Ellwangen/Sontheim / Laura Strahl In der Verhandlung um die Sontheimer Morde waren am Dienstag psychiatrische Gutachten über die drei Angeklagten zu hören. Zudem hatte die Mutter bzw. Ehefrau Gelegenheit, sich zu äußern.

Was wusste die Ehefrau bzw. Mutter von den Taten ihres Mannes und ihrer Kinder? Diese Frage steht bereits seit Beginn des Verfahrens am Ellwanger Landgericht im Raum. Vor allem in den Zuschauerreihen wird gerätselt und spekuliert. Als Zeugin war die 55-Jährige bis zuletzt jedoch nicht eingeplant. Man sei davon ausgegangen, erläutert Vorsitzender Richter Gerhard Ilg am Dienstag, dass dies die Frau womöglich zu sehr belasten könnte.

Ein Blick zur Familie

Nun aber wollte man es doch versuchen und lud die Frau, die an den ersten beiden Prozesstagen bereits zeitweise im Zuschauerbereich Platz genommen hatte, als Zeugin vor. Ein Mal lässt die 55-Jährige bei dieser Gelegenheit den Blick über die Anklagebank schweifen. Ganz kurz nur schaut sie dahin, wo ihr Mann und ihre Söhne sitzen. Zumindest ihr 55-jähriger Ehemann zeigt jedoch keine Regung, starrt wie an den Tagen zuvor auf den Boden. Auch als seine Frau nach nur wenigen Minuten den Gerichtssaal wieder verlässt, blickt er nicht auf.

„Nichts zu sagen“

Die Vernehmung der gebürtigen Italienerin war kurz. Wie schon bei der Vernehmung durch die Polizei hat die 55-Jährige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. „Ich habe nichts zu sagen. Es geht hier um meinen Mann und unsere Kinder“, teilt sie dem Gericht mit. Mehr nicht.

Deutlich aufschlussreicher sind die Gutachten der beiden psychiatrischen Sachverständigen. Bei Gesprächen im Vorfeld der Verhandlung haben sie die Mordverdächtigen kennengelernt, auch um Aussagen über deren geistige Verfassung machen zu können. In allen drei Fällen aber konnten die Sachverständigen keine psychopathologischen Auffälligkeiten feststellen. Es gibt also keinerlei Anzeichen dafür, dass die Angeklagten an Krankheiten oder anderweitigen psychischen Störungen leiden, aufgrund derer sie die Taten begangen haben könnten.

Unterdurchschnittliche Intelligenz

Lediglich beim 33-jährigen Angeklagten, dem die Beteiligung an zwei Morden vorgeworfen wird, sei eine unterdurchschnittliche Intelligenz bzw. eine Art Lernbehinderung sowie eine verzögerte Entwicklung festzustellen. „Er ist das schwächste Glied in der Familie“, formulierte Gerichtsgutachter Dr. Peter Winkler. Dennoch sei der 33-Jährige eindeutig dazu in der Lage gewesen, sich gegen die Taten zu entscheiden. Warum also beteiligte er sich? „Der Wunsch, als guter Sohn wahrgenommen zu werden, war stärker“, lautet Winklers Einschätzung, auch von einer bizarren Idealisierung des Vaters ist die Rede. Einen innerlichen Hang zur Begehung schwerer Straftaten konnte der Sachverständige bei dem 33-jährigen Angeklagten allerdings nicht erkennen. Ratsam sei die Unterbringung in einer Sozialtherapeutischen Anstalt, einer Sonderform des Strafvollzugs, die dem Angeklagten eine engmaschige psychiatrische Behandlung bietet.

Keine Tataufarbeitung

Auch für den 55-jährigen Angeklagten hält Winkler eine psychologische Betreuung für sinnvoll. Man werde beim „Mastermind“ der Morde aber einen langen Atem brauchen, lautet die Vermutung des Sachverständigen. Denn bislang sei eine tiefer greifende Tataufarbeitung nur in „homöopathischen Spuren“ erkennbar. Verantwortung für die Taten übernehme der Angeklagte, im Übrigen psychisch gesund, ebenfalls nicht.

Die Frage, warum der 55-Jährige die Taten überhaupt begangen hat, drängt sich förmlich auf. Diesbezüglich, gibt der Gutachter zu, sei er rat- und hilflos. Schließlich habe der Angeklagte trotz einiger Belastungsfaktoren (früher Tod der Mutter, Migrationshintergrund nach dem Umzug nach Deutschland, schwerer Arbeitsunfall) sein Leben gemeistert und eine stabile Biografie.

Selbstjustiz und Angst

Eigentlich. Denn lege man dem 55-Jährigen drei Morde zur Last, kann man aus Sicht des Gutachters – wichtig ist dies auch in Bezug auf das Strafmaß – durchaus von einem Hang zu schwerwiegenden Straftaten sprechen. Immer wieder sei der Angeklagte bereit gewesen, seine persönlichen Vorstellungen über Recht und Gesetz zu stellen. Als erschwerend betrachtet der Sachverständige zudem die unterschiedlichen Motive: So sei bei den ersten Morden von Selbstjustiz bzw. Bestrafung von Fehlverhalten auszugehen, bei der dritten Tat fehle die persönliche Motivation aber gänzlich. „Die Gründe werden fast beliebig. Wenn ihn etwas stört, ist er bereit, bis zum Äußersten zu gehen.“

31-Jähriger hatte Angst

Auch in Bezug auf seinen 31-jährigen Sohn spielte das Wissen über diese Skrupellosigkeit wohl eine Rolle. Wie die psychiatrische Sachverständige Dr. med. Heidi Durst in diesem Fall beschreibt, war die Angst vor dem Vater immer wieder Thema des Gesprächs, das sie mit dem Angeklagten führte. Eines aber betont die Sachverständige: „Die Angst war tatbegleitend, nicht tatbestimmend.“ Auch der jüngere Sohn sei also dazu in der Lage gewesen, sich gegen eine Beteiligung an der ihm vorgeworfenen Tat zu entscheiden.

Am Dienstag wird die Verhandlung vor dem Ellwanger Landgericht fortgesetzt. Wie kam die Polizei den Angeklagten überhaupt auf die Spur? Eine Rekonstruktion.

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Bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe

Bei einer Falschaussage droht nicht nur eine Geldstrafe, sondern auch eine Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Ist ein Zeuge vereidigt, liegt das Strafmaß zwischen einem und 15 Jahren. lst