Nattheim / Joelle Reimer In Nattheim leben acht Senioren im Haus Josef – einer Pflege-WG. Diese wurde nach dem verstorbenen Stifter Josef Mayer benannt.

Ein zaghaftes Kopfnicken, neugierige Blicke, hier und da tönt ein freundliches Hallo herüber – und dann wollen die fünf Senioren, die gemeinsam auf der Terrasse des frisch renovierten Hauses in der Buchenstraße 12 in Nattheim sitzen, natürlich wissen, wer da zu ihnen in die WG kommt.

Seit Februar dieses Jahres werden sechs Einzel- und ein Doppelzimmer von acht älteren und mehr oder weniger pflegebedürftigen Menschen bewohnt – das Ganze in Form einer Wohngemeinschaft. Klingt erst einmal ungewöhnlich. Ist es auch, und tatsächlich steckt einiges dahinter, damit dies überhaupt erst möglich gemacht werden konnte.

Alles begann 2013

Seinen Anfang nahm das Projekt im Jahr 2013, der Anlass hierfür war zugleich ein trauriger: der Tod des damals 75-jährigen Nattheimers Josef Mayer. „Wir kannten uns schon sehr lange. Ich habe bei der Volksbank gearbeitet und ihn betreut. Ich glaube, ich habe ihm vor Jahrzehnten sogar seinen ersten Bausparvertrag gemacht“, erzählt Erwin Binder, der in Mayers Plänen später eine wichtige Rolle spielen soll. Das reine Geschäftsverhältnis entwickelte sich weiter, Bekanntschaft wurde zu Freundschaft, und als Mayer und seine Geschwister nach dem Tod der Mutter das Haus in der Buchenstraße erbten, half Binder ihm, Eigentümer der Immobilie zu werden. „Die Geschwister waren sich nicht einig, sie brauchten ganze 21 Jahre, um das Erbe auseinander zu dividieren. Am Ende bekam Josef das Haus“, so Binder.

Der Nattheimer schmiedete Pläne, wie er es renovieren wollte – die Diagnose Leukämie im Jahr 2011 machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Und hier kam nun wieder sein Freund Erwin Binder ins Spiel: „Josef wollte sein Vermögen für einen sozialen Zweck verwenden. Es sollte, genau wie die Immobilie, in eine Stiftung eingehen, die ich gründen und leiten sollte“, so Binder.

Die Bedingung: Das Haus dürfe 30 Jahre lang nicht verkauft werden, und es sollten arme Familien im Kreis Heidenheim unterstützt werden. „Josef kam im Alter von acht Jahren als Vertriebener aus dem Sudetenland nach Nattheim. Seine Familie lebte selbst in armen Verhältnissen. Nur langsam konnte er sich hier etwas aufbauen, arbeitete als Schlosser in Schnaitheim, und war immer schon sehr sparsam“, erinnert sich Binder. Wohl aufgrund der eigenen Erfahrungen soll die Stiftung nun anderen helfen.

Die Idee war da, und es war eine glückliche Fügung, dass Binder zu der Zeit intensiven Kontakt zu Stefanie Brenner hatte, die damals in Heidenheim mit dem Martinsheim die erste Senioren-WG aufgebaut hat. Das soll es auch in Nattheim geben, dachte sich Binder. Gesagt, getan: Die Immobilie und der langwierige Umbau wurde über die Stiftung geregelt, den Auftrag zum Pflegedienst bekam das Team von Stefanie Brenner – und die Bewohner füllen das Haus nun mit Leben.

„Ich bin in direkter Nachbarschaft aufgewachsen. Es ist unglaublich praktisch, dass mein Vater jetzt hier unterkommen konnte“, erzählt Rolf Wiedenmann, der zugleich Sprecher der Angehörigenvertretung ist. Die ist wichtig, denn das Wohnen in der WG bedeutet auch, dass die Senioren mit Unterstützung ihrer Angehörigen selbst bestimmen – sei es beim Fernsehprogramm, bei der Anschaffung von gemeinsamen Möbeln oder bei der Frage, welche Butter gekauft wird.

Enger Kontakt zu Angehörigen

„Wir Angehörigen können uns nicht einfach zurücklehnen, haben auch Verpflichtungen, das ist anders als beim Pflegeheim. Aber das ist ja auch das Schöne daran: Man wird eingebunden, hat Kontakt, ist bei Entscheidungen dabei“, so Wiedenmann. So kümmerten sich zu Beginn alle Bewohner gemeinsam um die nötige Ausstattung: Der eine brachte die Waschmaschine, andere eine Gefriertruhe, ein Sofa, Gardinen oder Weingläser. Ihre Zimmer haben die Bewohner selbst eingerichtet.

Und wie lebt es sich in einer Pflege-WG? „Es ist wie in jeder anderen WG auch. Jeder steht morgens auf, wann er will, und hat seinen eigenen Tagesablauf. Natürlich gibt es auch gemeinsame Aktivitäten, aber es gilt: Wer nicht will, muss nicht“, sagt Brenner.

Und wer doch will und kann, hilft sogar beim Waschen, Putzen, Kochen oder Unkraut jäten. Zwei Pflegedienstkräfte sind tagsüber vor Ort, eine Person nachts – diese 24-Stunden-Betreuung ist wiederum mit ein Grund, warum die WG gar nicht so viel günstiger ist als ein Platz im Pflegeheim: Rund 1800 Euro im Monat zahlt man für ein 12 bis 14 Quadratmeter großes Einzelzimmer, zur Einrichtung gehören außerdem zwei behindertengerechte Bäder, ein Gemeinschaftsraum, die Küche und die Terrasse.

Und doch wird der gemeinnützige, ehrenamtliche Stiftungsgedanke gewahrt, denn die Mieteinnahmen werden wieder ausgeschüttet – und gehen an sozial schwache Personen oder entsprechende Projekte. „Wenn Josef das sehen könnte, wäre er überglücklich, das weiß ich“, meint Binder.

Pläne für zwei Wohnungen

Und er hat noch weitere Pläne für das Haus in Nattheim. Zwei Einliegerwohnungen sollen entstehen, eine im Unter- und eine im Obergeschoss. „Auch die sollen an Menschen vermietet werden, die Hilfe vom Pflegeteam brauchen. Sei es ein älteres Ehepaar, seien es Behinderte – egal“, sagt Binder.

Ihm ist anzumerken, dass ihm die Stiftung am Herzen liegt – nicht nur an der Art, wie er über das Projekt spricht, sondern auch an der Zeit, die er dafür investiert: „Ich bin jetzt seit dreieinhalb Jahren im Ruhestand, aber habe noch keinen einzigen Tag Ruhestand gehabt.“