Nattheim / Joelle Reimer Vor 20 Jahren wurde der Museumsverein Geschichtswerkstatt Nattheim gegründet. Seither hat sich in der Arbeit für und mit dem Heimatmuseum in der Alten Schule einiges verändert.

Die letzten Milchbauern im Dorf, das erste Armen- und Hirtenhaus, die Entwicklung der sogenannten Bürgersteuer, die häufigsten Berufe längst vergangener Zeiten: All das findet sich im neuesten Sammelbericht des Nattheimer Heimatforschers Hans-Rainer Schmid. Es ist Band Nummer 43 – und allein diese Zahl lässt vermuten, dass in Nattheim die Heimat- und Dorfgeschichte groß geschrieben wird.

Die Geschichtsbände von Schmid sind indes nur ein Teil davon; ein anderer, großer Teil ist das Korallen- und Heimatmuseum und der Museumsverein Geschichtswerkstatt. Letzterer feiert am 7. Juni sein 20-jähriges Bestehen, kann also selbst auch schon eine eigene, kleine Geschichte vorweisen.

Nutzung der Alten Schule

Doch wie das nun genau war, damals, vor 20 Jahren, da müssen selbst die Verantwortlichen gründlich überlegen. „Anfang der 90er Jahre stand die Frage im Raum, was mit dem Alten Schulhaus passieren soll. Man hat sich entschieden, es nicht abzureißen, sondern zu renovieren“, sagt Günther Paschaweh, der Vorsitzende des Museumsvereins. Zum Glück, denn dadurch wurde gleich mehreren Vereinen die Möglichkeit gegeben, dort ihr Domizil einzurichten, allen voran der Liederkranz, der Schwäbische Albverein, der Musikverein und später die Landfrauen und das Deutsche Rote Kreuz. Ab dem Jahr 2000 dienten die Räume der Alten Schule schließlich auch als Ausstellungsfläche des Heimat- und Korallenmuseums.

„Aber schon davor gab es in der Alten Schule allerlei Historisches, denn dort gab es nicht nur schon eine Korallensammlung, sondern es hatten sich auch bereits die Heimatvertriebenen aus Schambek in Ungarn eingerichtet“, erzählt Hans-Rainer Schmid, der vor Paschaweh den Vereinsvorsitz bis 2013 inne hatte und auch heute noch aktiv im Museumsverein mitwirkt. Über die Nutzung der Räume habe es einen Vertrag mit der Gemeinde gegeben, doch als später, Mitte der 90er Jahre, der Gedanke aufkam, eine eigene heimatgeschichtliche Abteilung einzurichten und die Räume zu teilen, sei auch das kein Problem gewesen. „Viele der Schambeker Sachen lagern wir deshalb heute im Depot“, so Schmid.

Keine Kruscht-Kammer

1997 kam mit Christa Joist eine Heimatkundlerin nach Nattheim, die sich speziell um den Aufbau bzw. die Neugestaltung des Museums in der 1841 gebauten Alten Schule kümmern sollte. „Sie hat das Museum zusammen mit der Nattheimer Bevölkerung entwickelt, hat sich Zeit genommen, eine Bestandsaufnahme gemacht, Gespräche und Interviews geführt, Veranstaltungen organisiert“, so Schmid. Heraus kam ein Konzept, das sich vor allem auf die Korallen, die Industrie und die Bodenschätze konzentrierte.

„Wir wollten keine Kruscht-Kammer, nicht von allem etwas, sondern eben das, was Nattheim wirklich auszeichnet. Es sollte ein Rundgang durch die Nattheimer Geschichte werden“, so Bürgermeister Norbert Bereska. Kein allgemeines landwirtschaftliches Heimatmuseum also, weshalb man auch Fleinheim und Auernheim vergeblich dort sucht – „die Teilorte haben aber ja inzwischen sehr aktive Gruppen“, so Paschaweh. So hat Alfons Ganzenmüller eine Chronik über die Ortsgeschichte von Auernheim verfasst, in Fleinheim wird das Archiv aufgearbeitet, Annemarie Paetzold hat eine Sonderausstellung über Zigarren initiiert und Peter Vetter übernimmt den Aufbau des Dorfarchivs Auernheim/Steinweiler.

49 Gründungsmitglieder

Doch zurück zu den Anfängen. Das Museum war geplant und musste nun noch mit Leben gefüllt werden. Hier kommt der Museumsverein ins Spiel – gegründet am 7. Juni 1999 von 49 Mitgliedern. „Anfangs musste noch einiges fertig gestellt werden bis zur Eröffnung des Museums im April 2000. Die fiel ja mit der 950-Jahr-Feier zusammen, und da sollte alles perfekt sein“, so Bereska. Ziel des Vereins war die ideelle und finanzielle Förderung des Korallen- und Heimatmuseums – und so ist es auch heute noch.

„Ich habe mich als Heimatforscher immer ein bisschen mehr auf die alten Dokumente, Bücher, Recherchen konzentriert. Günther Paschaweh wirkt eher nach außen, vermittelt unsere Arbeit der Öffentlichkeit, organisiert Führungen, Ausflüge und kümmert sich um die entsprechende Museumsgestaltung“, sagt Schmid, dessen Name vor allem in der Anfangszeit des Vereins so oft wie kein anderer gefallen ist. Er war es auch, der die Beschriftung des Museums vervollständigt, bei der Sortierung des Gemeinde- und Kirchenarchivs mitgewirkt und die Schilder für Nattheims historische Gebäude erstellt hat.

Und heute? Heute wird die Geschichte fortgeschrieben. Immer wieder kommen neue Dinge im Museum dazu, wie zuletzt die Ulanen-Uniform oder Korallen aus Familiensammlungen. Man unternimmt Gemarkungswanderungen, organisiert Veranstaltungen, Ausfahrten oder Sonderausstellungen. Und zeigt, dass Geschichte gar nicht so verstaubt sein muss: Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit mit der Wiesbühlschule waren nun auch schon die Vorschulkinder des evangelischen Kindergartens im Museum, und für den 10. Mai hat sich die Auernheimer Grundschule angekündigt.

Museumsdepot und die Heimatvertriebenen aus Schambek

In Nattheim gab es einen Heimatverein Schambek, der sich jedoch vor drei Jahren aufgelöst hat. Betroffene, die als Vertriebene in Nattheim eine neue Heimat gefunden hatten, seien älter geworden und die Nachkommen hätten nicht mehr den direkten Bezug dazu, so die Erklärung von Günther Paschaweh. Das vorhandene Kapital kam dem Museumsverein zugute, der sich gleichzeitig verpflichtet hat, die Geschichte der Schambeker weiterzuführen. Deshalb werden neben der Ausstellung im Museum viele Erinnerungsgegenstände im Depot des Heimatmuseums an der Kirchbergstraße gelagert.