Syrgenstein / Christine Weinschenk Einen entspannten Spaziergang hat Reinhold Bahmann schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Der 64-Jährige beobachtet und züchtet Schmetterlinge. Er weiß daher genau, was man mit einem unbedachten Schritt alles anrichten kann.

Ortstermin auf einer Weide bei Syrgenstein. In gebeugter Haltung läuft Reinhold Bahmann auf und ab. „Das ist eine wilde Möhre, sie ist eine Futterpflanze. Hier könnten wir eine Raupe finden.“ Aber natürlich: Fehlanzeige. Vorführeffekt. Ein Nachbar schaltet sich lauthals ein:„Gestern Abend hab' ich dort drüben welche hängen sehen! Genau da, wo ihr jetzt steht!“ Ein banger Blick nach unten. Wer will schon eine Schwalbenschwanz-Raupe auf dem Gewissen haben?

Lange dauert die Suche nicht mehr. Bahmann findet eine etwa fünf Zentimeter lange Raupe, die tatsächlich gerade ihren Hunger an einer wilden Möhre stillt. Die Überraschung des Schmetterlingszüchters ist nicht groß, die Freude schon.„Ein schönes Exemplar. Und die meisten würden sie nicht einmal bemerken.“ Schön ist die grüne Raupe mit ihren schwarzen Ringen und orangefarbenen Tupfen in der Tat. Und es soll ein sogar noch schönerer Schmetterling daraus werden.

Reinhold Bahmann züchtet Schmetterlinge seit er 16 ist. Ein Nachbar, selbst Käferexperte, und sein Vetter brachten ihn darauf. Es sei die unendliche Vielfalt und die Farbenpracht, die ihn reize. Wobei unendlich hier relativ ist.„Wo es früher tausende Exemplare gab, gibt es heute nur noch ein Duzend.“ Es gebe fast keine Art mehr, die nicht gefährdet sei.„Nehmen wir mal diese Weide. In den nächsten Tagen wird ein Schäfer mit seinen Tieren kommen und die zertreten dann jede Raupe. Da bleibt nicht mehr viel übrig.“ Deshalb wird die gefundene Schwalbenschwanz-Raupe am Rande der Heide, wo vermutlich keine Schafe weiden werden, wieder ausgesetzt. Das Spritzen mit Pestiziden habe die Schmetterlingspopulationen sehr dezimiert.„Es sind die Eingriffe des Menschen, Wegränder werden plattgemacht und auch die Monokultur in den Wäldern ist ein großes Problem.“

Auch laut BUND sind 80 Prozent der einheimischen Tagfalter gefährdet und stehen auf der Roten Liste bedrohter Arten (dazu gehört auch der Labkrautschwärmer oder Hyles gallii). Lebensfeindlich für nahezu alle Schmetterlingsarten seien Hochleistungsäcker mit Raps-, Mais- oder sonstigen Monokulturen ohne Randstreifen. Das gleiche gelte für überdüngte Wiesen.

Bahmann fliegt regelmäßig quer um den Erdball, um sich an exotischen Arten zu erfreuen.„Vor 20 Jahren war ich zum ersten Mal in Südamerika. Und zuletzt wieder im Januar. Mir kamen fast die Tränen.“ Durch das Giftspritzen seien viele Arten auch dort fast ausgerottet.

Bahmann will dieser Entwicklung entgegenwirken. Doch dabei sind ihm enge Grenzen gesetzt. Ausgerechnet durch die deutschen Naturschutzgesetze.„Früher habe ich Schwalbenschwanz-Raupen auf den Weiden eingesammelt bevor die Schäfer kamen. Nach dem Schlüpfen habe ich sie wieder ausgesetzt. Das ist aber illegal.“ Dieser Eingriff in die Natur könne mit Strafen in Höhe von bis zu 5000 Euro geahndet werden.„Das ist doch abstrus. Mit klarem Menschenverstand kann man das nicht nachvollziehen.“ Dass man Naturschutzgebiete schaffe, sei unbedingt ein Wunsch des 64-Jährigen.„Aber wenn man den Populationen etwas unter die Arme greifen will, was unbedingt nötig ist, macht man sich strafbar.“

Dennoch hat er im Laufe der Jahre tausende Falter gezüchtet und sie in die Freiheit entlassen.„Wenn ich ein Weibchen in einen Zuchtkasten auf die Terrasse hänge, sendet sie Pheromone aus, die die Männchen bis zu vier Kilometer weit riechen. Wenn dann ein Männchen heranfliegt, um sich mit ihr fortzupflanzen, heißt das, dass die Art hier wieder Fuß gefasst hat.“ Ein Erfolg für ihn.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der selbstständig in der Finanzbranche tätige eine große Sammlung, auch mit vielen Exoten, aufgebaut.„Nach meinem Ableben geht das alles ins Zoologische Staatsmuseum nach München, das ist schon geregelt.“

Über das Internet hält er Kontakt zu Schmetterlingsfreunden aus der ganzen Welt. Auf Seiten wie www.actias.de tauschen sie sich über die Nachzucht aus. Und sie tauschen auch Puppen und Eier. Erst gestern habe er ein paar Puppen und Eier nach Helsinki geschickt, letztere werden mit Watte in ein Plastikröhrchen gepackt und im Inneren des Briefumschlags festgeklebt.„Das funktioniert immer.“

Hat ein Weibchen die winzigen Eier gelegt, werden daraus nach einigen Tagen Raupen. Nach etwa zwei bis drei Wochen im Raupenstadium verpuppen sich die Tiere undüberwintern teilweise. Dabei sind sie hart im Nehmen. Sie vertragen Frost mit bis zu minus 15 Grad. Im Frühjahr schlüpfen die Schmetterlinge in der Regel. Es gibt Falter, die nur drei Tage leben und in dieser Zeit nicht einmal Futter aufnehmen, sondern nur die Fortpflanzung im Kopf haben. Anderewie der Totenkopf- oder der Windenschwärmer haben mehr vor im Leben. Als Wanderfalter schaffen sie es sogar, in nur einer Nacht über die Alpen zu fliegen.

Reinhold Bahmann ist regelmäßig in Schulen und bei Ferienprogrammen zu Gast– zuletzt Anfang August in Nattheim. Er will Interesse und Verständnis für die schönen Tiere wecken. Um sie zu schützen und zu unterstützen, muss man die Flattermänner nämlich nicht unbedingt züchten. Es reicht schon, ein paar Futterpflanzen im Garten anzubieten. Besonderen Gefallen zeigen die Tiere am Schmetterlingsflieder, aber auch Kirschlorbeer, Weißdorn, Wiesenlabkraut und Brennnesseln seien sehr beliebt.„Wenn meine Frau früher ein paar Brennnesseln im Garten gefunden hat, hat sie die Handschuhe angezogen und sie rausgezogen.“ Heute darf sie das natürlich nicht mehr.„Die Brennnessel ist ein Heilkraut, man sollte sie nicht einfach wegmähen. In unseren Gärten wird einfach zu viel kultiviert.“