Kaltern / Bettina Gabbe Ihr wechselvolles Leben ist eng verbunden mit den historischen Ereignissen in Südtirol: Die Gastwirtin Paula Morandell erzählt 75 Jahre nach Kriegsende von Verletzungen, harter Arbeit und dem Kampf um Anerkennung. Von Bettina Gabbe

Südtirols traumhafte Bergpano­ramen sind Kulisse für herrlichen Wanderurlaub und dramatische Geschichte zugleich: Paula Morandell erscheint wie ein lebendes Denkmal des Konflikts zwischen deutsch- und italienischsprachigen Bewohnern – und verdankt es neben ihrer Tatkraft auch dem Tourismus, dass sie ihren schwierigen Lebensweg gemeistert hat. „Wenn mir das jemand erzählen würde, und ich es nicht selbst durchgemacht hätte, würde ich sagen: Das kann nicht stimmen“, sagt die 85-Jährige, die mit Sohn, Schwiegertochter und Enkeln ein beliebtes Weinlokal in Kaltern, oberhalb des Kalterer Sees, betreibt.

Ihre mitreißende Geschichte erzählt sie an diesem Morgen, nachdem sie ihr tägliches Bad im Kalterer See genommen hat. In den Sommermonaten fährt sie in der Früh um halb sieben mit dem Auto an den See – zum Café ihres 79-jährigen Bruders Adolf. Dort bereitet sie Tische und Stühle für die Gäste vor und schwimmt danach erst einmal eine Runde. Dafür mache ihr der Bruder einen Kaffee, sagt sie schmunzelnd, während er gleichzeitig ein Auge auf die morgendliche Bewässerung der Wiese vor dem angrenzenden Hotel hat, das er mit Frau und Sohn betreibt.

Italienisch sprechen – oder gehen

Der erfolgreiche Hotelier und die humorvolle Gastwirtin: Das ereignisreiche Leben der Morandells beginnt 1939 mit dem schmerzhaften Abschied aus Südtirol: Paula Morandell zieht mit ihrer Familie wegen des Hitler-Mussolini-Abkommens über die sogenannte „Option“ nach Österreich. Die Südtiroler müssen damals zwischen der Auswanderung und der Zwangsitalianisierung in ihrer Heimat wählen. Das Gebiet ist Italien 1919 zugesprochen und 1920 annektiert worden. Diktator Benito Mussolini bemüht sich nach seinem Aufstieg von 1922 an, aus der damals bitterarmen Grenzregion durch Ansiedlung von Industrie und Arbeitern vor allem aus Venetien ein faschistisches und italienisches Vorzeigeprojekt zu machen. Dem sollen sich die ursprünglichen Bewohner unterwerfen, ihre Sprache aufgeben – oder nach Österreich übersiedeln.

Als der Vater von Paula Morandell durch die Italianisierung der staatlichen Betriebe seinen Posten als Eisenbahner verliert, entscheidet er sich 1939 wie ­
90 Prozent der Südtiroler für die Aussiedlung. Der Zweite Weltkrieg und die Schwierigkeit Italiens, die umsiedlungswilligen Bauern auszuzahlen, führen aber dazu, dass die Mehrheit in Südtirol bleibt. Paula Morandells Vater jedoch besitzt keinen Boden, für den er ausgezahlt werden müsste. Deshalb zieht er mit der Familie über den Brenner nach Norden.

In Baden bei Wien seien sie nicht gut aufgenommen worden, erinnert sich die Wirtin. Wegen ihres Dialekts gelten die Morandells auch in der neuen Heimat zunächst als Fremde. In der Erinnerung bleiben die Jahre dennoch als schönste Zeit der Kindheit haften – mit einer Mutter, die sich als Schneiderin viel Wertschätzung erarbeiten kann. Als die russische Armee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nach Österreich vorrückt, ist es vorbei mit der schönen Kindheit. Der Vater ist in unerreichbarer Ferne als Soldat an der Ostfront, als Paula und ihre vier Brüder in Todesangst mehrfach dabei zusehen müssen, wie die Mutter von russischen Soldaten vergewaltigt wird. Die Tochter und die zwei kleinsten Söhne lässt die Mutter daraufhin illegal über den Brenner schleusen – ohne Koffer, um kein Aufsehen zu erregen, angeblich, um in einer Kirche südlich der Grenze zur Messe zu gehen.

Doch es habe nicht nur Russen gegeben, die Frauen und Mädchen vergewaltigten, sondern auch Menschen wie Juri, erzählt die 85-Jährige. Der habe ihre Mutter anfangs fast erdrosselt, auf das Wehklagen der Kinder hin aber von ihr abgelassen und sich sogar entschuldigt: Deutsche Soldaten hätten seine Frau und seine Tochter vergewaltigt und getötet. Daraufhin habe er sich, um Rache zu üben, freiwillig zum Militärdienst gemeldet, erzählt er den Morandells. Ausgerechnet Juri hilft der Familie nun, über die Runden zu kommen, bis die Flucht zurück nach Südtirol organisiert ist.

Für Juris Unterstützung empfindet Paula Morandell noch heute Dankbarkeit: Seit Kriegsende ist sie bereits drei Mal nach Russland gereist. „Dann zünde ich eine Kerze an und denke an ihn. Wenn er nicht gewesen wäre, würden wir alle nicht mehr leben.“

Nach der Flucht über den Brenner endlich in Kaltern angekommen, wird die Familie von den „Dableibern“ und den eigenen Angehörigen alles andere als freundlich aufgenommen. „Wir waren halt Zigeuner“, sagt Paula Morandell fast entschuldigend – und ohne eine Spur Bitterkeit über die Ablehnung ihrer Tante, bei der sie nach der Rückkehr im Nachbarort Tramin für ein paar Monate allein unterkommt. Wenn die Tante nach der Familie gefragt wird, dann lautet die Antwort: Sie habe drei Kinder und einen „Friss-umsonst“ – die damals zehnjährige Paula. Obwohl sie unwillkommen ist, hat sie keine traurigen Erinnerungen an diese Zeit. Über Schulbesuch und Hausarbeit bleibt offenbar keine Zeit für Empfindlichkeiten, die Not der Nachkriegszeit zwingt zum Zusammenhalten.

Erst schockiert, dann hingerissen

Nach der Rückkehr des Vaters 1949 baut die Familie Morandell auf einem Grundstück oberhalb des Kalterer Sees ein Haus, das den Grundstein für ihr heutiges Leben als Wirte und Hoteliers bildet. Als Jugendliche arbeitet sie zunächst in einem Lokal am See. Eines Tages habe sich ein reicher Schweizer nach einer Sommerunterkunft für seine Familie erkundigt, erzählt Paula Morandell. Zu jener Zeit habe es noch keinen Tourismus in Südtirol gegeben, also auch keine Hotels. Am Ende kommt der Mann mit seinen gewöhnlich von Bediensteten umsorgten Töchtern in vier halbfertigen Zimmern der Morandells unter. Ohne Licht, fließend Wasser und Küche. Man wäscht sich im angrenzenden Bach, abends flackert Kerzenlicht, zum Kochen habe ihr Vater einen Herd im Freien gebaut, erzählt Paula Morandell lachend. Für die Schweizer Familie wird der anfangs wegen seiner Einfachheit schockierende Urlaub auf dem Land unvergesslich. Die kleinen Mädchen von damals kommen noch heute jedes Jahr.

Trotz der Anfeindungen haben die Morandells großen Erfolg, denn sie setzen alles auf die touristische Entwicklung der Region. Während ihre Brüder ins Hotelgewerbe einsteigen, gründet Paula 1969 gemeinsam mit ihrem Mann den Torgglkeller, der vor allem bei deutschen Urlaubern beliebt ist. Wo heute Tische für Gäste stehen, sei früher der Misthaufen gewesen, erzählt Paulas Sohn Toni Atz. Küche und Weinlager sind hinter einem alten Scheunentor im ehemaligen Stall untergebracht. Durch Fleiß und Ausdauer bauen die Morandells in jahrzehntelanger Arbeit das Misstrauen innerhalb der Familie und unter den nicht ausgewanderten Nachbarn ab – und das Weinlokal auf. Heute trifft Paula Morandell in Kaltern und den Nachbarorten an jeder Ecke auf Bekannte, die sie herzlich grüßen.

Nach Morgenbad und Kaffee geht es für die 85-Jährige wieder zurück in den Torgglkeller nach Kaltern, wo sie das Mittagessen für die Angestellten zu­bereitet. Am Nachmittag und Abend arbeitet sie dort mit Sohn, Schwiegertochter und den beiden Enkeln zufrieden Hand in Hand.

Mit ihrer Schwiegertochter versteht sie sich so gut, dass Manuela ihr zum ­
50. Gründungsjahr des Lokals ein eigenes Buch schenkt: Die Münchner Autorin Verena Nolte hat die Geschichte der Südtirolerin aufgeschrieben. Im September erscheint die dramatische Erfolgsgeschichte der Paula Morandell im Folio Verlag unter dem Titel „Der Milchkrug“. Sie könnte auch „Alles gut gegangen“ heißen, sagt die Titelheldin.