Der Tatzenstecken bleibt zum Glück in der Schublade, auch der Rohrstock kommt nicht zum Einsatz. Körperliche Züchtigung muss am Sonntag, 15. Januar, in Nattheim also niemand befürchten. Und doch dreht sich an diesem Tag in der Alten Schule alles um eine Zeit und einen Ort, an dem Bestrafung durch Prügel Gang und Gäbe war. Zum fünften Mal öffnet die Alte Schule Tür und Tor für all diejenigen, die Nattheims Historie kennenlernen möchten. „Schule, wie sie früher war“ lautet das Motto des diesjährigen Tags der offenen Tür.

Und weil man nicht über die Vergangenheit sprechen kann, ohne die Zukunft zu beachten, sind wie in den Vorjahren wieder Schülerinnen und Schüler der Wiesbühlschule in die Aktion involviert. Rund ein Dutzend Kinder aus der dritten sowie der vierten Klasse haben sich im Vorfeld damit befasst, wie fundamental verschieden die Schulzeit der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte im Vergleich zu der heutigen ist.

Nattheims Historie: Großbrand und Hungerjahre

Brigitte Bayer von der Chronikgruppe Fleinheim berichtet: „Die Schüler sollten sich unter anderem mit folgenden Fragen beschäftigen: Welches schreckliche Unglück ereignete sich 1802 in Fleinheim? Warum konnten 1833 viele Kinder in Nattheim nicht in die Schule gehen? Und seit wann gibt es eigentlich das Nattheimer Kinderfest?“ Um es vorwegzunehmen: 1802 zerstörte ein Großbrand fast ganz Fleinheim. In den Hungerjahren von 1833 und aufwärts mussten viele Kinder auf den Feldern arbeiten, statt in die Schule zu gehen. Und das Kinderfest, ja, das feiert man in Nattheim seit 1871.

„Viele Antworten auf diese Fragen waren für die Kinder kaum vorstellbar“, so Bayer. Unterstützt bei ihrer „Recherche“ wurden die Schüler von waschechten Zeitzeugen, darunter Anna Jooß und dem Heimatforscher Hans-Reiner Schmid. Auch ihre eigenen Großeltern sollten sie über deren Schulzeit befragen. Und einen kleinen praktischen Einblick in den Schulalltag der 50er-Jahre gab es ebenfalls: Ihre Füller tauschten die Kinder ausnahmsweise gegen Gänsefedern und Tintenfässer.

Eine Fleinheimer Familie bei der Feldarbeit. Viele Kinder konnten früher nicht die Schule besuchen, da sie zur Arbeit verpflichtet wurden.
Eine Fleinheimer Familie bei der Feldarbeit. Viele Kinder konnten früher nicht die Schule besuchen, da sie zur Arbeit verpflichtet wurden.
© Foto: Chronikgruppe Fleinheim

Die Ergebnisse dieser Erfahrungen präsentiert die Kindergruppe am 15. Januar in den Räumen des Korallen- und Heimatmuseums bei zwei Vorträgen um 14.15 Uhr sowie um 15.30 Uhr. Der Authentizität wegen wird die Alte Schule an diesem Tag zusätzlich durch ein originales Schulpult ergänzt, welches aus dem Depot herausgeholt wird, wie Günther Paschaweh, Vorsitzender des Museumsvereins Geschichtswerkstatt, berichtet.

Am Tag der offenen Tür wird es sich in der Alten Schule zwar primär und zum Namen passend um die Schule der alten Zeit drehen. Quer durch alle Stockwerke ist darüber hinaus noch so einiges mehr geboten. Mit an Bord sind wieder zahlreiche Vereine und Gruppierungen aus Nattheim und seinen Teilorten, insbesondere diejenigen, die unter dem Dach der Gebäudes beheimatet sind: Der Liederkranz wartet etwa mit Glühwein und Punsch auf. Die Nattheimer Landfrauen führen die kulinarische Reise fort. Sie lassen „Omas Küche“ aufleben und demonstrieren, wie in den 50er-Jahren Sauerkraut hergestellt und haltbar gemacht wurde. Wem das zu herzhaft sein sollte, kommt beim Schwäbichen Albverein, der Kaffee und selbstgebackene Kuchen kredenzt, auf seine Kosten.

Elke Keck trägt um 15 Uhr sowie um 16 Uhr an diesem Tag Märchen vor; die Ortsgruppe des Deutschen Roten Kreuzes präsentiert ein Bärenhospital und unter dem buchstäblichen Dach des Gebäudes kann man die Anlage der privaten Modelleisenbahner bestaunen.