Heidenheim / Patrick Vetter Drei Tage wach auf irgendwelchen Partydrogen. Von Geschichten wie diesen hört man öfters. Was passiert aber, wenn man sich ohne Alkohol und Drogen wach hält? NOISE-Autor Patrick Vetter hat es ausprobiert.

60 Stunden wach. Das war das Ziel. Was passiert mit dem Körper, der Aufmerksamkeit und der Leistungsfähigkeit? Ab wann wird es schwierig und wie wirken sich Mahlzeiten oder ein Kaffee auf den Zustand aus. Das waren die Fragen zu Beginn.

Ganz bewusst startet das Experiment an einem stressigen Tag. Um 8 Uhr morgens geht es los mit einem Laborpraktikum – das gehört zum Biologiestudium. Direkt im Anschluss steht Blutspenden auf dem Plan. Danach in der Studien-WG wäre der normale Plan: Schlüssel ins Schloss, Tasche in die Ecke, Kopf ins Kissen und ein Nickerchen halten. Heute nicht. Also ein Kaffee, Lernen und gemütlich kochen. Damit kommt der Körper auch sehr gut klar. Das Verlangen nach einem Päuschen verschwindet schnell wieder.

Erst um Mitternacht meldet sich die Müdigkeit zurück. Zeit für die nächste Belastungsprobe: Eine 24-Stunden-Wanderung. Start ist Tübingen, das Ziel zu Hause in Heidenheim. Bereits nach wenigen Kilometern enthüllt sich dabei der wohl beste Wachmacher den es gibt: Adrenalin.

Youtube

Allein im Wald sind alle Sinne ständig auf Alarmbereitschaft. Die Augen sind weit aufgerissen, nutzen jedes Photon. Die Ohren hören auf jedes Rascheln. Die Schritte werden immer wieder ungewollt schneller. Der Wald scheint nachts eine Art Urangst auszulösen. An Müdigkeit ist nicht mehr zu denken. Immer wieder geht die Orientierung flöten. Google-Maps funktioniert im Unterholz leider nicht ohne Internetempfang. Die Unruhe hält wach und lebendig.

Spurlos geht die nächtliche Wanderung allerdings nicht an den Nerven und der Fitness vorbei. Als der Wald verlassen ist, die Sonne aufgeht und die Anspannung verschwindet, meldet sich die Ermattung. Bei einer langen Pause (mit viel Kaffee!) drücken die Augendeckel stark nach unten. Da hilft nur eins: Weiter geht’s. Mittlerweile wäre Zeit fürs Frühstück. Der Hunger bleibt aber aus.

Allerdings ist die Müdigkeit schnell nicht mehr das kleinste Problem. Die Füße machen nicht mehr mit. Die Fersen reiben sich auf. An den Zehen entstehen Blasen. Die Muskeln tun weh. Auch gehen kann man nun mal nicht ewig. Und so ist nach 14 Stunden auf Wanderschaft Schluss. Bis Eislingen an der Fils tragen mich die schmerzenden Füße am Nachmittag. Von dort geht es auf vier Rädern bis Heidenheim.

Ob der Körper im ausgeschlafenen Zustand anders reagiert hätte ist schwer zu sagen. Ein steht zumindest fest: Die Müdigkeit schlägt jedes Mal zu, wenn die Ruhe kommt. Mehr als fünf Minuten sitzen geht nicht mehr. Auch mit mehreren Tassen Kaffee. Das Koffein scheint keine Wirkung mehr zu haben. Viel wirksamer ist Aktivität. Reden, aufräumen, schreiben, putzen. Egal was, es macht wach. Dass es den ganzen Tag noch keine echte Mahlzeit gab, scheint den Körper nicht zu stören. Jeder kleine Snack macht nur müder.

Ein Treffen mit Freunden soll ablenken. Was wohl zwei Bier auswirken? Sie sind ein Fehler. Das merke ich kurz darauf. Um zwei Uhr morgens wird die Pause auf dem Sofa ein kleines bisschen zu lang. Die Augen fallen zu. Schlaf. Nach 42 Stunden. Keine zwei Tage, die trotzdem viele Erkenntnisse gebracht haben.

Youtube