Kreis Heidenheim / Manuela Wolf Der Wolf kommt zurück nach Süddeutschland. Die Schäfer im Landkreis Heidenheim fürchten nun um ihre Herden. Zu Recht?

Vorurteile kennen keine Vernunft. Deshalb wird der Wolf, einst in vielen Teilen Europas ausgerottet und seit 1990 unter strengem Artenschutz, in seiner alten Heimat Deutschland nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Man denke nur an das Märchen von „Rotkäppchen und dem bösen Wolf“: Hinterlistig ist dieses Tier, hungrig – und bereit zu töten. Geschichten von Kindern, die am helllichten Tag beim Spielen am Dorfrand angefallen wurden, kommen wieder auf. Auch Tollwut ist ein Thema. Die Menschen sind in Sorge.

Seit der ersten Geburt von Welpen in freier Natur im Jahr 2010 hat sich die Wolfs-Population prächtig entwickelt. Ende 2018 lebten insgesamt 73 Wolfsrudel in Deutschland, 30 Paare und drei territoriale Einzeltiere. In der Lausitz, wo sich die Raubtiere offenbar pudelwohl fühlen und in weiten Teilen sesshaft geworden sind, beobachten Dorfbewohner in letzter Zeit untypisches Verhalten. Auf wenige Meter kommen Wölfe an Waldarbeiter heran und spazieren tagsüber durch Wohngebiete. Nicht zu leugnen ist auch die zunehmende Zahl an Übergriffen auf Schafe und andere Nutztiere. 2018 wurden 470 Attacken gezählt – ein Plus von fast zwei Dritteln im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der dabei getöteten, verletzten oder vermissten Tiere stieg um 55 Prozent auf über 1600.

Dass im April nun zwei Sichtungen bei Steinheim und Bartholomä bestätigt wurden, bereitet dem Gerstetter Schäfer Horst Banzhaf und all seinen Kollegen im Landkreis schlaflose Nächte: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es uns trifft. Wir nehmen die Ungewissheit mit ins Bett. Was wird der Morgen bringen, welcher Betrieb wird die ersten Verluste zu vermelden haben?“ Als Beiratsmitglied im Landesschafzuchtverband Baden-Württemberg kennt der Heldenfinger die Beschwichtigungen seitens der Behörden zur Genüge: Der Wolf sei ein lernfähiger Jäger, der sich von mit Strom gesicherten Zäunen abschrecken und die Schafe in Ruhe lassen werde. Doch überall dort, wo Wölfe unterwegs sind, zeige sich das Gegenteil von dem, was man versuche, Glauben zu machen, so Banzhaf. „Schafe im Nachtpferch sind eine leichtere Beute als ein Reh, das im Wald gefangen werden muss. Wenn der Wolf mal raushat, dass das ein leichtes Spiel ist, wird er sich darauf spezialisieren.“

Landauf, landab gehen die Befürchtungen offenbar in eine ähnliche Richtung. Nicht umsonst gibt es einen Wolfsfond, aus dem der finanzielle Verlust gerissener Schafe ersetzt wird.

Zufällig hat eine Fotofalle im Wald ein Tier aufgenommen, das sich als Wolf herausstellen könnte.

Auch Hunde reißen Schafe

Blutiger Vorfall im April in Mössingen (Landkreis Tübingen). Zuerst sah alles nach Wolf aus, inzwischen steht fest: die 22 Schafe sind durch einen Hund zu Tode gekommen sind. Kein Einzelfall, wie eine Analyse der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt zeigt. Insgesamt 21 Nutztier-Risse wurden in den vergangenen vier Jahren im Ländle gezählt, nur in acht Fällen waren Wölfe für die Übergriffe verantwortlich. Die Experten vermuten eine hohe Dunkelziffer bei den tödlichen Vorfällen, verursacht durch Hunde, aber auch durch Luchse und Füchse. Nur, wenn ein akuter Wolfsverdacht bestehe, werde um Begutachtung gebeten.

„Es gibt Möglichkeiten, sich zu arrangieren“

Bernd Engelhardt ist Mitglied im Nabu Kreisverband Heidenheim. Er verwehrt sich gegen die Forderung nach Pauschal-Abschüssen für Wölfe und fordert kostenlose Schutzzäune für Schafe.

Nicht nur im Märchen, auch im echten Leben hat der Wolf standardmäßig die Rolle des Bösewichtes inne. Verständlich: Kaum ist er zurück in Deutschland, reißt er auch schon Schafe. Können Sie verstehen, dass die Menschen Angst vor diesem wilden Tier haben?

Natürlich kann ich das verstehen. Das liegt einerseits an den entsprechenden Berichten und andererseits daran, dass die Befürchtungen der Schäfer berechtigt sind. Ich verwehre mich trotzdem dagegen, dass pauschal zu Abschüssen aufgerufen wird. In anderen Ländern, in denen Wölfe nie ausgestorben waren, haben Mensch und Tier Wege gefunden, sich zu arrangieren. Eine friedliche Koexistenz von Nutztierhaltern und Wölfen ist auch in Deutschland möglich. Dafür braucht es Zeit, sich an die Situation zu gewöhnen, und angepasste Mittel.

Die Wertigkeit einer Sache hängt auch mit deren Nutzen zusammen. Wer profitiert von der Rückkehr des Wolfes in unsere Region?

Der Wolf war über Generationen hinweg ein Glied in der Nahrungskette. Wir haben in Deutschland große Mühe, die Wildschweine im Zaum zu halten. Hier könnte der Wolf zum Ausgleich beitragen, weil ihm Frischlinge als Nahrung dienen. Zu einer intakten Natur gehört ein breites Artenspektrum. Menschen haben kein Anrecht auszusieben, welche Arten gewollt sind und welche auf die rote Liste müssen. Man könnte ja umgekehrt mal die Tiere fragen, was sie davon halten, dass es Menschen gibt, aber das ist ja leider nicht möglich.“

Die Schäfer fühlen sich allein gelassen mit ihren Sorgen und verweisen darauf, dass auch sie etwas Schützenswertes tun: Landschaftspflege auf den Wachholderheiden. Was lässt sich darauf aus Sicht des Naturschutzes entgegnen?

Schäfereien sind ein unverzichtbarer Teil der Landschaftspflege und es gilt, sie im süddeutschen Raum als hohes Kulturgut zu bewahren. Eine Politik, die den Wolf haben möchte, muss die Schäfer unterstützen. Gemeinsam und sachlich lassen sich Möglichkeiten erörtern. Ich denke da an Herdenschutzhunde und die kostenfreie Bereitstellung von Schutzzäunen für den Nachtpferch. Die Menschen, die diesen Beruf ausüben, haben es seit Jahrzehnten schwer. Ihnen bleibt nur, das Fleisch zu vermarkten. Doch die Margen sind gering. Der Schutz der Schäfereien hat deshalb Priorität.