Kurz nach 9 Uhr morgens. Am Haagtor, einem der Eingänge zu Tübingens Innenstadt, wächst eine Menschenschlange. Alle tragen Maske, doch das Abstandhalten fällt schwer. Denn ein paar Meter weiter scheint es, als hätten die Menschen eine Zeitreise gemacht. Eine Reise in eine Zeit vor Corona. Nur noch eine Anmeldung und ein Schnelltest auf das Virus trennen die Menschen in der Schlange von dieser Welt.

In der Frühlingssonne sitzen ein paar ältere Damen in einem Café beim Frühstück. Ein Herr sieht die Schallplatten vor einem Musikgeschäft durch und Kinder und Familien stöbern in einem Bücherhandel. Auf dem Pflaster der Fußgängerzone stehen wieder Tische und Stühle und Gastronomen laden die Passanten ein.

... die Anderen bereits unbekümmert ihren Kaffee oder ihr kühles Bier genießen können.
... die Anderen bereits unbekümmert ihren Kaffee oder ihr kühles Bier genießen können.
© Foto: Patrick Vetter

Mit einem sogenannten „Tübinger Tagesticket“ kann jeder teilhaben und etwas Normalität erleben. An neun verschiedenen Zugängen zur Innenstadt sind Stände aufgestellt. Hier melden sich die Tübinger Tagesgäste an, bekommen einen Schein und können dann ein paar Meter weiter einen Schnelltest machen. Ist der negativ, gibt es einen Stempel. Der gilt dann den ganzen Tag als Eintrittskarte zu Gastronomie, Modehäusern, Museen und auch Kinos und Theater.

Medizinstudenten führen die Tests durch

Im Detail ändert sich die Umsetzung ständig – die Scheine werden zum Beispiel durch Armbänder ersetzt – aber es bleibt übersichtlich und es funktioniert. „Die Leute sind alle sehr gut drauf“, berichtet Clara Scheffold, wie das Tübinger Experiment angenommen wird. Sie arbeitet an einem der Anmeldepunkte und verteilt die Scheine. Hier sitzen hauptsächlich Studenten und auch die Tests selbst werden von Tübinger Medizinstudenten durchgeführt. „Der Andrang bleibt den ganzen Tag ungefähr gleich groß“, erzählt Clara weiter. Bis 19 Uhr werden weitere Tagestickets ausgegeben. Angestellt ist sie beim Unternehmen Kern Medical Engineering, welches die Kontrollen und Tests für die Stadt durchführt.

Seit dem Start Mitte März bisher zumindest mit Teilerfolgen: Die Sieben-Tage-Inzidenz ist zwar stark gestiegen, doch laut Oberbürgermeister Boris Palmer nicht stärker als in Städten, die auf Schließungen setzen. Der Wert liegt knapp über 100 und damit unter dem Wert von 129,5 in Heidenheim zum Beispiel (Stand 29. März). „Am Tag testen wir im Schnitt zwei oder drei Leute positiv“, schätzt Clara die Rate an Erkrankten ab, die an den Anmeldepunkten herausgefiltert werden. Ziel der Strategie in Tübingen, ist es, den Einzelhandel und die Kultur zu unterstützen. Viele andere Städte haben bereits versucht, von der Landesregierung Genehmigungen für ähnliche Modelle zu bekommen.

Heidenheim

Bars, Kneipen Restaurants und Biergärten öffnen

Zugegeben, ganz vergessen hat Corona in Tübingen bestimmt trotzdem niemand. Außerhalb der Läden und Cafés tragen auch die Meisten Maske. Aber die Atmosphäre erinnert an unbeschwertere Zeiten. Später am Mittag öffnen Bars, Kneipen Restaurants und Biergärten. Die Gassen sind voll. Voller als vor Corona. Die Leute haben etwas nachzuholen. Und nicht nur die Tübinger: Die meisten sind Besucher aus anderen Städten, in denen der Lockdown noch für verwaiste Straßen sorgt. „Teilweise haben wir an meiner Station nur Tübinger angenommen“, erzählt Clara.

Die Studentin hält die Tübinger Methode für gut und sinnvoll. So sei es endlich mal wieder möglich, ohne schlechtes Gewissen mit Freunden in der Stadt einen Kaffee oder ein Bier zu trinken. Ob sich die Methode bewährt und auch in Heidenheim für Lockerungen sorgen könnte, dass muss sich zeigen. Tübingen geht bisher noch als Versuchskaninchen voran.

Weitere Artikel von NOISE-Autor Patrick Vetter:

Aus der Tonne auf den Teller So geht containern in Heidenheim

Heidenheim