Nattheim / Joelle Reimer Seit 25 Jahren leitet Norbert Bereska als Bürgermeister die Geschicke von Nattheim. Auf einer Rundtour durch die Gemeinde zeigt er auf, was sich in dieser Zeit alles getan hat.

Was erzählt man, wenn man seit 25 Jahren als Bürgermeister in ein und derselben Gemeinde tätig ist? Gibt es überhaupt noch Dinge, die nicht sowieso schon längst jeder weiß? Und wo fängt man an?

„Am Feuerwehrgerätehaus!“ Der Vorschlag von Norbert Bereska kommt so direkt, dass er neugierig macht. Also ab ins Auto, die Neresheimer Straße entlang und kurz vor dem Kreisel am Ortsausgang nach rechts abbiegen. Das Gebäude sieht unspektakulär aus, nicht anders als andere Feuerwehrhäuser, doch die Geschichte dahinter ist sicherlich einmalig im Landkreis. „Als ich 1994 angefangen habe, wollte die Gemeinde neben der Martinskirche das Feuerwehrgerätehaus erweitern. Ein denkmalgeschütztes Gebäude, das hätte eine Million Mark gekostet“, sagt Bereska, der voriges Jahr nicht nur 60 Jahre alt geworden, sondern auch in seine vierte Amtszeit gestartet ist.

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Der junge Bürgermeister – damals war er 35 Jahre alt – wollte beweisen, dass es auch anders geht. Das alte Gelände wurde für 750.000 Mark verkauft, die Gemeinde bekam eine Million Mark Zuschuss und baute das neue Gerätehaus für 1,5 Millionen Mark – man hatte also plötzlich 250.000 Mark übrig. „Damit haben wir den Gemeinschaftsraum Feuersee gekauft, haben das Sozialstationsgebäude gerichtet und ein Investor hat für 4,5 Millionen Mark 22 Seniorenwohnungen gebaut“, erzählt Bereska. Das Resultat: Über sechs Millionen Mark investiert, und die Gemeinde musste keinen Pfennig ausgeben.

Die richtigen Kniffe kennen

Der Nattheimer Bürgermeister ist dafür bekannt, ein geschicktes Händchen zu haben, wenn es um Finanzen, Fördermittel und Zuschüsse geht. „Wissen Sie, Beziehungen, Bekanntschaften und die richtigen Kniffe, das kann einiges bewirken“, erklärt er auf der Fahrt zur Wiesbühlschule – beziehungsweise zum „Bildungszentrum Wiesbühlschule“, wie das Areal nach den Umbauten einmal heißen soll. Übrigens, auch hier wieder: Bei 5,5 Millionen Investitionskosten rechnet die Verwaltung aktuell mit 2,3 Millionen Euro vom Land – „gleich vier Fördertöpfe werden da angebaggert“.

Er lacht. Dass es ihm Spaß macht, über die Dinge zu sprechen, die seine Gemeinde bewegen – das ist etwas, was sich auch nach 25 Jahren nicht geändert hat. „Klar, ich bin im Grunde Wasseralfinger. Dort, wo man aufwächst, zur Schule geht, dort hat man seine Heimat. Aber mein ganzes Herz, meine ganze Energie steckt in Nattheim.“

Dass das nicht nur leere Worthülsen sind, wird bei der Rundfahrt durch die Gemeinde schnell klar. An jeder Ecke entdeckt er etwas, überall kennt er jemanden und zu allem weiß er etwas zu erzählen. Die oft so hoch gelobte Bürgernähe stellt sich bei ihm ganz simpel dar. Schultes, Rathauschef, der Herr Bürgermeister: Für die meisten Bürger ist Norbert Bereska einfach nur dr Nobbe. Man ist per Du. Das stört ihn nicht, im Gegenteil, er sieht es als Auszeichnung. „Ich habe das schon immer so gemacht. Wenn ich mit jemandem Motorrad fahre, wenn ich gegen jemanden Tischtennis spiele, wenn ich mit jemandem Musik mache, dann duzen wir uns.“

Als Muster-Beispiel voran

Mit einem Seitenblick auf den Timba-Kindergarten streift Nattheims Bürgermeister ein weiteres Feld, das er in den vergangenen 25 Jahren stetig beackert hat: die Kinderbetreuung. „Wir waren die erste Gemeinde, die eine Krippe hatte. Mittlerweile sind es da 47 Kinder. Wir haben eine Ganztagesbetreuung mit Flexi-Modell an der Grundschule mit über 70 Kindern. Der Timba-Kindergarten ist Muster-Kindergarten in Süddeutschland – er hat nur sieben Schließungstage pro Jahr. Und jetzt bald der katholische Kindergarten, der auch ins Bildungszentrum kommt. Wir haben da richtig was aufgebaut und waren anderen immer fünf bis zehn Jahre voraus.“ Dazu die Gemeindehalle und das Ramensteinbad, dessen Sanierung in den nächsten zwei bis vier Jahren ansteht. „So einen Campus gibt es in der näheren Umgebung nicht.“

Weiter geht’s durch das Gewerbegebiet Rotbühl/Daimlerstraße in Richtung Steinweiler. „Hier habe ich den Vorschlag gemacht, dass wir die B 466 übers Gewerbegebiet ableiten. Die lief ja früher am Rathaus vorbei, das waren Tausende Fahrzeuge mehr, die da durch den Ort fuhren“, sagt Bereska. Vorbei am Kreisel und durch die Wälder, kommt er vom Gewerbegebiet auf eines seiner großen Hobbys zu sprechen: die Musik. „Meine Band, die hat von einem gewissen Charme gelebt. Von den Mitgliedern. Aber das gibt es nur einmal; in einer anderen Besetzung geht das nicht.“ Gitarre spielt er dennoch weiter, für sich – jeden Tag. „Die Finger müssen laufen!“

Wie im Karl-May-Film

Apropos jeder Tag: Mit der Freizeit, da sieht es als Bürgermeister mitunter mau aus. „Tischtennis, Laufen, Skat, Fußball, Motorrad, Musik: Ich muss mir die Zeit eben nehmen. Ansonsten habe ich von morgens bis abends Termine; Sitzungen, Vereinsbesprechungen, Gemeinderat.“

In Steinweiler wird erst scharf rechts, dann scharf links abgebogen. „Einfach hier den Schotterweg rauf!“ Ein Weg, den vermutlich nicht viele kennen – er führt zum alten Steinbruch. „Hier hat man die Plattenkalke herausgearbeitet für das Kloster Neresheim“, so Bereska. Was ihn aber noch mehr fasziniert, ist die Ruhe, ist die Atmosphäre hier oben. „Da könnte man doch glatt einen Karl-May-Film drehen, oder?“

Die jüngsten Pläne, dort Ziegen weiden zu lassen, liegen hingegen erst mal auf Eis: Das Regierungspräsidium Stuttgart habe einen entsprechenden Zaun am unteren statt am oberen Rand montiert, sodass der Steinbruch eigentlich nicht nutzbar sei – „wir möchten, dass das geändert wird. Der Zaun muss oben laufen.“

Vorbei an der Biker-Bahn – „die Kinder waren neun, zehn Jahre alt, als sie mich gefragt haben, ob ich die Strecke unterstütze; jetzt ist einer von ihnen Europameister“ – führt die Tour mit Nattheims Bürgermeister auf eine weitere Biker-Strecke: die Verbindungsstraße zwischen Auernheim und Fleinheim. Hier gibt eine Lichtung den Blick frei auf das Kloster Neresheim – ein weiterer Lieblingsplatz. Ebenso die ehemalige Bohnerzgrube Süßmahd. „In dem Tümpel haben die Nattheimer früher Schwimmen gelernt.“ Gekonnt scharrt Bereska mit seinem Schuh über den rötlichen Boden und hält kurz darauf ein paar kleine Kugeln in der Hand – Bohnerz.

Ein Gemeinderat, der sich was traut

Zurück in Nattheim, geht es nach einer schnellen Warnung – „Achtung, Blitzer!“ – nach links ins Wohngebiet Riederberg. Der letzte Bauplatz wurde kürzlich vergeben, die Nachfrage ist weiterhin hoch; die Verwaltung hat eine Liste mit 100 Interessenten. „Die Bauherren können bauen, wie sie möchten. Mir ist wichtig, dass die jungen Leute in Nattheim bleiben.“

Wieder am Rathaus angekommen, schweift der Blick noch kurz in die direkte Nachbarschaft. Was heute ein gewohntes Bild ist, fiel ebenfalls in die Amtszeit von Bereska: die komplette Ortskernsanierung. Der Bürgermeister wirft die Autotür zu, ist plötzlich wieder ganz in der Gegenwart. Jetzt muss es schnell gehen: Die Gemeinderatssitzung steht an. Und, wie ist das so? „Es gibt Gemeinderäte, die sind mutig, und es gibt Gemeinderäte, die trauen sich gar nichts. Meiner ist mutig und traut sich was, und das ist mir auch lieber.“

Zur Person

Norbert Bereska wurde 1994 zum Bürgermeister von Nattheim gewählt. Er ist Mitglied im Kreistag, Vorsitzender des Vereins „Gastliches Härtsfeld“, des Fördervereins für Kinder- und Jugendheilkunde des Heidenheimer Klinikums und des Bündnisses gegen das Atommülllager in Gundremmingen.

Nach dem Abitur ging Bereska von 1977 bis 1979 zur Bundeswehr. 1983 beendete er die Fachhochschule in Stuttgart als Diplom-Verwaltungswirt. Er begann in Königsbronn in der Finanzabteilung und wurde 1988 Leiter des Hauptamtes.