Zum zweiten Mal in Folge wegen der Corona-Pandemie kein Kinderfest am Pfingstmontag in Nattheim – und das auch noch im Jubiläumsjahr. Dennoch ist dies für die Gemeinde aber ein Anlass, auf die Entstehung des Kinderfests vor 150 Jahren zurückzublicken.

Nach dem Krieg von 1870/1871 wurden landauf, landab Kinderfeste gefeiert. Auch in Nattheim wurde laut Gemeinderatsprotokoll „…. auf Ansuchen vieler hiesiger Bürger ….“ seit dem 29. Mai 1871 immer am Pfingstmontag das Kinderfest auf dem „Scheiterhäule“ schräg gegenüber der „Schmaleich“ gefeiert – einem gemeindeeigenen, zuvor ausgestockten Areal zur Gewinnung von Ackerfläche, die sich aber später als Grenzertragsboden erwies.

Ausgenommen waren vor Corona nur die Kriegs- und Notjahre des Ersten und Zweiten Weltkriegs. „Seither zieht alljährlich am Pfingstmontag der Festzug der Kinder und Erwachsenen mit Fahnen und Musik hinunter zum Festplatz und feiert den Tag mit Spiel und Tanz“, schreibt Albrecht Ritz in seinem Heimatbuch.

Drei Kreuzer je Kind

Gemeinderatsprotokollen konnte Hans-Rainer Schmid unter anderem entnehmen, dass jedes Kind drei Kreuzer aus der Gemeindekasse erhielt. Damit diese nicht allzu sehr strapaziert würde, beschloss der Gemeinderat 1874, dass die Festplatzwirte einen Gulden als Platzgeld zahlten, das als Preise für die Kinder an diese weitergegeben wurde. Außerdem erhielt jedes Schulkind auf Gemeindekosten eine Brezel spendiert.

Zusätzlich wurde der damalige Schultheiß Gottfried Majer damit beauftragt, auf dem „Ländle“ – der heutigen Friedenshöhe – eine Friedenslinde zu pflanzen.

Der offizielle Grund für die Einrichtung dieses Festes war zum einen die Kaiserproklamation von Wilhelm I. am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles und damit die Gründung des zweiten Deutschen Reichs durch Reichskanzler Bismarck. Zum anderen war es das Ende des deutsch-französischen Krieges von 1870/1871 mit dem Sieg der Deutschen.

Dass Frauen, Eltern und Kinder dankbar und heilfroh waren, wenn die Männer unversehrt aus dem Krieg zurückgekehrt waren, versteht sich von selbst. Denn mit zupackenden Arbeitskräften in der Familie ließ sich die materielle Existenz der Mitglieder wesentlich leichter sichern.

Auch in diesem Jahr können leider die traditionellen Kinderfeste in Nattheim und in den Ortsteilen Fleinheim und Auernheim nicht stattfinden. Alle Kindergarten- und Grundschulkinder erhalten aber ein Spiel und Freikarten für das Ramensteinbad – die Eintrittskarten vom Vorjahr sind ebenfalls noch gültig.