Steinheim / HZ Leserbrief zum Leserbrief „Angst und Panik sind schlechte Ratgeber“.

Herr Masur verweist in seinem Leserbrief auf die zentrale Ermunterung der Aufklärung, den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, und er vermisst beim Umgang mit der SARS-CoV-2-Pandemie einen klaren Blick und unvoreingenommenes Denken.

Leider macht Herr Masur in seiner Argumentation das Denk-Ergebnis zum Maßstab dafür, ob jemand wirklich eigenständig denkt. 200 Jahre Aufklärung haben eigentlich hinreichend gezeigt, dass eigenständig denkende Menschen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Aber Herr Masur unterstellt Herrn Dr. Sandfort – und im Prinzip allen, die prinzipiell bejahen, welche Konsequenzen aus der Pandemie gezogen wurden – obrigkeitshöriges Denken und vorauseilenden Gehorsam, weil ihm das Denk-Ergebnis nicht passt.

Das ist nicht besonders unvoreingenommen, fürchte ich, und ziemlich unangemessen dazu. Ich persönlich sehe mich nun überhaupt nicht wie „der Untertan“ aus dem Buch von Heinrich Mann, obwohl auch ich die getroffenen Maßnahmen für adäquat und erfolgreich halte.

Sehr viel spricht dafür, dass SARS-CoV-2 wirklich etwas Neues ist und eben nicht eine Grippewelle, wie zahlreiche zuvor. Wissenschaftliche Daten sind in neuen Situationen immer bruchstückhaft und widersprüchlich, das stellt deshalb diejenigen, die daraus prospektiv politische Konsequenzen ziehen müssen, vor besondere Herausforderungen.

Viel einfacher ist es, retrospektiv die getroffenen Maßnahmen zu kritisieren. Aber selbst dann könnte man eigentlich bereit sein, nicht bloß Chaos, Willkür und Zwang zu wittern, wenn sich politische Einschätzungen ändern, z.B. zum Nutzen eines Mund-Nase-Schutzes.

Am Ende ist es ja vielleicht noch so, dass die Regierenden vor dem Hintergrund aktueller Erkenntnisse dazulernen? Wie rechtfertigt sich eigentlich die Unterstellung, dass sich Entscheidungsträger immer von den Falschen beraten lassen, die bloß ihre eigene Interessen verfolgen, und leider immer diejenigen ungehört lassen, die wirklich Ahnung haben und die es ganz uneigennützig gut meinen mit der Gesellschaft? Ich zumindest finde unter den „Ungehörten“ erstaunlich viele pensionierte Mikrobiologen, HNO-Ärzte, Rechtsanwälte, vegane Köche, Sänger oder IT-Manager, die keinerlei eigenständige Arbeiten in Epidemiologie oder Virologie nachweisen können und bisher auch nicht mit Expertise in der Abschätzung von Wirtschaftsfolgen aufgefallen wären.

Diese Leute sollen ernsthaft eine qualifizierte Beratung für politische Entscheidungsträger bewerkstelligen? Wer Fragen und Kritik äußert, ist nicht deshalb schon Experte und hat nicht deshalb schon die besseren Strategien für den Umgang mit der Krise.

Herr Masur spricht von „Maskenzwang“. Nun laufe ich selbstverständlich überall draußen in Stadt und Natur ohne Maske herum. Und ich fühle mich nicht völlig überfordert, wenn ich bei geringer räumlicher Distanz zu anderen Menschen einen Schutz trage. Niemand wird den Nutzen höchstpersönlich überprüfen können, aber wenn ich andere und mich auch nur möglicherweise schützen kann, dann ist die geringe Einschränkung durch den Mund-Nase-Schutz aus meiner Sicht ein einfacher Akt gesellschaftlicher Solidarität. Aber „Schutz“ hört sich eben anders an als „Zwang“, und wenn man, wie Herr Masur, dann noch findet, dass Vernunft und Einsicht der Bevölkerung durch „Ge- und Verbote (mit Bußgeldandrohung)“ konterkariert werden, dann wird's halt schwierig. Nach dieser Logik müsste man auch den Bußgeldkatalog im Straßenverkehr abschaffen, weil dadurch ja die Entfaltung von Vernunft und Einsicht im Verkehr behindert werden. Meine Erfahrung ist das nicht.

Angst und Panik sind schlechte Ratgeber. Da stimme ich Herrn Masur völlig zu. Nur sehe ich die weniger in Regierungshandeln oder großen Teilen der Bevölkerung beim Umgang mit der Krise, sondern bei einigen, die in allen Regelungen gleich dauerhafte Freiheitsberaubung, Zwangsmaßnahmen, Willkür und am besten die Aufhebung der Grundrechte fürchten.

Gegen Angst und Panik lohnt sich der Blick ins Grundgesetz, und zwar nicht nur in die jeweils ersten Absätze der Paragrafen, die gerne mal auf Demos zitiert werden, sondern auch in die weiteren Absätze. Denn die regeln ziemlich genau, unter welchen Bedingungen Einschränkungen möglich sind.

Dr. med. Axel Bürger, Zang.