Bachhagel / Christine Weinschenk Lotte und Günter Moll haben ein ungewöhnliches Hobby: Aus Dosenverschlüssen fertigen sie Taschen, Lampen und Schmuck.

Die Arbeitsteilung ist klar: Die Frau macht die Taschen, der Mann die Lampen. Mühevoll ist beides. „Das ist eine Heidenarbeit. Wirklich Wahnsinn“, sagt Günter Moll. Für seine Lampenschirme muss der 80-Jährige jeden Dosen-Verschlussring einzeln aufschneiden, biegen, in einen anderen Ring einhaken und wieder zusammenklemmen. Je nach Größe des Lampenschirms kommen bis zu 900 Verschlüsse zusammen. Gut 20 Stunden werkelt er daran.

Das ist aber eigentlich nichts gegen das Arbeitspensum seiner Frau. An einer größeren Tasche arbeitet Lotte Moll gut und gerne 40 Stunden und verwendet 2000 Verschlüsse. Sie biegt diese jedoch nicht, sondern häkelt sie mit einem Garn zusammen. So entstehen Taschen in unterschiedlicher Größe und Form, mittlerweile aber auch Gürtel, Halsketten oder Armbänder.

Wie kommt man denn darauf? Die Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, denn dazu gibt es zwei Geschichten, die irgendwie miteinander zusammenhängen. Zunächst einmal: Das Paar liebt es, zu reisen. Zu Gast war man schon auf jedem Kontinent der Erde. Mehrfach auch in Kambodscha. Und dabei kommt man natürlich auch mit großer Armut in Berührung. „Es gibt dort viele Kinder, die nicht zur Schule gehen, sondern Getränkedosen aus Aluminium sammeln, um damit ihre Familie zu unterstützen“, sagt Lotte Moll. Ein Anblick, der das Paar nicht mehr losgelassen hat.

Nun die zweite Geschichte: Wieder zu Hause las Lotte Moll zufällig von einer Brasilianerin, die die Herstellung von Taschen aus Dosenlaschen zu ihrem Beruf gemacht hat. „Sie verkauft sie sogar in den USA und hat 20 Mitarbeiter“, berichtet die 78-Jährige. Handtaschen aus Dosen und arme Kinder, die Dosen sammeln. Das war die Verbindung, die es brauchte, um Lotte Moll auf die Idee zu bringen. Handwerklich begabt und geschickt war sie schon immer. Und so setzte sie sich hin und versuchte ihr Glück. „Ich habe mich furchtbar gequält. Aber als die erste Tasche fertig war, war ich auch stolz und wollte nicht mehr damit aufhören.“ Das war vor drei Jahren. Und weil sie fortan immer mehr Zeit mit dem Häkeln verbrachte, stieg irgendwann auch ihr Mann mit ein. „Er wollte mich nicht alleine sitzen lassen“, sagt sie lachend. Lampenschirme aus Dosenverschlüssen zu fertigen, das sei seine Idee gewesen. Und als gelernter Monteur im Ruhestand ist er dafür natürlich auch prädestiniert. Schließlich sollen die Lampen nicht nur hübsch aussehen, sondern auch leuchten.

Verschlüsse aus Kambodscha

Und woher stammen die vielen Dosenlaschen? Natürlich aus Kambodscha. Bei ihren nächsten Reisen in das Land in Südostasien kaufte das Paar den dosensammelnden Kindern die Verschlüsse ab. Für 100 Stück gab ihnen Günter Moll einen Dollar (das Pro-Kopf-Einkommen in Kambodscha liegt bei knapp vier Dollar – also 3,55 Euro – pro Tag). Dazu noch Schokolade, Buntstifte und andere Dinge, die die Kinder zumindest kurzzeitig glücklich machen. Etwa 30 000 Dosenlaschen hat das Paar insgesamt bisher mit nach Deutschland gebracht – zuvor im Meer gesäubert und von der kambodschanischen Sonne getrocknet. Aber fördert man damit nicht Kinderarbeit? Mit diesem Vorwurf waren die Molls schon öfter konfrontiert. „Uns wurde gesagt, dass die Kinder das Geld daheim abgeben müssen und es die Väter verspielen oder vertrinken“, sagt Günter Moll. „Aber wenn ich die strahlenden Kinderaugen sehe – ich kann einfach nicht anders.“

Von ihren Taschen trennt sich Lotte Moll eigentlich nur schwer. „Ich bin in jede einzelne verliebt.“ Doch irgendwann wurden es schlicht zu viele. Die ersten habe sie verschenkt – an Verwandte und Freunde. Dann dachte man einen Schritt weiter: „Wir hatten einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt in Herbrechtingen“, sagt Lotte Moll. „Aber Handarbeit wird leider nicht gut bezahlt.“ Dabei geht es ihr nicht um den persönlichen Profit. Denn was an Einnahmen hereinkam, setzte das Paar in Schulmaterialien, wie Hefte, Buntstifte und Spitzer, um und verschenkte die Utensilien bei der nächsten Reise an kambodschanische Kinder.

Gerne würde das Paar diese noch mehr unterstützen. Lotte Moll steht großen Organisationen jedoch eher skeptisch gegenüber. „Das Schlimmste wäre, wenn das Geld in irgendwelchen dunklen Kanälen versickert. Und Korruption ist in Kambodscha ein großes Thema.“ Jetzt möchte allerdings das Café Lieblingsplatz im Heidenheimer Brenzpark die Taschen und Lampen ausstellen. Ein möglicher Erlös soll natürlich nach Kambodscha gehen. „Am liebsten würde ich das Geld wieder selbst dahin bringen, aber wir sind nicht mehr die Jüngsten und die langen Flüge strengen an“, sagt Lotte Moll. Daher halte man nun doch Ausschau nach einem vertrauenswürdigen Entwicklungsprojekt vor Ort, in das es sich lohnt, zu investieren.

Trend Upcycling

Upcycling und Selbermachen liegen voll im Trend. Beim Upcycling wird vermeintlichem Müll neues Leben eingehaucht. Gebrauchtes wird veredelt oder etwas Neues daraus kreiert. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt: Es gibt Hosen aus Plastikflaschen und Hüte aus Kaffeesäcken. Selbst manch findiger Designer sucht sich sein Baumaterial gebraucht zusammen und verkauft den Kunden deren Sperrmüll als teures Möbel-Unikat zurück. Der Begriff leitet sich aus den englischen Wörtern „up“ (nach oben) und „recycling“ (Wiederverwertung) ab. chw