Chiara bügelte stundenlang. Schrägband, nichts als Schrägband. In den Former einfädeln, durchziehen, Bügeleisen drauf, und dann Dampf geben. Knapp zweitausend Meter schaffte sie (und nebenbei diverse Spielfilme). Schwester Paulina schnippelte und schnippelte und schnippelte – schnitt Stunde um Stunde immer 90 Zentimeter vom frisch gebügelten und gefältelten Schrägbandhaufen ab. Die beiden Schwestern, 20 und 13 Jahre alt, waren Teil einer kleinen, fleißigen Schar, die der Klinik in Heidenheim helfen wollten.

Das Krankenhaus hatte ‚Hilfe‘ gerufen, und eine tatkräftige Truppe Frauen stand umgehend nicht Gewehr bei Fuß, sondern Nähmaschine bei Hand. Bereits seit Ende März gilt am Klinikum in Heidenheim Maskenpflicht. Nur: woher sollten die kommen für die vielen Hundert Mitarbeiter? Zertifizierter, medizinischer Mundschutz ist momentan schwer zu bekommen. Erst vor wenigen Tagen wurden mehr als zehn Millionen Masken aus China von der Bundeswehr eingeflogen, aber wer wann welche bekommt, ist offen. Und die Pandemielager im Krankenhaus sind beinahe leer. Heidenheim suchte also dringend und schnell nach einer Alternative. Das Klinikum brauchte 2000 Masken, koch- und sterilisierbar, mit stabilem Nasendraht und einfach in der Form. Not war am Mann, aber die Frauen standen bereit! Zugegeben - es gibt in diesen schwierigen Zeiten viele fleißige Näherinnen (und hin und wieder auch einen Näher), die sich hinter ihre Maschinen klemmen und nähen. Fantastisch, lobens- und bewundernswert die Hilfsbereitschaft in unserer Bevölkerung! Das Besondere aber an dieser Maskenaktion: Es wurde über die Grenze genäht! Während momentan beinahe jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kocht, nähte ein Dörfchen in Bayern für die Klinik in Baden-Württemberg. Knapp zwanzig Frauen aller Altersgruppen (von 13 Jahren aufwärts) aus dem kleinen Staufen fanden sich bereit, 1000 Masken zu nähen (weitere 1000 Masken wurden von Damen der Rotarier und des Old Table in Heidenheim und Aalen genäht). „Letztendlich ist es doch egal, wem wir helfen“, meinte eine der Staufenerinnen. „Landesgrenzen sind mir egal. Meine Kinder gehen in Heidenheim zur Schule, meine Freunde leben dort, ich kaufe dort ein, also kann ich auch für Heidenheim nähen.“ Eine andere Näherin, die erst vergangenen Herbst einen schweren Herzinfarkt hatte, erklärte: „Die Klinik hat mir das Leben gerettet. Da revanchiere ich mich gerne.“ Und wieder eine andere sagte: “Bayern? Baden-Württemberger? Ganz Deutschland ist unsere Heimat!“ Zusammen mit der Firma Südfrottier aus Bolheim hatten sich die Verantwortlichen im Heidenheimer Krankenhaus für ein simples, aber effizientes Modell entschieden, das leicht zu nähen und regional schnell verfügbar sein würde. Die Maske erinnert ein wenig an ein schmales Kuvert, in dessen zusammengeklappte Mitte ein medizinisches Vlies eingelegt werden kann. Mit einem solchen sterilisierten Vlies sind die Masken beinahe eine Alternative zu den raren FFP2-Masken. Südfrottier lieferte 2000 bereits zugeschnittene Stoffteile aus elastischem und nicht ausfransendem Interlock Jersey und unzählige Rollen an Schrägband. Freiwillige Mitarbeiter der Klinik schweißten für die biegbaren Nasenbügel mit Heißluftföhnen Elektrokabel in Schrumpfschläuche. Und dann legten die bayerischen „Madln“ aus Staufen und auch die „Mädle“ in Baden-Württemberg los. Die Staufener Nähgruppe war hervorragend organisiert. Die Einzelteile der Masken - Tuch, Schrägband und Draht - wurden in Zwanzigerpäckchen gepackt und in einer ausrangierten Telefonzelle auf einem Hof mitten im Ort deponiert. Dort konnte sich jede Näherin kontaktfrei (!) so viele Päckchen abholen, wie sie wollte. Fertiggenähte Masken wurden (kontaktfrei!) in der Zelle in einen Korb gelegt, der regelmäßig geleert wurde – ja, geleert werden musste er häufig, denn er quoll schier über.

Die Maskenpäckchen gingen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, und das Nähen flutschte nur so. Was wahrscheinlich auch daran lag, dass das lästige Schrägband bereits vorbereitet war (siehe oben). In der eigens eingerichteten WhatsApp-Gruppe „Maskerade“ ging es auch eifrig zu. „Freu‘ mich schon auf Nachschub“, stand da oder „Melde mich zum Dienst“. „Ich nehme 20, und eine Oma, die ich kenne, näht gerne mit. Sie nimmt 40.“ Nähtipps wurden ausgetauscht („Ich schalte jetzt immer auf Zickzackstich um“, und es gab das eine oder andere Witzchen (Wie heißt Mundschutz auf Schwäbisch? Mauldäschle). Reichlich gelobt wurde außerdem: „Es ist toll, dass unsere Klinik von so tatkräftigen, wunderbaren Frauen, wie ihr es seid, unterstützt wird“, freute sich beispielsweise Ulrike Rettenberger, Klinikmitarbeiterin, Maskenkoordinatorin des Krankenhauses und Staufenerin.

Knapp vier Wochen dauerte es, dann waren alle 2000 Masken genäht. Diese werden jetzt im Krankenhaus sterilisiert und dann an die Mitarbeiter in den patientenfernen Bereichen (Verwaltung, Apotheke, Transport, Reinigungspersonal …) ausgegeben.

Die Madln und auch die Mädle sind stolz auf sich. Sie haben eine große Sache beherzt gewuppt. Jetzt wenden sie sich neuen Aufgaben zu. Die eine näht nun Masken für ein Altersheim, die andere für eine Arztpraxis. In Bayern, in Baden-Württemberg oder sonst wo – egal!