Heidenheim / Philipp Hruschka Wegen Corona sind Partys derzeit eigentlich nicht möglich. Jonas Trittler von der Heidenheimer Künstlergruppe „Whild Stage“ wollte es dabei nicht belassen und führt nun das Nachtleben im eigenen virtuellen Club im Internet fort. NOISE hat die digitale Party getestet:

Es ist noch früh am Abend, gegen 19 Uhr, als die ersten Töne erklingen. Elektronische Beats nehmen langsam an Fahrt auf, während sich der Bass noch zurückhält. Dann sind auch die beiden DJs zu sehen. Ein junger Mann mit langen, dunklen Haaren dreht an den Knöpfen des Mischpults vor ihm, und der Rhythmus wird etwas schneller. Sein Kollege neben ihm bewegt sich locker zur Musik und nimmt einen Schluck aus einer Flasche. Vor den beiden dreht sich auf dem Bühnentisch die Miniatur eines Raumschiffs aus „Star Wars“, daneben wackelt eine japanische Winkekatze passend zum Takt mit dem Arm.

Es ist Samstagabend, für viele Menschen eigentlich der beste Tag in der Woche, um sich ins Nachtleben zu stürzen: um Freunde zu treffen, gemeinsam Musik zu hören und tanzen zu gehen. Nur darf wegen der Einschränkungen durch das Coronavirus derzeit kein Nachtclub mehr seine Türen öffnen. Trotzdem haben sich an diesem Abend bereits einige Menschen eingefunden, um gemeinsam zu feiern. Wie ist das möglich?

Sicherheitsabstand inklusive

Die Antwort ist ganz einfach: virtuell. Denn weder die Gäste noch die Künstler auf der Bühne befinden sich im selben Raum. Stattdessen sitzen, liegen oder stehen sie alle vor Laptops, Tablets oder Smartphones. Großzügiger Sicherheitsabstand bleibt also gewahrt, alle Beteiligten sind nur über das Internet verbunden. Denn die gesamte Party findet nicht in einem realen Club statt, sondern im virtuellen Raum. Genauer: auf der Webseite „Virtual Clubbing“.

Beim ersten Betreten der Seite bekommt der Besucher die Erklärung dafür geliefert, was dort geschieht: „Das ist ein virtueller Club“, heißt es in der Nachricht. „Hier kannst du neue Leute treffen und dir wunderschöne Musik anhören! Schnapp dir ein Getränk und los geht’s!“ Während die DJs also ihre Show per Webcam auf die Seite streamen, können Zuschauer von überall her der Musik lauschen und sich dabei, ebenfalls im Chat, per Text oder Video unterhalten.

Feiern wie in einem richtigen Club

Dreh- und Angelpunkt der Seite ist eine Karte des Clubs. Neben einem großen Feld namens „Eingang“ gibt es Felder für jeden der „Floors“, auf denen wie in einem richtigen Club jeweils unterschiedliche Künstler spielen. Jeder Floor hat einen eigenen Textkanal, in dem man sich auch mit den anderen Gästen unterhalten kann. Zusätzlich gibt es Räume für Video- und Sprachchats, in denen man sich zu zweit oder in der Gruppe unterhalten kann.

Erdacht und entwickelt hat die Webseite fast im Alleingang Jonas Trittler. Der 24-Jährige stammt aus Heidenheim und ist Teil der hier ansässigen Künstlergruppe „Whild Stage“, deren Mitglieder an diesem Abend ebenfalls als DJs bei „Virtual Clubbing“ auflegen.

Das Nachtleben kam nicht nur im Kreis Heidenheim zum Erliegen

Schon seit mehreren Jahren organisiert die Gruppe unter anderem Partys in und um Heidenheim, zuletzt mit dem „Zweitakt“ in Fleinheim sogar ein Festival mit rund 1000 Besuchern. Mit den Einschränkungen wegen des sich ausbreitenden Coronavirus kam das Nachtleben nicht nur im Kreis Heidenheim zum Erliegen. Für Trittler war es da naheliegend, die Party einfach im Internet fortzusetzen.

Auch Trittler ist an diesem Abend „vor Ort“. Während im Stream DJs und Publikum langsam warm werden, erklärt er in einem der freien Videochaträume, wie er auf die Idee zu „Virtual Clubbing“ kam: „Das war irgendwann im März, ich war damals gerade bei meinen Eltern. Es war irgendwie überall Corona in den Nachrichten, und ich entschied, vorerst dort zu bleiben.“ Zu dieser Zeit sei auch klar geworden, dass das „Zweitakt“-Festival in diesem Jahr nicht würde stattfinden können. „Die Planung war für uns also vorbei. Und ich habe überlegt, was man jetzt trotz Krise machen kann, um das alles wenigstens ein bisschen ersetzen zu können“, so Trittler.

In nur zwei Wochen setzte er eine erste Version der Plattform auf, kurz darauf konnte bereits das erste Event stattfinden. „Das war natürlich alles noch relativ rudimentär. Aber der Videochat hat schon funktioniert, und auch die Clubkarte gab es schon“, sagt Trittler.

Der Andrang war sehr groß

Seinen Zweck konnte die Party jedenfalls erfüllen: „Die Leute hatten einfach großen Spaß daran, sich wieder treffen zu können, trotz der Ausgangsbeschränkungen.“ Durch die Tatsache, dass die Veranstaltung als Ersatz für eine ohnehin geplante Party stattfinden konnte und auch entsprechend beworben wurde, war der Andrang gleich sehr groß: Laut Trittlers Schätzung nahmen 300 bis 400 Personen an der Party teil.

Seitdem veranstalten die Mitglieder der „Whild Stage“ gemeinsam mit befreundeten DJ-Kollektiven aus ganz Deutschland regelmäßig Partys auf der Webseite. „Natürlich wurde die Idee, Musikstreams im Internet anzubieten, nicht erst mit Corona erfunden. Wir haben auch vor drei oder vier Jahren schon einmal Online-Streams gemacht. Damals hatten wir aber nur eine Handvoll Zuschauer“, sagt Trittler. „Neu ist, dass sich die Leute jetzt dafür interessieren.“ Besucher müssen nichts bezahlen, haben aber direkt auf der Seite die Möglichkeit, zu spenden. Das Geld wird unter allen Künstlern sowie der Plattform aufgeteilt.

Wohin es mit der Seite gehen soll, weiß Trittler selbst noch nicht, hat aber große Pläne. In wenigen Wochen soll ein großes Festival auf „Virtual Clubbing“ stattfinden, das aufgrund der Corona-Krise im „echten Leben“ ausfallen musste. Die Nutzerzahl soll dann noch einmal kräftig ansteigen: Vierstellig sei machbar, so Trittler.

Veranstaltungen ohne geografische Gebundenheit

Primär biete die Seite ihren Nutzern Gelegenheit, auch in Zeiten von Corona gemeinsam feiern zu gehen. Gleichzeitig könne die Seite Künstlern, Clubs und Veranstaltern eine Plattform bieten. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man hier einmal eine Album-Release-Party veranstaltet. Der große Vorteil ist, dass man Events veranstalten kann, ohne an einen geografischen Ort gebunden zu sein“, so Trittler. Dass das Freundetreffen auch online funktioniert, davon ist er überzeugt. „Am Rande einer unserer Partys habe ich zum Beispiel zum ersten Mal seit Langem mit einer alten Freundin aus Leipzig gesprochen. Wir haben uns im Videochat getroffen und einfach zwischendurch eine Dreiviertelstunde gequatscht.“

Und wenn Corona einmal vorbei ist? „Ich sehe auch für die Zeit danach Potenzial“, sagt Trittler. Im Bereich Gaming oder bei anderen Kunstformen seien regelmäßige Livestreams längst etabliert. Auch vorstellbar sei, dass Clubs in Zukunft zusätzlich zu einer „analogen“ Party auch noch direkt aus dem Club heraus ins Internet streamen.

Die für die Entwicklung der Webseite nötigen Kenntnisse hat sich Trittler seit früher Jugend angeeignet. „Mir macht es schon immer Spaß, Sachen auszuprobieren und herauszufinden, wie sie funktionieren.“ Schon mit 14 Jahren habe er seine erste Programmiersprache gelernt. „Ich fand immer interessant, wie man Computerprogramme schreibt, und habe früh damit angefangen, selbst kleinere Anwendungen zu erstellen. Das hat mich nie losgelassen.“

Von der Waschmaschinenkapazität zum virtuellen Club

Vor drei Jahren begann Trittler, Softwareentwicklung in Stralsund zu studieren. Seine Talente konnte er unter anderem auch schon bei mehreren Ideenwettbewerben unter Beweis stellen. Für sein Studentenwohnheim schrieb er etwa eine Webseite, auf der die Kommilitonen sehen können, ob gerade eine Waschmaschine frei ist.

Zwei DJs des Abends sind die Berliner Christoph Mertsch und Tobias Keller. Für Keller ist es bereits das dritte Mal bei „Virtual Clubbing“, Mertsch ist zum ersten Mal dabei. Mit den Heidenheimern sind die beiden nur übers Internet bekannt. „Wir haben uns sogar hier auf der Seite kennengelernt“, erzählt Keller. Am Rande einer Party sei man ins Gespräch gekommen, die Berliner DJs wollten auch einmal im Stream auflegen. „Das war eine lange Nacht, in der alle sehr viel Spaß hatten“, erzählt Mertsch.

Von der Idee eines virtuellen Clubs sind beide DJs angetan. „Das hat auf jeden Fall Potenzial“, sagt Tobias Keller. Allgemein seien beide seit Corona sehr aktiv geworden, was das Auflegen in Online-Streams anbelangt. „Es ist einfach eine super Sache, trotz der Einschränkungen vor Publikum spielen zu können.“ Dennoch bleibe das virtuelle Konzert natürlich eine Notlösung, findet Christoph Mertsch. „Es ist eben doch nicht ganz dasselbe. Ich streame sonst über ‚Zoom‘, und da siehst du überhaupt nicht, wie du gerade bei den Leuten ankommst.“ Dabei sei das direkte Feedback vom Publikum enorm wichtig für einen DJ.

Eine Tanzfläche im eigenen Wohnzimmer

Bei diesem Problem könnte jedoch eine der neueren Funktionen bei „Virtual Clubbing“ helfen. Seit Kurzem gibt es nämlich auch eine virtuelle Tanzfläche in dem Club. Wechselt man auf der Seite in die entsprechende Ansicht, erscheinen um das Video des DJs herum mehrere kleinere Flächen. Wer möchte, kann seine eigene Webcam aktivieren und erscheint dann auf einem der Felder. So kann man dem DJ sowie anderen Gästen die eigenen Tanzkünste direkt im heimischen Wohnzimmer präsentieren.

Was in der Theorie zunächst merkwürdig klingt, schafft beim Ausprobieren schließlich tatsächlich das Gefühl, fremde Menschen zu „treffen“. Die virtuelle Tanzfläche funktioniert dabei ganz ähnlich wie im echten Leben: Erst traut sich lange niemand, bis jemand besonders Mutiges den ersten Schritt wagt. Sobald das Eis gebrochen ist, winken und lachen sich die Besucher auf ihren Webcams zu. Fast wie im echten Leben.

In Heidenheim gibt es viele junge Techno-DJs. Einer von ihnen ist Kevin Reichelt. Wenn er auflegt, drückt er sich auch künstlerisch aus. Und er sagt: Es gibt einen eigenen Heidenheimer Sound.

Am vergangenen Wochenende fand zum ersten Mal das sogenannte „Zweitakt“-Festival auf dem alten Sportplatz von Fleinheim statt.

Das „Whild-Stage“-Kollektiv stellt seine Kunst im Meeboldhaus aus.