Steinheim / klaus-Dieter Kirschner Die Verhandlung des Schöffengerichts im Amtsgericht Heidenheim war am gestrigen Mittwoch etwas mehr als eine Stunde alt, als vier der neun Angeklagten und deren Anwälte ihre sieben Sachen packten und mit der Einstellung des Verfahrens im Gepäck und 6000 Euro Geldauflage den Gerichtssaal verließen.

Verhandelt wird wegen Insolvenzverschleppung beim Fertighaushersteller Kampa. Angeklagt sind ehemalige Geschäftsführer, die zum Teil in Personalunion gleich mehrere Tochterunternehmen führten.

Bei der Verlesung der Anklageschrift durch Staatsanwalt Dr. Wunderle wurde in der von Richter Eberhard Bergmeister geleiteten Schöffengerichtsverhandlung zunächst deutlich, wie verschachtelt letztlich die Kampa AG gewesen ist – mit „Töchtern“ im In-und Ausland und mit der Konzernzentrale im westfälischen Minden. Dort liefen viele Fäden zusammen. Aber auch das ist wahr: Der Standort Steinheim, der nach der ExNorm-Pleite von Kampa übernommen worden war, hatte vor allem auch wegen der modernsten Halle zur Produktion von Fertighäusern zentrale Bedeutung: Hier erfolgte 50 Prozent der Fertigung.

Dr. Wunderle listete insgesamt acht Tatvorwürfe auf: neben Insolvenzverschleppung auch Betrug zum Nachteil von Lieferanten. Bestellungen seien getätigt worden, obwohl man nicht mehr zahlungsfähig gewesen sei. Unter dem Dach von Kampa gab es die auswärtigen Hausmarken Libella und auch Hebel, ein Unternehmen, das Kellerelemente aus Beton goss und auch eine Kampa-Hausbaufinanz GmbH.

Die 1985 gegründete Kampa Haus AG hatte 20 Millionen Grundkapital; 2008 waren es etwas mehr als 35 Millionen Euro. Sämtliche Gesellschaften, so der Staatsanwalt, unterlagen der gemeinsamen Liquiditätsverwaltung: Fehlbeträge oder Überschüsse seien über Minden gegenseitig ausgeglichen worden. Im August 2008 habe die Liquiditätslücke 15,2 Millionen Euro betragen. Durch Ausgabe neuer Aktien- und Grundstücksverkäufe sei gegengesteuert worden. Im September 2008 habe sich die Lage insofern verschärft, als vier Millionen Euro offenen Lieferanten-Forderungen der freien Liquidität in Höhe von einer Million Euro gegenüberstanden. Zwischen dem 30. November und dem 31. Dezember habe sich der Fehlbetrag von 4,639 Millionen auf 7,969 Millionen erhöht. Die überfälligen Verbindlichkeiten per 31. Januar 2009 bezifferte Wunderle auf 7,653 Millionen. Ab dem 11. März hätten dann die verschiedenen Tochterunternehmen und Kampa selber Insolvenzantrag gestellt. Der Vorwurf des Staatsanwalts: „Drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit hätte der Insolvenzantrag gestellt werden müssen.“ Deshalb klage er wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung und wegen Betrugs an.

„Im Vorfeld des Verfahrens haben die Prozessbeteiligten sich nicht zu den von einem Gutachter erhobenen Zahlen geäußert, die heute der Staatsanwalt vorgetragen hat. Ich gehe davon aus, dass die Zahlen nicht falsch sind und offenbar bis zum Schluss versucht worden war, die Firma weiterzuführen und sie nicht vorsätzlich an die Wand zu fahren,“ sagte Richter Bergmeister. Von daher sei er bereit, gegen vier der Angeklagten wegen geringer Schuld das Verfahren vorläufig einzustellen. Jeweils 6000 Euro müssten die Angeklagten an den Hilfs- und Wohltätigkeitsverein Heidenheim bezahlen.

Im weiteren Fortgang der Hauptverhandlung äußerte sich Josef Haas, der nach der Firmenpleite als einziger Geschäftsführer an Bord bleiben durfte und später die Nachfolgefirma als Alleingesellschafter gründete. Er zählte die Gründe auf, warum aus seiner Sicht nicht die Rede von einer Verschleppung des Insolvenzantrags sein könne. Haas beschrieb zunächst die Lage der Fertighausbranche im Allgemeinen. Da man Witterungsbedingt zwischen Januar und März wegen Eis und Schnee selten Häuser aufstellen könne, seien dies eher schwache Monate. Geld der Kunden fließe bekanntlich nur entsprechend dem Baufortschritt. Wenn nun der Gutachter sage, dass zum 30. September 2008 schon Insolvenz hätte beantragt werden müssen, dann berücksichtige er die Stundungsvereinbarungen mit zahlreichen Geschäftspartnern nicht. Auf die Weise habe er (Haas) 3,5 Millionen Euro bekommen. Dem Gericht legte er eine Liste von Namen vor, die in der Sache als Zeugen etwas sagen könnten. In dem erwähnten Zeitraum von sechs Monaten habe Kampa nicht einen Mahnbescheid bekommen.

Der Finanzinvestor Triton hätte doch im Januar 2009 niemals weitere sieben Millionen Euro ins Unternehmen gepumpt, wenn da nicht das positive Testat des renommierten Wirtschaftsprüfers gewesen wäre. Für März seien weitere drei Millionen Euro zugesagt gewesen. Noch am 28. Februar 2009 habe Triton versichert, „wir gehen mit Euch den Weg weiter“. In den folgenden Tagen änderte sich das aufgrund von neuen Zahlen. Die drei Millionen seien nicht mehr überwiesen und notgedrungen der Weg zum Insolvenzgericht angetreten worden, schloss Haas.

Und die Situation heute?

Kampa hat 250 Beschäftigte, baut 400 Häuser in diesem Jahr. 1300 Fertighäuser waren es in den letzten sechs Jahren. Haas: „Ich spreche aus ganzem Herzen die Wahrheit.“

Der ehemalige Finanzvorstand Rolf Baresel erwähnte in seiner Stellungnahme, dass er im Herbst 2008 viele Wochen wegen einer Krebserkrankung nicht im Unternehmen gewesen sei, dass aber Kampa mit 800 Beschäftigten und 100 Millionen Euro Umsatz zu den stärksten Unternehmen in der Branche zählte. Fünf verschiedene Hausmarken gehörten zum Konzern. Laut Baresels Angaben fielen die Entscheidungen fürs neue Geschäftsjahr immer im vierten Quartal des Vorjahres. Dazu gehörte die Plausibilitätsprüfung und noch vor Weihnachten 2008 habe die Deutsche Bank mit ihrer Zusage die Finanzierung für 2009 sichergestellt. Zuvor habe Triton eine Kapitalerhöhung in Höhe von zehn Millionen zugesagt. Sieben Millionen flossen im Januar 2009. Baresels Abberufung und die der Vorstände Markus und Jörg Schreyögg sei ad hoc geschehen, als plötzlich neue, denkbar schlechte Zahlen aus dem Ausland auf den Tisch gekommen ware. Gegen die fristlose Entlassung sei man nicht vorgegangen, weil Triton eine abermalige Finanzspritze zur Kampa-Rettung zugesagt hatte.

Richter Bergmeister sprach von vielen subjektiven Einschätzungen, die vorgetragen worden seien, und nannte die 3,5 Millionen, die Kampa gestundet wurden, irrelevant. Vielmehr müsse man überfällige und andere offene Forderungen zusammenzählen.

Der Prozess wird heute um 8.30 Uhr im Amtsgericht Heidenheim fortgesetzt.