Als sich im Sommer 2018 über die Firma Voith die Gelegenheit bot, für rund. 2,5 Jahre das Abenteuer USA einzugehen, haben wir nicht lange gezögert. Eine neue Papiermaschine sollte in Green Bay gebaut werden und Johannes wurde dafür als Projektmanager engagiert. Unsere Töchter Lena und Sarah waren zu dieser Zeit 23 und 20 Jahre alt und somit „aus dem Gröbsten raus“. Wir sind nun seit Anfang November 2018 hier, haben uns ein kleines Häuschen gekauft und unseren Entschluss noch keine Minute bereut.

Wir waren allerdings auch nicht ganz fremd hier, mein Mann hat vor fast 30 Jahren schon einmal bei Voith in Appleton für 8 Monate gearbeitet, und wir haben immer noch zwei amerikanische Familien hier, mit denen wir sehr gut befreundet sind. Das war, vor allem in der Anfangszeit, enorm wertvoll.

Außerdem haben wir nette Nachbarn und auch die Gegend unterscheidet sich nicht sehr von der Schwäbischen Alb. Sogar ein Aldi und ein Bäcker, bei dem es donnerstags „German Pretzels“ gibt, sind mit dem Fahrrad zu erreichen. Eine bayrische Metzgerei im 100 Meilen entfernten Madison rundet das „deutsche Angebot“ hier ab.

Das Weihnachtsfest 2018 verbrachten wir hier und erlebten einen herrlichen Winter mit ganz viel Sonne, Schnee und eisiger Kälte. Da sich Skifahren mangels Bergen etwas schwierig gestaltet, haben wir das Schneeschuhwandern für uns entdeckt. In den ersten drei Monaten hatten wir einen Pflegehund bei uns, was uns den Abschied von unserer Beaglehündin Lilly, die in Steinheim bei unserer Familie geblieben ist, sehr erleichtert hat.

Da ich, Petra, hier keine „richtige“ Arbeit habe, engagiere ich mich zwei- bis dreimal die Woche in einem Reittherapiezentrum. Die Arbeit mit den Kindern und Pferden macht mir sehr viel Spaß und ist für meine Sprachkenntnisse natürlich auch hilfreich. Ansonsten sind wir dem YMCA beigetreten, einem gemeinnützigen Sport- und Fitnessclub für die ganze Familie. Dort haben wir das Pickleball-Spielen für uns entdeckt und haben dadurch viele Bekanntschaften geschlossen.

Der erste Besuch aus Deutschland kam dann im August 2019. Freunde vom Bodensee, mit denen wir gemeinsam die Gegend um Appleton und Chicago erkundeten. Danach besuchten uns unsere beiden Töchter, die Jüngere kam direkt aus Neuseeland von einem zehnmonatigen Backpackertrip. Gemeinsam ging es für zwei Wochen nach Florida. Nach weiteren zwei Wochen hier in Appleton, dem Besuch eines Green Bay Packers-Footballspiel im berühmten Lambeau Field und einem etwas anderen Oktoberfest hieß es leider wieder Abschied nehmen. Der Besuch einer guten Freundin aus Steinheim sollte der letzte für sehr lange Zeit sein… Was wir damals noch nicht wissen konnten…

Über Weihnachten 2019 waren wir drei Wochen auf Heimaturlaub in Steinheim, was wirklich sehr schön war. Sich mit Familie und Freunden zu treffen, deutsches Essen genießen und reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist…einfach unbezahlbar!

Als wir im Januar dann wieder hierher zurückgeflogen sind, konnte noch niemand ahnen, dass es das letzte Mal für lange Zeit sein sollte. Der nächste Heimflug für April war bereits gebucht. Doch dann kam Corona und alle geplanten Reisen und Besuche aus Deutschland mussten abgesagt und storniert werden.

Das Jahr 2020 hier in USA war geprägt vom Wahlkampf und Corona. Johannes arbeitet seit März im Home-Office und für mich waren auch erstmal alle Aktivitäten auf Eis gelegt. Zum Glück haben wir einen schönen Garten ums Haus und tolle Parks direkt am Fox River und am Lake Winnebago, die zum Laufen und Fahrradfahren bestens geeignet sind.

Glücklicherweise war das Wetter diesen Sommer wirklich sehr schön, sodass wir fast jede freie Minute mit unserer Harley unterwegs waren. Tagsüber unterwegs, mit einem Vesper im Gepäck, und abends wieder zuhause – so ließ sich der Corona-Sommer einigermaßen überbrücken. Die Gegend um Appleton, den Lake Winnebago und den Lake Michigan kennen wir dadurch mittlerweile wie unsere eigene Westentasche.

Mitte September hatten wir dann noch eine Woche Urlaub. Mit einem befreundeten Ehepaar haben wir einen fünftägigen Roadtrip durch den Bundesstaat Michigan gemacht. The Big Dunes, Mackinac Island (eine absolut autofreie Insel, kaum zu glauben hier in den USA!), die Wasserfälle von Tahquamenon und die Pictured Rocks sowie verschiedene Weinproben gehörten zu den Highlights unserer Tour.

Um den „Indian Summer“ in seiner vollen Pracht zu sehen, fuhren wir Anfang Oktober ganz spontan, bei bestem Spätsommerwetter, nochmals drei Tage mit dem Motorrad den Mississippi entlang.

Die Papiermaschine macht, trotz vieler coronabedingter Widrigkeiten, Fortschritte und wir werden wohl im Sommer 2021 wie geplant wieder zurück nach Steinheim ziehen. Eigentlich wollten wir das Weihnachtsfest 2020 hier in Appleton gemeinsam mit unseren Kindern und Eltern verbringen, was jetzt leider auch nicht möglich ist.

Wir freuen uns deshalb natürlich darauf, wenn es wieder zurück nach Deutschland geht, wobei uns der Abschied von unserer mittlerweile zweiten Heimat Appleton bestimmt nicht leicht fallen wird.

Wir wünschen allen Lesern und natürlich besonders unseren Familien und Freunden ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gesundes neues Jahr 2021!

Jedes Jahr berichtet die Redaktion im Rahmen von „Brücken in alle Welt“ über Menschen aus dem Kreis Heidenheim, die im Ausland leben. Hier lesen Sie alle Artikel.