Johann Nepomuk Holzhey war einer der bedeutendsten Orgelbauer des süddeutschen Barocks. Und sein bedeutendstes Werk ist die 48 Register starke Westorgel in einem der bedeutendsten Kirchenbauten des Spätbarocks, der 1747 bis 1792 erbauten Abteikirche Neresheim, in der Martin Knoller für die letzten Höhepunkte der barocken Freskomalerei sorgte und die das Werk eines der bedeutendsten Baumeister des Barocks ist: Balthasar Neumann, dessen Konterfei, dies nebenbei, vor der Einführung des Euro mit einem Längsschnitt der Neresheimer Kirche den 50-Mark-Schein zierte.

Damit noch nicht genug der Bedeutsamkeiten, darf das von 1794 bis 1797 erbaute und am 1. Januar 1798 erstmals klingend eingeweihte Instrument als die letzte vor der Säkularisation gebaute Großorgel des Abendlandes gelten. Den Namen ihres Erbauers machte sie unsterblich – erst dieser Tage stolperte unser Leser Gustav Rominger über ihn, und zwar in der Westminster Abbey in London, wo im Programmheft eines Orgelkonzerts „the sensational Holzhey organ of Neresheim Abbey“ erwähnt wurde. Und gleichzeitig brachte die Orgel ihrem Erbauer gewissermaßen auch den letzten großen Zahltag. Denn die bereits angesprochene Säkularisation brachte den Orgelbau mehr oder weniger zum Stillstand. Und Johann Nepomuk Holzhey verdiente das Geld seiner letzten Jahre als Reparaturtischler.

Die Holzhey-Orgel in Neresheim führt sämtliche damals vorherrschenden Stile in einem einzigen Instrument zusammen und darf mit Fug und Recht als klangliche Ausgangsbasis für das später im 19. Jahrhundert geltende romantische Ideal bezeichnet werden. Und es ist ein Glücksfall, dass man dies heute noch hören kann. Denn selbstverständlich wurde die Orgel im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut, zwischendurch auch höher gestimmt, und zwar 1827 durch den Orgelmacher Johann Michael Schultes, der uns in dieser Serie mehrmals namentlich begegnet. Doch im Jahr 1979 wurde die Orgel durch die Schweizer Firma Kuhn in ihrem ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. Sehr geholfen haben bei dieser Gelegenheit eine Tatsache und eine große Persönlichkeit der Orgelwelt.

Die Tatsache ist die, dass immerhin 70 Prozent der insgesamt 3535 Pfeifen der Orgel Originalpfeifen sind. Die wahrscheinlich originalen Maße der restlichen Pfeifen konnten deshalb halbwegs einfach nachvollzogen werden, da diese in allen noch erhaltenen Holzhey-Orgeln grundsätzlich immer nahezu gleich sind. Übrigens sind von den 3535 Pfeifen der Neresheimer Orgel lediglich zwei gute Dutzend im Pedalregister aus Holz, alle anderen aus Zinn.

Die Rekonstruktion einer Orgel dieses Alters und dieser Dimension war im Jahr 1979 quasi noch Neuland für Orgelbaufirmen. Und die unglaublich komplizierte Mechanik der Orgel wiederum konnte auch deshalb original rekonstruiert werden, weil man sich – CAD, also rechnerunterstütztes Konstruieren war seinerzeit beinahe noch Science Fiction –, dabei auf von Hand gebaute Modelle von  Pater Hugo Weihermüller  stützen konnte.

Pater Hugo ist, wenn man das so sagen darf, eine schillernde Gestalt im abendländischen Orgelwesen und hier wiederum jedem Menschen bekannt, der sich mit dem Thema Orgel näher beschäftigt. Und Pater Hugo, der uns zusammen mit dem Prior-Administrator Pater Albert Knebel im Kloster empfängt, kennt selbstverständlich auch die Neresheimer Orgel wie kein anderer und ist insofern ein Glücksfall für unsere Orgeltester, die er mit hinauf auf die Empore nimmt, um die Besonderheiten der Holzhey-Orgel zu erklären.

Da wäre zunächst der bereits erwähnte Umstand, dass alle Teile des Instruments, auch die technischen Dinge, ganz traditionell gemacht sind, bei alledem aber auf die sechs hohen Fassadenfenster der Abteikirche Rücksicht genommen werden musste, um die herum die Orgel gebaut wurde. Die Folge davon ist die erwähnte, sehr komplizierte Mechanik, deren Steuerung vom Spieltisch weg auf langen Wegen unterhalb des Bodens und in den um die Fenster herumgebauten Prospektteilen in zig Abzweigungen und verschiedenen Winkeln verläuft.

Besonders ist auch der enorm vielfältige Klang der Orgel, wobei hier von entscheidender Bedeutung ist, dass, wie Pater Hugo sagt, „alle Register zu jedem Register etwas hinzugeben müssen, um die Farbigkeit des Instruments zu gewährleisten“. Wobei genau dies auch ein Element ist, das später in der Romantik zum Tragen kommen sollte, weshalb die Neresheimer Orgel mit ihrer breit angelegten Intonation auch als Frühromantikerin durchgeht.

Eine ganz besondere Neresheimer Besonderheit sodann: Die Rücksicht, die auf die außergewöhnliche Raumakustik mit ihrem Nachhall von sage und schreibe neun Sekunden Dauer, den Pater Hugo mit einem laut gesungenen Ton vorführt, wobei auffällt, dass dieser Ton nicht nur extrem lange nachhallt, sondern auch gewissermaßen eine Runde durch die Kirche dreht, um dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Ein Umstand, den man von der Orgelempore aus geradezu ekstatisch wahrnimmt, wenn Pater Hugo sämtliche Register des Instrumentes zieht und sein Spiel urplötzlich abbricht.

Bei der Restaurierung 1979 war es ein wesentlicher Punkt, die ursprüngliche Absicht Johann Nepomuk Holzheys umzusetzen, dass nämlich die Orgel bei leerer Kirche am besten klingen soll und dass der Nachhall von neun Sekunden mitberücksichtigt wird, da dieser bei besetzter Kirche zurückgeht. Sämtliche Register sind ebenfalls auf diesen Klang in der leeren Kirche eingestellt.

Eine weitere Nachhallspezialität serviert Pater Hugo beim Spiel auf der seitwärts am anderen Ende der Abteikirche stehenden Chororgel, die übrigens noch in dem von Joseph Höß, dem Erbauer der Orgel in Dischingens Pfarrkirche, gebauten Originalprospekt aus dem Jahr 1781 erklingt und von der Orgelempore aus bedient werden kann. Wenn Pater Hugo von hier aus den weit entfernten Gesang der Patres begleitet, muss er schwer auf Zack sein. Denn auf der Empore hört der Organist nicht, was er gerade spielt, sondern das, was er zwei Töne zuvor gespielt hat, während er gleichzeitig immer zwei Töne dem Gehör vorausspielt.

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