergleichen das Corona-Krisenmanagement der Politik mit einem „autoritären Patriarchen“. Warum?

Wenn man Menschen etwas aufnötigt, was sie in extreme Situationen bringt, dann sollte das, wenn wir uns demokratisch-zivilgesellschaftlich verhalten, so vermittelt werden, dass es  eine Rück­meldemöglichkeit gibt. Es wurde aber von oben herunter ein geändertes Infektionsschutzgesetz  in Kraft gesetzt, praktisch notstandsartig, was bedeutet: Ihr macht jetzt gefälligst, was wir euch sagen, und eure demokratischen Grundrechte sind bis auf Weiteres ausgesetzt. Das führt bei vielen Menschen dazu, dass diese „schwarze Pädagogik“, die sie vielleicht in  ihrer Kindheit erlebt haben, aktiviert wurde.

Sie sehen ein Wiedererstarken von konservativen Strukturen?

Es gibt ein Denken, das glaubt, autoritär verkünden zu können, „weiche“ Themen seien vernachlässigbar, wenn eine große Krise kommt. Das spiegelt sich darin, dass die „starken Männer“ – Herr Söder wird schon als Kanzlerkandidat gehandelt –, die konservativen, patriarchalen Politikstrukturen wieder  mehr Ansehen genießen. Dazu gehört, dass man die Frauen zurück an Heim und Herd bekommen hat: Weil sie weniger verdienen und dann Home­schooling plus Homeoffice plus Versorgen der Kleinkinder übernehmen.

Machen martialische Begriffe wie Kriegs-Metaphern den Menschen nicht Angst?

Es wurde in der Pandemie-Debatte überwiegend mit Angst schürenden Metaphern gearbeitet. Die Gefahr wurde riesengroß dargestellt: „Dieses Virus ist tödlich“, und gleichzeitig wurde gesagt, 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung werden dieses Virus bekommen. Diese Doppelbotschaft führt dazu, dass extreme Angst in der Bevölkerung entstanden ist. Ich rede mit alten Menschen, die Flashbacks von Kriegserfahrungen bekommen.

Allerdings ist Angst nicht gut für das Immunsystem...

Wir hätten auf jeden Fall parallel zu den Schutz- und Hygieneregeln intensive Maßnahmen für den Schutz des Immunsystems betreiben müssen. Man hätte – was die Leute dann selbst organisiert haben – viel Liebendes, Freundliches, Wertschätzendes, Einander-sich-Helfendes aufbauen und fördern müssen. Das ist durch die Panikmache und reale Existenznot der Menschen zunächst untergegangen. Die Isolation auch gegenüber den alten und kranken Menschen war so vollständig, dass sie keinerlei Besuch empfangen durften. Es ging um verletzlichste Menschen, und die durften nicht entscheiden, welche Risiken sie bereit waren einzugehen, um nicht allein Unaushaltbarem wie OPs oder dem Todeskampf ausgesetzt zu sein.

Ist Kritik an den Corona-Maßnahmen überhaupt erwünscht?

Mein Eindruck ist, dass abweichende Meinungen möglichst nicht geäußert werden sollen, weil alle in eine Richtung gehen sollen. Das erschreckt mich zutiefst. In einer demokratischen Zivilgesellschaft muss erlaubt, ja erwünscht sein, Maßnahmen offen zu kritisieren. Wir sehen jetzt schon, dass rechte Randmedien leider ganz viel einsammeln an Unmut und Kritik, die eigentlich, entkleidet von bizarrem Verschwörungsgerede, in die Mitte der Gesellschaft gehören.

Kann die Gesellschaft aus dieser Krise Lehren ziehen?

Der Preis für die Corona-Maßnahmen könnte sehr hoch sein, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich. Es ist jetzt schon sicher, dass diejenigen, die am schlechtesten dran sind, am meisten unter dieser Strategie zu leiden haben – von Obdachlosen über kleine Selbstständige und Künstler bis zu Alten, Behinderten und seelisch Kranken.

Zur Person

Michaela Huber, geboren 1952 in München, ist Psychologische Psychotherapeutin und Ausbilderin in Traumabehandlung. Sie ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Trauma und Dissoziation und Mitbegründerin des Zentrums für Psychotraumatologie in Kassel.