Nattheim / Joelle Schilk Der 82-jährige Andreas Bolsinger hat vor 60 Jahren als jüngster Bäckermeister Deutschlands den Betrieb seines Großvaters in Auernheim übernommen – selbst hat er jedoch keinen Nachfolger gefunden.

Wenn Andreas Bolsinger ins Erzählen kommt, schwingen Stolz und Bedauern in seiner Stimme mit. Ein Auf und Ab, ein Wechsel zwischen Freude und Trauer; beide Gefühlslagen scheinen wie treue Gefährten darum zu kämpfen, in der Geschichte des 82-Jährigen die Oberhand zu gewinnen.

Es ist eine Geschichte, die 1958 beginnt. Eine Auernheimer Geschichte, besser noch, ein Stück Auernheimer Geschichte. Mit 20 Jahren übernimmt Andreas Bolsinger als damals jüngster Bäckermeister in ganz Deutschland das Geschäft seines Großvaters an der Auernheimer Bergstraße. „Ich habe von 1951 bis 1954 eine Lehre gemacht, und leider ist mein Großvater bereits 1956 gestorben. Meine Großmutter konnte die Bäckerei als Witwe ein Jahr weiterführen, und als ich 18 Jahre alt war, bin ich in den Betrieb eingestiegen“, erzählt Bolsinger, der dem Dorf treu geblieben ist und heute noch dort wohnt. Mit einer Sondergenehmigung des Regierungspräsidiums und nach einem sechswöchigen Praktikum beim Prüfungsvorsitzenden des Meisterprüfungsausschusses in Ulm erhält er damals schließlich die Genehmigung, zur Meisterprüfung anzutreten – und schließt diese 1958 erfolgreich ab.

Mehr als 30 Azubis

60 Jahre ist das nun her. 60 Jahre, in denen sich viel getan hat: im Bäckereigewerbe allgemein, aber auch in der kleinen Auernheimer Bäckerei. Andreas Bolsinger spricht von guten Zeiten, davon, wie sein Beruf zugleich immer auch Hobby ist, wie er neben der Bäckerei auch einen kleinen Lebensmittelladen aufbaut und von den mehr als 30 jungen Leuten, die er über die Jahre hinweg in der Auernheimer Backstube ausbildet. „Es war und ist meine Leidenschaft. Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich ganz nebenbei auch älter wurde“, sagt er. Bis zu dem Tag, an dem er plötzlich schwer krank wird. Im Herbst 2012, Bolsinger ist da bereits 76 Jahre alt, muss er den Betrieb wegen Krankheit vorübergehend schließen. Von heute auf morgen kann er nicht mehr – und aus „vorübergehend“ sind inzwischen sieben Jahre geworden.

Wunsch nach Nachfolger

Der Betrieb steht still, sein Gewerbe hat er indes noch immer angemeldet. „Ich habe mich um einen Nachfolger bemüht, doch in Auernheim hat man sich für eine andere Lösung entschieden“, sagt Bolsinger und meint damit den mobilen Verkaufswagen der Neresheimer Bäckerei Flath. Das sei besser als nichts, dennoch macht sich Bolsinger vermehrt Gedanken darüber, ob nicht eine ortsansässige Bäckerei mit einem kleinen Laden besser für das Dorf wären – vor allem, seit er den diamantenen Meisterbrief von der Handwerkskammer Ulm für seine 60-jährige Tätigkeit erhalten hat. „Der Betrieb ist noch komplett eingerichtet, wir haben moderne Maschinen, es ist alles da. Es wäre schön, wenn irgendwann doch jemand die Bäckerei weiterführen könnte.“

60 Jahre Bäcker: diamantener Meisterbrief

Laut Auskunft der Handwerkskammer Ulm ist Andreas Bolsinger einer der wenigen Bäckermeister, die einen diamantenen Meisterbrief für ihre 60-jährige Tätigkeit erhalten haben. Im Kreisgebiet sei sonst überhaupt niemand hinterlegt, jedoch werde die Statistik auch noch nicht so lange geführt, so die Info von der Handwerkskammer. Doch auch die Bäcker-Innung konnte ansonsten bislang erst zwei diamantene Meisterbriefe verzeichnen.