Syrgenstein/Pengshan / HZ Seit Oktober 2019 ist Michael Stadler in Südchina. Er arbietet dort im Rahmen des ‚Lektorenprogramms in Asien‘ und unterrichtet Deutsch.

Seit Jahren schon spiele ich mit dem Gedanken, einmal für die ‚Brücken in alle Welt‘ aus einem der Länder zu berichten, in die es mich nach dem Abi 2006 am Wirtschaftsgymnasium in Heidenheim und seit Beginn meines Philosophiestudiums für längere Zeiträume verschlagen hat. Sei es aus den Niederlanden, Luxemburg, den USA, Tschechien, Italien oder Österreich, wo ich vergangenes Jahr dann zum Abschluss promoviert habe: immer hätte es viel Interessantes und Kurioses zu berichten gegeben.

Dieses Jahr ist dann doch das erste, in dem ich an Weihnachten nicht zu Hause bei meiner Familie in Syrgenstein sein kann und wo Weihnachten für die meisten Menschen um mich herum auch keine Tradition hat. Hier in China, wo Religiöses ohnehin sehr kritisch beäugt und kontrolliert wird, ist Weihnachten ein (Arbeits-)Tag wie jeder andere. Im Prinzip also auch für mich. Seit Oktober 2019 bin ich hier in Südchina im Rahmen des ‚Lektorenprogramms in Asien‘ der Robert-Bosch-Stiftung für ein Jahr Deutschlehrer am Jinjiang College der Sichuan Universität nahe Chengdu.

Das Lektorenprogamm schickt jedes Jahr Studienabsolventen von Deutschland nach China, Thailand, Indonesien, Vietnam und Südkorea, um dort Projektarbeit zu betreiben und eben Deutsch an einer Universität zu unterrichten. Für mich war das nach meinem langen Studium und einigen Monaten China-Erfahrung vergangenes Jahr in einer Kung-Fu-Schule im Norden des Landes eine tolle Möglichkeit, Land und Leute jenseits unseres politisch geprägten Chinabildes kennenzulernen und dabei auch meine Sprachkenntnisse zu vertiefen.

Zunächst einmal fällt auf, wie herzlich und mit welcher Neugierde man hier als ‚laowai‘ bzw. ‚waiguoren‘ (Ausländer) empfangen wird. Nicht nur in der kleinen Stadt Pengshan (ca. 300 000 Einwohner), in der ich auf dem Campus der Uni lebe, sondern auch im eine Stunde entfernten Chengdu (ca. 15 Millionen Einwohner) wird man auf der Straße von Jung und Alt mit großen Augen bestaunt. „Schau, ein Ausländer!“, hört man die Kinder fasziniert schreien, während die jungen Mädchen leicht erröten und man von Familien zum spontanen Gruppenfoto gebeten wird. Viele möchten einen sofort als Kontakt auf ‚Wechat‘ (dem WhatsApp, Facebook und Google-Pay in einem; Bargeld wird hier nur noch selten verwendet) hinzufügen und erkundigen sich dann regelmäßig auf Englisch, wie es dir geht.

Wenn man dann noch ein paar Brocken Chinesisch beherrscht, das teils höllisch scharfe Essen der Provinz Sichuan lobt und vom Ausflug in die berühmte Panda-Aufzuchtstation in Chengdu berichtet, öffnen sich einem sofort Tür und Tor in die Herzen und Häuser der Menschen.Meine Studierenden sind zwischen 18 und 21 Jahre alt und vor allem weiblich. Viele studieren Germanistik leider nur, weil sie es wegen schlechter Noten nicht in ein anderes Fach – vor allem Englisch – geschafft haben. Dementsprechend gibt es nur eine Handvoll, die richtig motiviert sind und gute Noten schreiben.

In meinem Unterricht bereite ich alle auf schwierige staatliche Prüfungen mit von der Regierung festgelegten politischen Inhalten und, mittels Landeskunde, auf einen Aufenthalt in Deutschland vor. So sprachen wir bereits intensiv über Currywurst und Bio-Produkte, das Oktoberfest (mit einem importierten Fass Paulaner), Franz Kafka, Hosenspanner und Tatzen im Schulunterricht der Kaiserzeit, das Leben auf dem Land (Syrgenstein lässt grüßen!), Liebe und Partnerschaft in Deutschland und momentan eben auch über Weihnachten.

Obwohl man dieses Fest in China traditionellerweise nicht feiert bzw. nur als Vorwand zum Shoppen, wird hier in der Abteilung für Deutsche Sprache doch eine kleine Weihnachtsfeier organisiert: mit Wichteln, Liedern und einem lustigen schwäbischen Deutschlehrer im Nikolauskostüm, mit dem dann alle ein Selfie machen dürfen. Klar, darauf freue ich mich bereits. Aber wenn am ersten Weihnachtsfeiertag dann der Unterricht wie gehabt weitergeht, werde ich in Gedanken doch einige tausend Kilometer weit weg sein, bei den ‚Loibla‘ von Mama und Oma, beim Christbaum im gemütlichen Wohnzimmer, einem Spaziergang im verschneiten Wald und beim alljährlichen Weihnachtssingen in der Syrgensteiner Bachtalhalle.

Ob ich hier in China wohl einen Monat später, während der Feierlichkeiten für das chinesische Neujahr Ende Januar, eine ähnlich besinnliche Stimmung wie zu Weihnachten in Deutschland erfahren werde? Immer optimistisch bleiben. Jedenfalls wünsche ich allen, die diesen Text hier lesen, ein frohes Fest und schicke ganz liebe Grüße aus China!