Lontal / Klaus Dammann Durch Zufall wurden auf dem Dachboden der Kirche einstige historische Ausstattungsstücke gefunden. Mittlerweile ist einiges davon restauriert worden.

„Es ist absolut meine Lieblingskirche im Landkreis Heidenheim“, schwärmt der katholische Dekan Dr. Sven van Meegen. „Da fühlt man sich Jahrhunderte zurückversetzt.“ St. Ulrich in Lontal, am 18. September 1605 geweiht, sei die einzige vollständig erhaltene Renaissancekirche in Deutschland.

Das Gotteshaus sei schon immer eine Wallfahrtskirche gewesen und eigentlich zu groß für die aktuell gerade mal 27 Einwohner des zu Niederstotzingen gehörenden Weilers Lontal, erzählt der Dekan und Niederstotzinger Pfarrer. Das rechteckige Saalschiff der Kirche misst 17 mal neun Meter, hinzu kommen ein dreiseitig auslaufender Chor im Osten und ein quadratischer Hauptturm auf der Nordseite. Der Grundstein der heutigen Kirche wurde am 11. April 1603 gelegt. Da bei Grabungen ein spätromanischer Taufstein gefunden wurde, geht man davon aus, dass eine erste Ulrichskirche an diesem Standort in staufische Zeit um 1200 datieren könnte.

Ursprüngliches erhalten

Das, was die Kirche ausmacht, sei immer bis in die Details bewahrt worden, so van Meegen: „Man kommt in die Kirche und da stimmt alles.“ Es gebe eigentlich keine Vermischung von alten und neuen Dingen und das Ursprüngliche werde erhalten.

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Wie sehr dieser Eindruck zutrifft, zeigte sich besonders im Jahr 2018, als Redakteure der Heidenheimer Zeitung für ihre preisgekrönte Glocken-Serie „Heiliger Bimbam“ zusammen mit dem Dekan den Dachboden von St. Ulrich in Lontal inspizierten. In dem Bereich über der Flachdecke des Hauptschiffs wurde ein sehr großer Schrank entdeckt, der damals auch dem Pfarrer unbekannt war. Nach einer erfolgreichen Schlüsselsuche konnte ein Blick in das Möbelstück geworfen und festgestellt werden, dass hier historische Ausstattungsstücke aus der Kirche und alte liturgische Gegenstände sorgsam aufbewahrt wurden. Der Dekan vermutet, dass die meisten Funde in die Zeit der Restaurierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts gehören.

Zum Vorschein kamen große Messgewänder, alte Bücher, der alte Klingelbeutel, Buchstützen und vieles andere mehr. Alles sei gut erhalten und sauber archiviert. „Es war für mich eine Reise in die Vergangenheit.“

Ein schwarzes Kreuz

Als eine Besonderheit sieht van Meegen ein aufgefundenes schwarzes Beerdigungs-Vortragekreuz, das im Unterschied zum üblichen goldglänzenden Vortragekreuz bei Beisetzungen Verwendung fand. Darauf gemalt seien der leidende Christus und auch ein Totenkopf zu sehen. „So etwas habe ich noch nie irgendwo anders gesehen“, sagt er. Wie die Buchstützen sei das Kreuz restauriert worden und es ist heute ständig in St. Ulrich aufgestellt.

Weitere Stücke aus der Vergangenheit der Wallfahrtskirche fand man neben dem Schrank auf dem Boden liegend. Zunächst sei nicht erkannt worden, um was es sich bei diesen Holzgittern handelt, schildert der Dekan. Zu Rate zog man daher Kurt Thoma aus Stetten, der derzeit einen neuen Führer zur Ulrichskirche verfasst, sowie den ehemaligen Niederstotzinger Stadtrat und Lontaler Bürger Manfred Hummel, der sich mit der Orts- und Kirchengeschichte und der Ausstattung auskennt. Rasch wurde dann klar, dass die massiven Eichenteile die ehemalige Kommunionbank darstellen, die als zweigeteilte Abschrankung mit Türchen das Schiff vom Altarbereich abtrennte. Polster vor den Schranken dienten zum Hinknien beim Empfang der Kommunion.

Abgebaut worden sei die Kommunionbank wohl in den achtziger Jahren, so van Meegen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962 bis 1965 seien derartige Bänke liturgisch nicht mehr benötigt worden.

Im Mai diesen Jahres seien die Teile der Kommunionbank dann vom Dachboden geholt worden, erzählt der Pfarrer. Seitdem befanden sie sich in der Werkstatt des gelernten Zimmermanns Michael Noller in Stetten, der sie fachmännisch und ehrenamtlich instandsetzte. Als Überraschung wurde die Kommunionbank nun zum kürzlichen Ulrichsfest am 7. Juli 2019 wieder am alten Platz eingebaut.

Kreuz wird Christus

Neben den Restaurierungen alter Ausstattungsstücke habe es in jüngerer Zeit am Gebäude nur kleinere Arbeiten gegeben, schildert van Meegen. So kam es etwa zu Ausbesserungen am Putz oder zum Freilegen der Altarpodeste. Aber auch eine weitere Entdeckung wurde gemacht: Das vollplastische Kreuz über dem Tabernakel im Chor der Kirche lässt sich drehen. Mit einem Schlüssel kann eine mechanische Funktion in Gang gesetzt werden, bei der das Kreuz verschwindet und der auferstandene Christus als Figur zum Vorschein kommt. Auch diese an Ostern zu nutzende Funktion ließ die Kirchengemeinde gerade erst wieder herrichten.

Darüber hinaus gibt es im Inneren der sehenswerten Wallfahrtskirche im kleinen Weiler Lontal Renaissancemalereien ebenso wie bildliche Darstellungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu entdecken. Der von Kurt Thoma geschriebene neue Kirchenführer zu St. Ulrich soll dem Dekan zufolge im Herbst 2019 erscheinen.

Video vom Aufstieg in den Turm von St. Ulrich:

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Gut besuchtes Ulrichsfest in Lontal

Am vergangenen Sonntag feierten die wenigen Einwohner des Weilers Lontal das Patroziniumsfest des Heiligen Ulrich, dem ihre Kirche geweiht ist. An die 400 Besucher aus der ganzen Umgebung seien gekommen, schätzt Dekan Dr. Sven van Meegen. „Das ganze Dorf half mit, auch der Kirchengemeinderat aus Stetten.“

Ein Gottesdienst findet in St. Ulrich immer nur am letzten Sonntag im Monat statt. Geöffnet ist das sehenswerte Gotteshaus an Sonn- und Feiertagen.