Oberstotzingen / Klaus-Dieter Kirschner Der schiefe Turm auf dem Dach von Schloss Oberstotzingen kann nicht mehr umkippen. Bevor er abgerissen wurde, war fein säuberlich der Turmhelm abgetrennt und auf Gerüstböcken im Schlossgarten abgelegt worden.

Seit ein paar Wochen ist das 1602 erbaute Schloss und Wahrzeichen Oberstotzingens eine Baustelle. Dass ein neues Türmchen oben auf das Dach kommen wird, lässt sich an dem Gerüst unschwer erkennen.

Ausweislich einer Stellenanzeige in mehreren Zeitungen erfuhren die Oberstotzinger, dass wohl aus dem Schloss ein Ferien- und Freizeitheim für Kinder werden soll. Dafür wurde schon mal ein Sozialpädagoge gesucht.

Die Geschichte des Schlosses reicht ins 13. Jahrhundert zurück. Die damals vorhandene Burganlage erlebte mehrfach eine bauliche Weiterentwicklung. Sogar von einem Wasserschloss ist die Rede. Im 16. Jahrhundert nennt die Chronik das bayerische Adelsgeschlecht Jarsdorf als Erbauer von Schloss Oberstotzingen. 1747 bekam es sein heute noch sichtbares „Barockkleid“.

1946 eröffnete ein Heim der Caritas

1833 ging das Schloss in den Besitz der Grafen von Maldeghem über und wurde zu günstigen Konditionen an Familien vermietet. Noch im Jahre 1942 wurde darin (zwangsweise) ein jüdisches Altenheim eröffnet und wenig später die etwa 100 Bewohner nach Theresienstadt deportiert. 1946 eröffnete die Caritas ein Altenheim im Schloss, beherbergte aber auch Flüchtlinge. Oberstotzingen teilt in etwa die Geschichte von Schloss Duttenstein, das nach dem Krieg über Jahre hinweg Lungenheilstätte gewesen ist.

In den 1970er-Jahren wurde nach dem Verkauf des Schlosses durch die gräfliche Familie erstmals der Restaurantbetrieb aufgenommen. Bevor im Schloss am 1. Dezember 2003 die Lichter ausgingen, hatte der Betreiber Vila Vita verschiedene Maßnahmen zur strukturellen Anpassung vorgenommen, aber die Wende nicht geschafft. 39 Mitarbeiter verloren damals in Oberstotzingen ihren Arbeitsplatz. Das dreiflüglige Schlosshotel umfasste 17 Zimmer und dort gaben sich vor allem die Betuchten die Klinke in die Hand. 13 Jahre hatte Schloss Oberstotzingen als Hotel, als Restaurant und mit seinen Seminarräumen Bestand. Die gehobene Küche und die im Restaurant aufgetragenen Speisen waren vorzüglich. Mit der Zeit aber blieben die „Spesen-Ritter“ weg. Die Wirtschaft florierte nicht mehr wie gewohnt. Auch mögen sich die Ansprüche gewandelt haben.

Anfangs tummelten sich die Württemberger Ritter im Park

Auf jeden Fall aber waren zu dem Zeitpunkt jene Pläne schon zu Grabe getragen worden, über die noch 1998 diese Zeitung groß berichtete: Es war im geräumigen Schlosspark der Bau eines (modernen) Schlosshotels beabsichtigt. In diesem Park aber tummelten sich in der Anfangszeit die Württemberger Ritter. Sie luden zum mittelalterlichen Markt ebenso ein wie zu Ritterspielen und mobilisierten mehrere hundert Zuschauer. Später zogen die Ritter nach Stetten ob Lontal um und fühlten sich seitdem dort, unter ihrem unvergessenen und viel zu früh gestorbenen Lehensherrn Ritter Albrecht, sehr wohl.

Schloss Oberstotzingen ist also eingerüstet. Handwerker unterschiedlicher Berufe gehen ein und aus und frischen nicht nur die Fassade auf.