Wer reinkommt, ist drin – so hieß der erste Teil einer Fernsehserie aus den 80er-Jahren, in dem es um die Münchner Schickeria geht. Clubhouse hat zwar nichts mit den 80ern zu tun, exklusiv sein will es aber trotzdem. Und dass sich im Clubhouse bisher nur die Schickeria trifft, das werfen der App derzeit immerhin so einige vor.

Also: Wer reinkommt ist drin – und damit geht’s erstmal darum, reinzukommen.

Ich muss gestehen: Ich hatte Glück. Kaum war auch bei mir dann mal der Hype um die neue App angekommen, lud ich sie runter und – da mich bisher niemand eingeladen hatte – stellte ich den Zutrittsantrag. Schon am nächsten Tag war ich drin. Es war jemand aus Heidenheim, der mich reinholte. So klein ist die Welt, dachte ich. Oder positiv formuliert: So hinterm Mond ist Heidenheim gar nicht.

Ich war also drin. Viel zu sehen gab’s erstmal allerdings nicht. Denn wer keinen anderen Leuten folgt, wer noch keinem Club innerhalb der App beigetreten ist, der sieht recht wenig. Bei mir waren es drei so genannte Räume, zu denen ich Zutritt hatte (oder die ich in der Lage war, ausfindig zu machen). Alle noch auf Englisch. Soo viel zu spät im deutschen Hype war ich also offenbar doch noch nicht.

Was, wenn ich jetzt was sagen muss?

In zweien dieser drei Räume ging es um irgendwas mit Startups, Business-Angels und Marketing. Im dritten Raum um Alzheimer. Keine Ahnung, was es war, das mich zu Alzheimer zog. Vielleicht, weil das ein Thema ist, mit dem ich mich bisher wenig beschäftigt hatte. Ich klickte mich rein. Bis man so eine App „kann“, dauert es ja ein bisschen. Und bei Clubhouse hat es mich doch Überwindung gekostet, einfach mal zu klicken. Denn: Was, wenn ich da jetzt plötzlich was sagen muss (bei Clubhouse reden doch alle ständig – so viel wusste ich). Oder: Was, wenn jetzt alle sehen, dass ich da bin und mich begrüßen oder ich mich vorstellen muss oder was anderes total Unangenehmes passiert?!

Aber es passierte: nichts. Ich war nach dem Klick einfach drin und – ja – ich war mittendrin. Mittendrin in einem Austausch von Alzheimerforschern, Interessierten, Medizinstudenten, Angehörigen von Betroffenen und zwei Moderatoren, die das Gespräch unfassbar gut lenkten und leiteten. Das Witzige: Man sieht bei all dem nur die Profilbilder der Sprechenden. Man weiß nicht: Ist dieser offenbar sehr renommierte Wissenschaftler, dem man gerade zuhört, in seinem Büro oder liegt er auf dem Sofa? Das Schöne ist: Es ist egal. Weil es nicht darum geht, wie er aussieht, sondern darum, was er sagt. Völlig begeistert stellte ich fest: Hier geht’s um Inhalt.

Worüber gerade so geredet wird: Wenn man Clubhouse öffnet, bekommt man Gesprächsräume vorgeschlagen. Anfangs sieht man nur wenige.
Worüber gerade so geredet wird: Wenn man Clubhouse öffnet, bekommt man Gesprächsräume vorgeschlagen. Anfangs sieht man nur wenige.
© Foto: Screenshot

Ich tauchte also ein in eine Welt, von der man sonst vermutlich nur in Alzheimer-Fachmagazinen (die ich nicht lese) mitbekommt, und trotzdem wurde alles so erklärt, dass ich es verstand. Auf Englisch. Es war Wissenschaft zum Anfassen, Verstehen, Mitreden. Nach einer Stunde etwa war das Gespräch beendet. Die Zeit war rum. Ich tippte auf den Button „leave quietly“ und war raus aus dem Raum. Und fasziniert.

Am Tag danach las ich von dem Ramelow-Zwischenfall. Plötzlich schrieben alle großen Medien über Clubhouse und dass sich eben besagter Thüringischer Ministerpräsident Bodo Ramelow dort danebenbenommen hatte und überhaupt – wie doof diese App sei, denn dort treffe sich ja nur die übliche Politiker-Medien-Business-Hipster-Blase aus Berlin Mitte (also quasi das, was in den 80er Jahren die Münchner Schickeria war).

Ich konnte das nicht bestätigen. Ich hatte im Clubhouse niemanden aus Berlin Mitte gesehen oder gehört. Bisher jedenfalls. Und selbst wenn, so dachte ich, muss man ja nicht in diese Räume gehen. Wer will schon Philipp Amthor singen hören? Es gibt ja, wie ich in den Tagen danach rausfand, so unglaublich viele andere Räume und wenn man sich mal verirrt, den Button „leave quietly“.

Es ging um Corona-Impfungen und keiner hat geschrien

Ich ging also fortan jeden Abend vom Sofa aus „ins Clubhouse“ wie ich diese Beschäftigung nenne. Seit ich mehr Leuten folge und mich wohler mit der ganzen Bedienung der App fühle (und weiß, dass ich nichts sagen muss, wenn ich nicht will), streife ich regelrecht durch die thematischen Universen. Ich habe mir eine Session über Hundeerziehung angehört, eine über Seenotrettung, eine über Probleme mit Instagram-Accounts (zu wenige Follower), eine über Marketing (daran kommt man auf Clubhouse nicht vorbei), eine über Corona-Impfungen (erstaunlich: ohne Geschrei), ich habe einer Art Talentshow beigewohnt (und mangels Talenten schnell wieder „quietly“ verlassen) und ich habe noch was zum Thema Pharmaindustrie aufgeschnappt, was aber leider zu schnell wieder vorbei war. Und ich habe einer Diskussion zugehört, bei der es um den Abgang von Jeff Bezos als Amazon-Chef geht. Und, und, und...

Dating hab ich ausgelassen, brauche ich nicht. Und die diversen „Silence Rooms“, in denen keiner was sagt, geben mir nichts. Auch keine neuen interessanten Kontakte. Weil wie soll ich wissen, ob jemand interessant ist, wenn alle nur schweigen?!

Der Raum, der mir am meisten Spaß machte bisher, war einer, in dem sich völlig fremde Menschen über ihre Bewerbungsgespräche ausgetauscht haben. Sowohl die, die einstellen wollten, als auch die, die sich beworben hatten, erzählten dort skurrile Episoden, peinliche Momente oder Geschichten von richtig guter Schlagfertigkeit.

Es geht mal ausnahmsweise nicht ums „Ich“

Was mich bei all diesen Räumen faszinierte: Es ging so ungezwungen zu. Da sprachen teilweise echte Koryphäen auf ihrem Gebiet, aber man plauscht mit denen, als stehe man an der Bushaltestelle. Und: die Leute lassen sich gegenseitig ausreden, nehmen aufeinander Bezug, hören zu und es geht nicht nur ums Senden des eigenen „Ichs“ wie in den Einbahnstraßen-Socialmedia-Kanälen Insta und Tiktok. Und es wird nicht rumgegrölt, wie auf Facebook.

So sieht ein Clubhouse-Raum von innen aus.
So sieht ein Clubhouse-Raum von innen aus.
© Foto: Screenshot

Was ich persönlich am besten finde – egal, um welches Thema es geht: Man kann und darf überall Mäuschen spielen. Reinschleichen, zuhören, gehen. Als würde man sich in einer Bar einfach mal an jeden fremden Tisch setzen und lauschen, ohne dafür schräg angeschaut zu werden. Gibt’s was Besseres?

Leider gibt’s auch Gelaber, Geschwätz und Sprech

Klar, es gibt auch nicht so gute Seiten. Vor allem in diesen Marketing- und Businessräumen gibt’s beispielsweise ziemlich viel „Sprech“, also Gelaber. Besonders seit immer mehr deutsche Räume aufmachen (oder ich sie sehen kann). Da hält sich so manch einer schon für bedeutend cool, wenn er in jedem Satz vierzehn Marketing-Anglizismen raushaut und außerdem mit allem „fine“ ist. Durch dieses Geschwätz verliert leider wieder der Inhalt. Die Leute meinen offenbar, weil man sie nicht sieht, müssen sie sich schön labern. Aber man kann ja die Taste „leave quietly“ drücken und weg ist man.

Gab’s auch was echt Abstoßendes? Ja! Zwischendurch wurde ich experimenteller und klickte aus Neugier in Räume, in denen es entweder echt übel versaut zuging oder es regelrechte Battles gab. Da wurde auch nicht wirklich über ein Thema gesprochen, da wurde sich einfach nur gegenseitig gedisst. Aber vielleicht gehört das so? Ich weiß es nicht, ich bin ja noch neu.

Und klar: Es gibt auch Räume, in denen es langweilig ist. Entweder, weil das Thema doof ist, oder weil die Leute unspannend und oberflächlich sind.

Die dunkle Seite von Clubhouse: miese Zutrittsregeln

Gibt’s was, das sonst noch nervt? Ja. Definitiv. Und zwar dieses „wer reinkommt, ist drin“. Denn wer drin ist, wird eigentlich dazu genötigt, sein komplettes Telefonbuch an die App freizugeben, damit andere reinkommen. Nur dann nämlich kann man Leute in die App dazueinladen. Das ist ein mieses System. Und völlig überflüssig. Es hat einzig und allein den Zweck, diese künstliche Exklusivität herzustellen. Durch Verknappung eine Sache wertvoller zu machen.

Eine App, in der Leute miteinander reden sollen, hat das nicht nötig. Da sollte jeder reindürfen – und vor allem jedes Handygerät, egal welcher Marke. Denn dass Idioten reinkommen, verhindert man nicht, indem man das Ganze auf iPhones beschränkt und dass man extra eingeladen werden muss. Denn: Idioten mit iPhones gibt’s auch in geteilten Adressbüchern genug.

Ich habe das deswegen nicht gemacht. Mein Adressbuch freigeben. Ich bin einfach so drin. So lange es geht.

Miese Masche: Die App will, dass man sein Adressbuch teilt. Wer das nicht tut, kann niemanden dazueinladen.
Miese Masche: Die App will, dass man sein Adressbuch teilt. Wer das nicht tut, kann niemanden dazueinladen.
© Foto: Screenshot

Sollte mich die App irgendwann dazu zwingen, alle meine Kontakte zu teilen, dann bin ich raus. Ich hoffe, das passiert nicht so schnell. Denn noch freue ich mich jeden Abend auf ein bisschen Clubhouse – und hoffe, dass ganz bald alle drin sind, die reinwollen. Und zwar ganz ohne Einladung.