Sontheim/Brenz / Laura Strahl Die Weidesaison hat begonnen. Schäferin Ruth Häckh fehlt vor allem eines: Rücksichtnahme. Ein Besuch in Sontheim.

Schwarzer Umhang, brauner Hut, in der Hand die Schippe, das traditionelle Werkzeug der Hüteschäfer. Ruth Häckh geht zügig voran, führt ihre Herde auf eine saftig grüne Wiese. Hündin Bella umkreist das geordnete Chaos, hat ganz offenbar alles unter Kontrolle.

Dass sich in der Gegend kürzlich ein Wolf herumgetrieben hat, ist an diesem sonnigen Tag am Sontheimer Dexelberg Nebensache. Der Alltag hat Schafe, Hütehund und Schäferin fest im Griff. Nach mehreren Wochen im Stall spielt sich das Leben nun wieder draußen ab, auf den Wiesen und Heiden, Tag und Nacht, bei jedem Wetter. „Der Wolf ist nicht relevant, solange er nicht da ist“, sagt Häckh. Aktuell habe sie als Schäferin mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.

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Mit unvorsichtigen Fahrradfahrern zum Beispiel, mit achtlos weggeworfenem Müll, mit intensiver Landwirtschaft, mit fehlenden Pferchflächen, mit Stöckchenwerfern und deren Hunden. Oder kürzer gesagt: mit fehlender Rücksichtnahme. „Die Menschen sind nicht einsichtig“, beschreibt Häckh und blickt auf ihre friedlich fressenden Schafe. Der Pflegeauftrag, der dazu beiträgt, dass die für die Region typischen Heideflächen auch weiterhin so aussehen, wie sie es schon seit Jahrhunderten tun, werde heutzutage kaum mehr wahr- bzw. ernst genommen. Gerade bei Hundehaltern, sagt Häckh, sei das Unverständnis groß: „Wenn nicht offensichtlich ein Schaf tot ist, hört man nur, es sei doch nichts passiert.“ Tatsächlich aber gleiche die Begegnung zwischen Hund und Schaf auch ohne Blutlache einem Drama.

Wenn es zum Äußersten kommt

Mischt ein Hund ihre Herde auf, rechnet Häckh, Schäferin in dritter Generation, stets mit einem „riesigen Rattenschwanz an Folgen“. Die eher harmlosen darunter hat die Sontheimerin schnell aufgezählt: Die Schafe fressen schlechter, sind anfälliger für Krankheiten, nehmen nicht zu, lassen sich schwerer verkaufen. Berichtet sie vom Äußersten, kommt ein wenig Unbehagen auf. Doch auch dazu kommt es infolge von Hunde-Begegnungen manchmal: einer Totgeburt. „Dann muss ich das halb verweste Lamm aus dem Mutterleib ziehen.“

Verschönern, abschwächen. Häckhs Sache ist das offenbar nicht. Klare Worte schon eher. Nach der Veröffentlichung ihres Buches über das eigene Leben als Schäferin war sie im vergangenen Jahr gefragte Interviewpartnerin. Den Druck auf das Schäferwesen kann sie gut vermitteln. In manchen Momenten ist er beinahe greifbar. Auch beim Blick auf schnöde Zahlen: Zwölf Berufsschäfer beweiden derzeit Flächen im Landkreis Heidenheim, zehn davon kommen tatsächlich aus dem Kreisgebiet. Früher waren es einmal mehr. Und auch das Durchschnittsalter lag schon niedriger. Heute seien Schäfer im kreis- und europaweiten Durchschnitt 57 Jahre alt, sagt Häckh, deren Prognose sich auch auf den vorherrschenden Nachwuchsmangel stützt: „In zehn Jahren gibt es nur noch zehn Prozent der Betriebe.“

Das Ende einer Familientradition

Vor der strahlend blauen Kulisse des wolkenlosen Himmels klingt all das unglaublich hart. Aber auch verständlich. Kann Häckh, Jahrgang 1962, die Zwölf- bis 14-Stunden-Tage irgendwann einmal nicht mehr stemmen, wird ihr Betrieb „definitiv sicher“ nicht mehr länger existieren. Das ist dann das Ende einer Familientradition. Und noch eine Schäferei im Landkreis weniger.

Die Sache mit dem Wolf

„Der Wolf ist nicht relevant, solange er nicht da ist“, lautet Ruth Häckhs Einschätzung zur kürzlich bestätigten Wolfsichtung bei Steinheim und Bartholomä. Das Tier ist vermutlich längst über alle Berge. Sollte in der Gegend aber tatsächlich ein Wolf heimisch werden, wird die Situation aus Sicht der Sontheimer Schäferin existenzbedrohend. „Wenn ich heute den Wolf hier habe, habe ich morgen keine Schafe mehr“, sagt Häckh voraus.

Ein Blutbad könne sie nicht verkraften, „das tue ich mir nicht an“. Auch dann nicht, wenn die Kosten für Schutznetze von anderer Stelle übernommen werden. Speziell ausgebildete Herdenschutzhunde seien in unserer dicht besiedelten Gegend nicht praktikabel. Das gehe allenfalls in Norddeutschland.

Die psychische Belastung, so Häckhs Annahme, würde durch die Anwesenheit eines Wolfes oder gar eines ganzen Rudels enorm ansteigen. Schlaflose Nächte inklusive: „Ich könnte es nicht ertragen.“

In einem Artikel teilt in Kürze auch Schäfer Holger Banzhaf aus Gerstetten-Heldenfingen seine Einschätzung zur Wolfsichtung. Er ist  Beiratsmitglied im Landesschafzuchtverband Baden-Württemberg. lst