Das neue Feindbild der Ungeimpften, das derzeit in den Medien befördert wird, trägt nicht unbedingt zu dem bei, was wir als Ideal einer freien und fairen Zivilgesellschaft so gerne auf unsere Fahnen schreiben. Vielmehr erinnern all die zunehmenden Schikanen und v.a. die existentielle Bedrohung von immer mehr Menschen an weniger rühmliche Zeiten unserer Geschichte. Der Staat solle sich von den Impfverweigerern nicht „tyrannisieren“ lassen (Ärztepräsident F. Montgomery), es sei eine „Pandemie der Ungeimpften“, sie handeln egoistisch und unverantwortlich, überfüllen die Intensivstationen und forcieren dadurch die Versorgungsengpässe im Gesundheitswesen, und sie gefährden damit die Gesundheit von uns allen – so der allgemeine Tenor. Bis vor 2 Jahren war ein Ungeimpfter noch ein völlig normaler Mensch, heute wird allein seine natürliche Existenz zu einem Risikofaktor für die Gesellschaft hochstilisiert. Stimmt da vielleicht etwas nicht? Haben zwei Jahre alarmistisches Dauergetöse und Angstpropaganda durch die Medien unserem gesunden Menschenverstand vielleicht schon ein bisschen schwer zugesetzt?

Leider können Leserbriefe nicht das ersetzen, was die Medien an offener und differenzierter Aufklärung versäumt haben – das wäre eigentlich ihr gesellschaftlicher Auftrag und auch ihre Mitverantwortung, denn Angstmache schadet nicht nur der Kultur, sondern auf Dauer auch der Gesundheit. Ich möchte nur auf wenige Dinge hinweisen, die vielleicht etwas mehr Verständnis gegenüber den immerhin 15 Millionen „Unbelehrbaren“ wecken – die sind ja schließlich keine Minderheit von „Psychopathen“. Eine aktuelle Studie der Universität Duisburg hat gezeigt, dass es entgegen aller medialen Dramaturgie 2020 keine Übersterblichkeit in Deutschland gab, die man bei dem Begriff „Pandemie“ eigentlich erwarten würde, im Gegenteil, sie lag mit 2,4 Prozent sogar unterhalb des demografisch zu erwartenden Wertes – und das ohne Impfungen! Das ist zunächst einmal das wesentliche Faktum.

Nach aktuellen Zahlen des RKI hat die Frequentierung der bundesweiten Notaufnahmen wegen Herzkreislauf-Erkrankungen und neurologischen Akut-Symptomen seit Anfang 2021 im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zugenommen, wobei ich nicht sagen kann ob das an den Impfungen oder am steigenden Stresspegel in der Bevölkerung liegt. Aber solche Zahlen müssen offen diskutiert werden.

Eine jüngst im renommierten Fachjournal Lancet erschienene Publikation hat ganz klar gezeigt: Geimpfte Menschen, die mit der häufigen Deltavariante infiziert sind, haben die gleiche Viruslast und sind nahezu gleich ansteckend wie die Ungeimpften. Eine 2G-Regel wird damit noch unsinniger, nicht nur weil sie das soziale Klima weiter vergiftet, sondern weil sie zur ohnehin illusorischen Ausrottung des Virus keinen Beitrag leistet und die „Freiheit für Geimpfte“ zu einem Trugbild macht, denn dadurch könnten die Geimpften sogar zu heimlichen sog. Pandemietreibern werden. Sie verbreiten ihre Viren genauso, nur merkt es niemand, weil sie de facto nicht mehr getestet werden, wodurch sie auch in der Statistik der Infizierten – das sind die positiv Getesteten – logischerweise unterrepräsentiert sind.

Leider haben wir uns schon so tief in den Netzwerken der Angst und den immer undurchschaubarer werdenden virologischen Argumentationsketten verstrickt, dass wir die gesunde menschliche Normalität und Toleranz immer mehr aus dem Blick verlieren – und das ist das Bedenkliche.

Dr. med. Thomas Hardtmuth (Chirurgie/Thoraxchirurgie), Steinheim