Der Artikel vermittelt den Eindruck, es gäbe Ärzte, die ihren Patienten Atteste ohne medizinische Notwendigkeit ausstellen würden, sogenannte Gefälligkeitsatteste.

Vorwürfe im Geschäft

Weder ich noch ein Familienmitglied von mir besitzen ein Attest. Dennoch möchte ich ein paar Gedanken und Erfahrungen zur Begrifflichkeit „Gefälligkeitsatteste“ anführen. Beim Einkauf in Heidenheim konnte ich unlängst eine Situation miterleben, die mich im Nachgang noch weiter beschäftigte. Eine Dame mittleren Alters wurde empört von einer Kundin im Laden angegangen, was ihr einfalle, ohne Maske im Laden herumzulaufen. Die Dame ohne Maske antwortete in ruhigem und höflichem Ton, sie könne keine Maske tragen und hätte ein Attest, woraufhin die etwas ältere Dame noch mehr erzürnte und den Vorwurf von Gefälligkeitsattesten anbrachte. Sicherlich hatte die Dame ohne Maske auf den ersten Blick keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen, aber dürfte es heute nicht als common sense gelten, dass einem nicht jede Krankheit unmittelbar auf die Stirn geschrieben steht?

Traumatisierende Erlebnisse

Ich musste an die Geschichte einer Studienfreundin denken und wie unendlich dankbar sie jener Ärztin im Raum Stuttgart war, die entgegen vieler ihrer ärztlichen Kollegen bereit war, ein Attest auszustellen. Wer ihre ganze Geschichte kennt und weiß, dass sie im Alter von 16 Jahren brutal missbraucht wurde kann vielleicht nachvollziehen, dass es ihr heute aus gesundheitlichen Gründen nicht zumutbar ist eine Maske vor dem Mund zu tragen, da ihr auch damals der Mund qualvoll zugehalten wurde und jene traumatisierenden Erinnerungen genau dann immer wieder hochkamen, wenn sie eine Maske trug.

Auch jene Ärztin hatte ihr ein Attest ohne Indikation ausgestellt. Sicherlich, so vermute ich, zum Schutz ihrer Patientin. Könnte man dieser Ärztin etwa Unaufrichtigkeit, Eigennutz oder gar „kriminelles“ Verhalten unterstellen? Oder hat sie nicht vielmehr ihrem ärztlichen Gelöbnis entsprechend die Not ihrer Patientin erkannt und sich für die Gesundheit ihrer Patientin eingesetzt?

In zweifelhaftes Licht gesetzt

Überarbeitungswürdig finde ich die Passage in der es heißt, die HZ hätte einen Hinweis erhalten, dass es vorrangig zwei Ärzte im Landkreis sein sollen, die Atteste (ohne Indikation) ausstellen. Schließlich besteht in der Coronaverordnung keinerlei Verpflichtung, die Indikation auf das Attest zu schreiben.

Durch die Formulierung entsteht der Eindruck, die zwei Praxen handelten illegal. Damit aber könnten unbeabsichtigt zwei Ärzte in ein zweifelhaftes Licht gebracht werden, die möglicherweise nur bedacht darauf sind, keine intimen Erkrankungsdetails ihrer Patienten preiszugeben.

Katrin Roth, Steinheim