Oberkochen / Christine Weinschenk Menschen mit Autismus haben oft besondere Begabungen – und sind besonders oft arbeitslos. Wie man sie in die Arbeitswelt integrieren kann, darum ging es beim Diversity Day bei Zeiss.

Das Publikum liebt Autisten. Dementsprechend viele geniale Außenseiter gibt es in der Film- und Fernsehwelt. Etwa den Karten zählenden „Rain Man“ oder den nerdigen Sheldon aus „The Big Bang Theory“. Auch die 16-jährige Klima-Rebellin Greta Thunberg leidet an einer Form des Autismus, dem Asperger-Syndrom. Dennoch: Auf dem realen Arbeitsmarkt haben es diese Menschen schwer. Trotz guter Schul- und Studienabschlüsse sollen bis zu 85 Prozent arbeitslos sein. Wie kann das geändert werden? Auch darüber diskutieren Experten beim Diversity Day (Tag der Vielfalt) im Zeiss-Forum in Oberkochen.

Aber was ist Autismus überhaupt? Eine Störung? Eine Beeinträchtigung? Eine Eigenschaft? Für Professor Kai Vogeley Letzteres. Er ist Autismus-Experte und Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Seit 15 Jahren leitet er eine Autismus-Sprechstunde an der Uniklinik Köln.

In dieser Sprechstunde wird er häufig mit Fragen konfrontiert, die zunächst skurril klingen: Welche Regeln gelten für eine Umarmung? Wie lange dauert ein Blickkontakt? „Darüber machen sich Autisten Gedanken“, so Vogeley. Sie haben Schwierigkeiten, sich in andere hineinzuversetzen, meiden Blick- und Körperkontakt, können Gesichtsausdrücke nicht deuten. Sie nehmen Dinge wörtlich, verstehen Ironie nicht. „Im Grunde müssen sie mit dem Verstand lernen, was andere intuitiv beherrschen.“ Leicht für ihn zu beantworten ist zumindest die Frage nach dem Blickkontakt. Drei Sekunden. So lange sehen sich Menschen in die Augen, bevor es unangenehm wird.

Drei Sekunden Blickkontakt

Den typischen Autisten gibt es allerdings nicht. Martin Trautmann vom Berufsvorbereitungswerk Ostalb: „Jeder ist anders und deshalb gibt es auch nicht die typische Arbeitsstelle. Grundsätzlich sind diese Menschen aber lernfähig – auch im sozialen und emotionalen Bereich.“ Vogeley bestätigt: „Man bekommt den Autismus nicht weg, aber man kann das Verhaltensrepertoire erweitern und lernen, wie man Small Talk führt – oder auch, wie man ihn vermeidet. Nicht jeder Autist braucht ein Einzelbüro. Es kann aber sein, dass er mehr Schutz vor äußeren Einflüssen, etwa Lärm oder starkem Parfümgeruch, haben muss.“

Und was bedeutet es für Unternehmen, einen Autisten zu beschäftigen? Laut Vogeley haben Menschen mit diesen Eigenschaften etwa kein Problem damit, im Arbeitsalltag auch monotone Tätigkeiten präzise, schnell und konzentriert zu übernehmen. Sie arbeiten systematisch, lassen sich nicht ablenken. Sie sind ehrlich und detailgenau. „Aber es gibt für sie nichts Schlimmeres, als unscharfe Arbeitsaufträge.“ Die meisten wünschten sich klare Strukturen und Zuständigkeiten. Und: bestenfalls keine Teamarbeit.

Stellen ohne Teamarbeit?

Genau diese Eigenschaft wird heutzutage aber praktisch in jeder Stellenanzeige explizit gefordert. Miriam Eichler ist Head of Human Resources bei Zeiss: „Natürlich legen wir Wert auf Kommunikation und Teamarbeit, aber es gibt bei Zeiss definitiv Arbeitsplätze, wo Autisten eingesetzt werden können. Wir haben viele spezialisierte Tätigkeiten, bei denen fokussiert und konzentriert gearbeitet werden muss.“

Um Autisten mit dem passenden Job zusammenzubringen, brauche es jedoch Offenheit – bestenfalls schon im Bewerbungsprozess, so Eichler. „Wenn wir nicht wissen, dass sich hinter dem Bewerber ein Autist verbirgt, können wir auch nicht darauf reagieren. Autismus ist für uns kein Ausschlusskriterium. Im Gegenteil.“ André Louis von der IHK Ostwürttemberg bestätigt: „Man sollte von Anfang an mit offenen Karten spielen. Auch Unternehmen brauchen die Chance, sich auf besondere Mitarbeiter vorbereiten zu können.“ Wie viele Autisten derzeit bei Zeiss beschäftigt sind, ist unklar. „Aber wir wollen Vielfalt im Unternehmen“, so Eichler. „Und dazu zählen auch Menschen mit besonderen Begabungen.“

Der Regionalverband Autismus Ostwürttemberg

Oberstes Ziel des Regionalverbandes Autismus Ostwürttemberg ist es, Menschen mit autistischen Eigenschaften und ihre Angehörige zu unterstützen. Denn obwohl Unterstützung, etwa in Form eines Coachings, wichtig sei, werde sie häufig abgelehnt, so der Vorsitzende Prof. Manfred Bartel. „Teil des Phänomens ist, dass sich Autisten als normal empfinden. Sie merken zwar, dass sie ausgegrenzt werden, und leiden auch darunter, aber sie wissen nicht warum sie gemieden werden.“

Aus dieser Spirale möchte der Verband heraushelfen und ein Hilfe-Netzwerk aufbauen. Seit fast drei Jahren betreut Manfred Bartel auch eine Gruppe von Studierenden mit Autismus an der Hochschule Aalen.

„Grundsätzlich sollte Autismus früh diagnostiziert werden, um auch frühzeitig therapeutisch eingreifen zu können“, sagt Bartel. Die ersten Symptome seien mitunter bereits im ersten Lebensjahr erkennbar. Etwa wenn das Baby den Blickkontakt nicht erwidert oder Muttermilch verweigert. Wie häufig Autismus ist, lässt sich schwer sagen. Man geht davon aus, dass zwischen 1,2 und 2 Prozent der Bevölkerung betroffen sind und genetische Faktoren bei der Entstehung eine große Rolle spielen. Weitere Infos gibt der Verband per E-Mail an manfred.bartel@hs-aalen.de chw