Aalen / hz Leserbrief zur Diskussion über Geisterspiele in der Bundesliga und die Bedeutung des Fußballs

Seit Wochen wird öffentlich diskutiert, ob die Fußball-Bundesligen mit Geisterspielen fortgeführt werden sollen. Gemäß der DFL sollen die Profis, Angestellten sowie deren Umfeld mit tausenden Corona-Tests pro Woche überwacht werden, um das fragwürdige Vorgehen zu rechtfertigen, eine körperbetonte Zweikampfsportart in Zeiten von Abstandhalten und Social Distancing trotzdem betreiben zu können. Neben dem kommerziellen Interesse der Vereine wird in der öffentlichen Diskussion immer wieder die „Bedeutung des Fußballs für die Gesellschaft“ angeführt.

Ich kann verstehen, dass Fußball viele Menschen emotional berührt. Die vergangenen Krisenwochen ohne die Bundesligen haben aber gezeigt, dass der Profi-Fußball diese herausragende Bedeutung für die Gesellschaft gerade eben nicht hat!

Nicht die Profis und Trainer haben eine gesellschaftliche Bedeutung und bedürfen zehntausender Tests, damit der Ball wieder rollen kann.

Ärztinnen und Ärzte mitsamt den Schwestern, Pflegern und Arzthelferinnen haben eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung, damit wir sie ohne Furcht vor Ansteckung jederzeit aufsuchen können, wenn wir krank werden!
Altenpflegerinnen und -pfleger, die sich um unsere Eltern und Großeltern kümmern, haben eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung!
Hebammen, die dafür sorgen, dass Kinder gesund zur Welt kommen können, haben eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung!
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie, Handel und Schlachthöfen haben eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung, sie stellen unsere Nahrungsmittelversorgung sicher!
Erzieherinnen und Erzieher in unseren Kitas, Tagesmütter und -väter haben eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung!
Lehrerinnen und Lehrer in unseren Schulen haben eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung!

All diese Berufsgruppen sind in der aktuellen Krise so viel bedeutender für unsere Gesellschaft als Fußball-Profis. SIE müssten ein engmaschiges Corona-Screening erfahren! Hierfür bräuchten wir Millionen Tests, Woche für Woche. Wenn dann noch Testkapazitäten übrig wären, könnte man über weitere Berufe nachdenken (z.B. Gastronomie, Frisöre), bevor irgendwann Fußball-Profis relevant werden. In der öffentlichen Diskussion sind die Prioritäten hier völlig verrutscht. Es geht nicht um Spaß und Ablenkung, es geht um unser aller Gesundheit und Leben! Wer glaubt, ihn betreffe diese Krankheit nicht, kann gerne einmal Boris Johnson nach seiner Sicht der Dinge fragen. Die über hundertvierzigtausend Toten in Europa können wir leider nicht mehr fragen.

„Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt“, sagte Angela Merkel in ihrer Rede an die Bevölkerung. Die Profi-Ligen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden haben ihre Saison beendet, weil sie diese lebenswichtige Botschaft verstanden haben – die DFL und ihre Vereine haben sie leider noch nicht verstanden!
Dr. Andreas Nicola, Aalen