Wir können alles teilen, alles verbreiten, alles kann wachsen. Jede Geschichte kann erzählt, geteilt oder weitergeschrieben werden. Das Großartige daran ist, dass diese so entstandene Geschichte nie nur eine Handschrift tragen wird, sondern immer wieder eine Neue hinzukommt.

Geschichten können verändert werden, durch Erzählung, durch Überlieferung, das ist die Macht des Erzählens. Dinge können erzählt werden wie sie waren oder wie sie nicht waren. Geschichten können erfunden sein. Man kann erzählen, was nicht passieren kann. Im Land der Erzählung gibt es keine Grenzen, keine absolute Wahrheit, aber auch keine Lügen, weil erfinden nicht dasselbe ist wie lügen.

Was bleibt sind die Geschichten

Aber Geschichten müssen zuerst erzählt, und dann weitererzählt werden, um sie nicht verstummen zu lassen, um Wissen und Erfahrung weitergeben zu können. Aber zuerst muss es eine Geschichte geben. Wir müssen entweder der Schreiber oder der Erzähler einer Geschichte sein. Deshalb ist es so wichtig, zu erzählen: Erfahrungen und Wissen, das wir erarbeitet, herausgefunden oder erlernt haben, zu teilen. Diese so entstandenen Geschichten müssen dann von einem Mund zum anderen, von einem Auge zum anderen wandern, sie dürfen nicht still stehen, nicht vergessen werden - genau so funktioniert Forschung und nur so ist Forschung möglich.

Wenn es von manchen Geschichten keine Zeitzeug*innen mehr gibt, ist alles, was wir haben, deren Geschichten. Wir sind dann die Erzähler dieser Geschichten und gleichzeitig diejenigen, durch die sie am Leben bleiben, durch die sie in der Gegenwart wieder laut werden können. Diese Geschichten müssen sichtbar und hörbar bleiben - nur so kann Fortschritt stattfinden.

Deshalb ist das wichtigste am Umgang mit der Vergangenheit die Interaktion mit ihr: Das Teilen der Erfahrung und das Weitererzählen der Geschichten, durch das die Vergangenheit (wieder) laut wird. Das wichtigste ist die Wanderung, die sie durch das Weitererzählen vollzieht, vom Einen zum Anderen, über die Zeiten, Räume und Generationen hinweg - hinein ins Hier und Jetzt. Nur so kann das Gehörte, Gelesene, Erfahrene und Gesehene weiterenwickelt werden und wachsen.

Sei Erzähler*in wichtiger Geschichten, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Wir dürfen nicht vergessen, was bereits gelernt, beigebracht, erforscht, herausgefunden, erfahren und erlebt wurde.