Hofen / Christine Weinschenk Wolfgang Grund aus Hofen ist seit sechs Jahren Kriseninterventionshelfer. Er begleitet Hinterbliebene nach plötzlichen Todesfällen. Was erlebt er bei seinen Einsätzen? Und wie geht er damit um?

Unter einem Hobby stellt man sich eigentlich etwas Anderes vor. Etwas entspannendes, unbeschwertes, etwas, das Spaß macht. Die Tätigkeit als Kriseninterventionshelfer würde man nicht unbedingt in diese Kategorie einordnen. Wolfgang Grund macht es trotzdem. „Natürlich überbringe ich nicht gern schlechte Nachrichten“, sagt der 58-Jährige. „Aber wir helfen Menschen, und das gibt mir ein gutes Gefühl.“

Kriseninterventionshelfer sind im Grunde Notfallseelsorger, nur ohne kirchlichen Auftrag. Sie sind da, wenn die Welt aus den Fugen gerät und von einer Sekunde auf die andere nichts mehr ist, wie es war. Ob nach einem Suizid, einem Unfall- oder plötzlichem Kindstod – sie stützen Angehörige in den ersten Stunden danach. Mitunter ertragen sie dann auch die Verzweiflung und Wut der Hinterbliebenen, wenn sie nicht begreifen, was passiert ist und keine Antwort auf die drängendste Frage haben: Warum? Eine Antwort darauf hat natürlich auch Wolfgang Grund nicht. Aber: Er will da sein. „Die Verzweiflung muss man aushalten. Wir helfen so gut wir können, wenn man uns lässt.“

Ehrenamtlich für andere im Einsatz

Seit sechs Jahren arbeitet Wolfgang Grund ehrenamtlich als Kriseninterventionshelfer des DRK. Mehrere Tage pro Monat hat er rund um die Uhr Bereitschaftsdienst und etwa zwölf Einsätze pro Jahr. Wenn der Piepser losgeht oder das Handy klingelt, weiß er nie, was ihn genau erwartet.

Denn jeder geht anders mit dem Tod eines geliebten Menschen um. Gerufen wird er von Polizei, Feuerwehr oder dem Rettungsdienst. Sie geben erste Informationen durch, dann steigt er ins Auto. „Je näher man dem Ziel kommt, desto unruhiger wird man“, sagt der Hofener, der von allen nur „Wolle“ genannt wird. Er ist allerdings nicht allein. Im Landkreis sei es Usus, dass zwei Helfer gemeinsam ausrücken. Ein kirchlicher, häufig ein Pfarrer, und ein Ehrenamtlicher des DRK.

Wie kommt man zu dieser Tätigkeit? Wolfgang Grund hat schon vor 30 Jahren begonnen, als DRK-Betreuer bei Großveranstaltungen zu arbeiten. Außerdem war er vor 15 Jahren Gründungsmitglied der Dischinger Helfer-vor-Ort-Gruppe. Ihre Aufgabe ist es, im Ernstfall die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes oder Rettungsdienstes zu überbrücken.

„Irgendwann bin ich von einem Notfallseelsorger angesprochen worden“, sagt Wolfgang Grund. „Er meinte: ,Wolle, das wär auch was für dich, guck dir das mal an.'“ Er guckte es sich an, hospitierte als dritter Mann. Dann fiel die Entscheidung schnell und die Schulungen gingen los. „Dabei wird einem viel beigebracht, das beginnt beim Grüß-Gott-Sagen und endet bei der Verabschiedung.“

Der Überbringer der schlechten Nachricht

Gibt es also ein Schema, an dem man sich entlanghangeln kann, wenn man mit der Polizei vor der Tür steht und eine Todesnachricht überbringen muss? „Man lernt ein Schema, aber nach und nach entwickelt man sein eigenes System, seine eigene Art.“ Eine typische Reaktion gebe es bei den Hinterbliebenen nicht. „Manche schreien, andere weinen, wieder andere sitzen in der Ecke und sagen nichts mehr. Manche machen einen an und fragen, was man überhaupt will.“

Es gab auch schon skurrile Erlebnisse: „Einmal wurde ich zum Essen eingeladen. Eine Frau hatte Rindsrouladen gekocht, der Partner verstarb überraschend und sie wollte nicht, dass das Fleisch verdirbt.“ Erster Schock oder Verdrängung? Für Wolfgang Grund ist jede Reaktion in Ordnung. „Jeder hat das Recht, so zu trauern, wie er will. Es ist natürlich auch okay, wenn jemand seine Ruhe haben will.“ Denn natürlich will nicht jeder seinen Beistand annehmen. Die meisten wollen es.

Echt und ungekünstelt

Wolfgang Grund hat Bäcker gelernt, heute arbeitet er bei Varta in Dischingen als Staplerfahrer. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder. Mit seiner Familie redet er wenig über seine Erfahrungen. „Ich möchte meine Frau nicht damit belasten.“

Trotz seiner Grenzerfahrungen hat er seinen Humor nicht verloren. Er ist einer, den man auf Festen gern neben sich sitzen hat, weil es dann unter Garantie etwas zu lachen gibt. Einer, mit dem man schnell warm wird, der echt und ungekünstelt ist. Würden ihn Freunde auch so beschreiben? „Wahrscheinlich. Aber als Sternzeichen Zwilling habe ich auch eine andere Seite. Nicht nur eine lustige, sondern auch eine ernste.“

Die braucht er natürlich. Durchschnittlich verbringt er drei bis vier Stunden mit trauernden Angehörigen. Wichtig sei es, zu signalisieren, dass man ganz und gar für sie da sei. „Wir warten, bis die Menschen auf uns zukommen und drängen uns nicht auf.“ Das Ziel sei klar: Erste Hilfe für die Seele zu leisten. „Ich möchte, dass es den Menschen etwas besser geht, wenn ich mich verabschiede.“ Dafür werde auch das Umfeld aktiviert. „Je schneller soziale Kontakte da sind, desto besser. Wir motivieren dazu, einen guten Freund oder Verwandte anzurufen.“

Aber wie schaltet man nach so einem Einsatz ab? „Manche Dinge beschäftigen mich schon zwei oder drei Tage lang und ich schlafe schlecht“, sagt Grund. Grundsätzlich seien Einsätze, in die Kinder involviert sind, schwerer zu verkraften. „Zum Abschalten gehe ich in den Supermarkt zum Einkaufen. Oder ich setze mich in die Fußgängerzone und beobachte die Leute. Das hilft mir.“ Hilft ihm auch sein Glaube? „Ich bin getauft, aber gehe eigentlich nie in die Kirche. Die Pfarrer meinen, das könnte nicht schaden, aber ich brauche das nicht.“ Und wie hat ihn die Arbeit verändert? „Ich denke anders über den Tod und die eigene Sterblichkeit. Das ist etwas natürliches und gehört einfach zum Leben.“

Helfer gesucht

Die Notfallseelsorge im Landkreis Heidenheim war ursprünglich ein reines Angebot der Kirchen. Im Jahr 2008 tat man sich mit dem kurz zuvor gegründeten ehrenamtlichen Kriseninterventionsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) zusammen und gründete die Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV). Sie sind Ansprechpartner für Betroffene, Angehörige, Augenzeugen und auch Einsatzkräfte in Notsituationen.

Der Kriseninterventionsdienst des DRK sucht weitere Helfer. Im Team sind derzeit neun Ehrenamtliche. Dazu kommen 19 kirchliche Notfallseelsorger. Weitere Infos gibt es per Mail an psnv@drk-heidenheim.de