Stuttgart / Rainer Lang Dass es schwierig werden könnte, im geologisch komplizierten Stuttgarter Untergrund Tunnel zu graben, war bekannt. Mehrere Häuser wurden bereits beeinträchtigt, mögliche Folgeschäden durch den laufenden Betrieb sind nicht abzuschätzen.

Anfangs war es die Sorge um das Mineralwasser, weshalb sich Frank Schweizer gegen den neuen Tiefbahnhof in Stuttgart gewandt hat. Zunächst hatte die Deutsche Bahn noch diverse Alternativen für einen ICE-Halt für den Eisenbahnknoten Stuttgart untersucht, unter anderem im Stadtteil Bad Cannstatt, der für sein Mineralwasser bekannt ist. Heute ist der Wasserbauingenieur selbst direkt betroffen von dem Projekt. Denn der künftige Fernbahnhof hat bekanntlich seinen Platz im Zentrum der Landeshauptstadt erhalten.

Der Bahnhof bringt sein Haus in Schieflage

Direkt unter Schweizers Haus, in etwa 35 Metern Tiefe, verlaufen zwei Tunnelröhren. Das 1890 erbaute Gebäude liegt oberhalb des Hauptbahnhofs im Kernerviertel und hat als eines von wenigen Gebäuden dort den Krieg heil überstanden.

Im Zuge des Tunnelvortriebs bildeten sich in diesem Jahr im Flur und im Keller des denkmalgeschützten Hauses Risse, aufgrund ungleicher Absenkungen um bis zu sieben Zentimeter ist das Haus in deutliche Schieflage geraten. Das hat dazu geführt, dass sich aus der denkmalgeschützten Fassade ein Stück gelöst hat und auf den Bürgersteig gefallen ist. Glücklicherweise wurde niemand getroffen.

Auch aus verkehrstechnischer Sicht fragwürdig

Da Schweizer jedes Detail von Stuttgart 21 kennt, hat er mit vielen geschädigten Anwohnern Netzwerke organisiert. Von betroffenen Eigentümern wird er als Ansprechpartner zu Rate gezogen. Als ein Haus im Kernerviertel im Zuge der Arbeiten am Tunnel teilweise abgerissen werden musste, gab es bei den Projektgegnern einen Sturm der Entrüstung.

Schweizer will jedoch durch Argumente überzeugen. Waren ihm anfangs die Rettung des Mineralwassers und der Denkmalschutz zentrale Anliegen, hält der 73-Jährige den neuen Fernbahnhof inzwischen auch aus verkehrstechnischer Sicht für fragwürdig. Deshalb hält er weiterhin die Fahne der Gegner hoch – zehn Jahre nach der ersten Montagsdemo gegen S 21 ist der Widerstand nicht tot. Wöchentlich treffen sich ein paar Dutzend Gegner zum öffentlichen Protest in der Innenstadt. Sie setzen darauf, dass der Zug für den Kopfbahnhof noch nicht abgefahren ist.

Was für einen Ausstieg aus dem Projekt spricht

Schweizer bastelt indes an alternativen Lösungen. Den Verantwortlichen, die im Falle eines S-21-Ausstiegs Milliardenkosten für das Verfüllen des bereits entstandenen Tunnelsystems geltend machen, hält er entgegen, dass die Röhren als Verbindungstrassen für logistische Zwecke dienen könnten.

Außerdem hätte man, anders als von der Stadt geplant, bei einem Weiterbetrieb des Kopfbahnhofs die Gleise überbauen und in den darüber liegenden Räumen Gewerbe unterbringen können. Schweizer erinnert daran, dass in Stuttgarts Partnerstadt Mumbai schon vor 20 Jahren entsprechend gebaut worden sei.

Unterdessen haben sich die Arbeiter immer weiter in den Untergrund der Landeshauptstadt hineingegraben. Schweizer erklärt, dass die Tunnelstrecken unter dem Killesberg, dem Kernerviertel, in Stuttgart-Ost und im Neckartal künftig rund 1300 Grundstücke unterfahren, viele seien mit Eigentumswohnungen überbaut. Daher ist die Zahl der betroffenen Eigentümer viel größer als die Zahl der Grundstücke.

Akzeptable und nicht akzeptable Schäden

Schweizer spricht von akzeptablen Schäden, die bei einem Großprojekt wie S 21 nicht zu vermeiden seien, und nicht akzeptablen Schäden. Für hinnehmbar hält er die Risse in seinem Haus, die könne man reparieren.

Für nicht hinnehmbar hält er die größeren Schäden in seiner Nachbarschaft und gibt zu bedenken, dass die Risiken des Tunnelbaus vor Baubeginn bekannt waren. Denn der Gipskeuper im Stuttgarter Untergrund hat seine Tücken. Unausgelaugter Gipskeuper quillt auf, sobald Wasser eintritt. Ist Gipskeuper ausgelaugt, können Hohlräume zu nicht unerheblichen nicht vorhersehbaren Einbrüchen führen.

Hohlraum im Untergrund

Letzteres ist offenbar in der Kernerstraße 47 geschehen, gleich gegenüber von Schweizers Anwesen. Obwohl direkt darunter kein Tunnel hindurchführt, sackte das Haus wegen eines Hohlraumes im Untergrund um einige Zentimeter ab. Eine Mieterin berichtet von klaffenden Rissen, bröckelnden Wänden und nicht mehr schließenden Türen.

Immer wieder montags: Seit mehr als zehn Jahren versammeln sich Menschen am Hauptbahnhof und protestieren gegen Stuttgart 21.
Immer wieder montags: Seit mehr als zehn Jahren versammeln sich Menschen am Hauptbahnhof und protestieren gegen Stuttgart 21.
© Foto: Christoph Schmidt/dpa

Der Eigentümer hält es für „grenzwertig“, dass hier noch jemand wohnt. Die Ingenieure der Bahn sehen indes keine Einsturzgefahr für das Gebäude. An diversen Messpunkten im Viertel wird die Stabilität permanent kontrolliert.

Ein Haus musste abgerissen werden

Dramatische Folgen hatten Arbeiten für ein Gebäude in der Schützenstraße 14, das unmittelbar an das Haus in der Kernerstrasse 30 angebaut ist. Es wurde angehoben, um die zu erwartende Senkung durch den Tunnelvortrieb auszugleichen, das angrenzende Gebäude jedoch nicht. Bei dem Verfahren wird horizontal Beton unter das betreffende Gebäude gedrückt.

Abgebrochen: Das rechte Gebäude wurde angehoben, das linke nicht.
Abgebrochen: Das rechte Gebäude wurde angehoben, das linke nicht.
© Foto: Rainer Lang

Der Verbindungstrakt aus der Schützenstraße zum Nachbarhaus war nach dem Krieg direkt an das daneben liegende Gebäude angebaut worden, ohne eigene Außenwand. Beim Anheben des Hauses in der Schützenstraße riss deshalb der Verbindungstrakt ab und wurde so stark beschädigt, dass er abgebrochen werden musste. Zwar war die bauliche Situation in den Gebäudeplänen unvollständig dargestellt, Schweizer hält es jedoch grundsätzlich für fahrlässig, nur eines von zwei miteinander verbundenen Gebäuden anzuheben.

Einen offiziellen Überklick zu entstandenen Schäden im Zuge von Stuttgart 21 gibt es nicht. Betroffene haben sich in den Netzwerken 21 zusammengeschlossen. Daraus geht hervor, dass unweit von Schweizers Haus in der Urbanstraße ebenfalls Risse in Häusern aufgetreten sind. Im Bereich Kriegsberg, auf halbem Weg zum Killesberg, ist die Rede von etwa einem Dutzend Fällen mit nennenswerten Schäden aufgrund von „Rutschhängen“. Zum Teil konnten Türen und Fenster in den betroffenen Häusern nicht mehr verschlossen werden. Risse in Gebäuden wurden aus Wangen gemeldet, Wasser in Kellern aus Untertürkheim.

Bahn zahlt Schadensersatz

Viele Eigentümer hätten direkt mit der Bahn über Schadenersatz verhandelt, sagt Ulrich Hangleiter, ein Sprecher der Netzwerke. Die Gespräche seien zum Teil zäh gewesen, aber kein Eigentümer sei auf einem großen Schaden sitzen geblieben.

Ob sein eigenes Haus sicher ist, hält Schweizer für zweifelhaft. Sind die Tunnel in Betrieb, könnten die durchfahrenden Züge mit ihren Vibrationen die Stützmauer an seinem Grundstück erschüttern. Der Hang und damit sein Haus könnten in der Folge ins Rutschen kommen, gibt er zu bedenken. Dies, so Schweizer, sei eine Hypothek auch für künftige Generationen.

Dass der neue Tiefbahnhof in Stuttgart die Ansprüche an Passagierzahlen und Taktzahlen wie geplant erfüllen kann, halten Experten für unwahrscheinlich. Deshalb wird über eine Ergänzungsstation mit vier weiteren Gleisen diskutiert. So könnte das aussehen.

Wie werden Betroffene im Fall von Gebäudeschäden am Killesberg/Kriegsberg und im Kernerviertel entschädigt?

Dazu erklärt die Deutsche Bahn: „Für mögliche Schadensregulierungen infolge des Tunnelbaus ist die Deutsche Bahn grundsätzlich an einen rechtlichen Rahmen gebunden. Die Deutsche Bahn reguliert mögliche Schäden deshalb auf Grundlage der Bewertung von unabhängigen Gutachtern und über die beauftragten Versicherungen.“

Weiter betont das Unternehmen, dass es mit den betroffenen Eigentümern in stetem Kontakt steht. Meldungen über Schäden würden grundsätzlich individuell behandelt, da die jeweiligen Ursachen unterschiedlich und komplex seien. Gemeldete Schäden würden auf Basis der Beweissicherung sowie auf der Grundlage einer individuellen Begutachtung reguliert, so ein Bahnsprecher. Und er fügt hinzu, dass „wir aus Datenschutzgründen Auskünfte zu einzelnen Fällen nicht geben können und dürfen“.

Der Ingenieur Frank Schweizer sieht die Beweissicherung durch die Bahn als Vorteil für die Anwohner. Er gibt aber zu bedenken, dass die Versicherung bezweifeln könnte, dass der Tunnel Ursache aller Schäden ist. Dann müssten die Betroffenen teure Gegengutachten erstellen lassen. Dass die Bahn unter Hinweis auf den Datenschutz über das Ausmaß der Schäden Stillschweigen bewahrt, hält Schweizer nicht für stichhaltig. Schließlich könne das Ausmaß des Gesamtschadens auch anonymisiert bekannt gegeben werden.