Gundremmingen / Catrin Weykopf Castor-Behälter gelten als sichere Verpackung für Atommüll. Doch halten sie auch dicht, wenn sie noch Jahrzehnte lagern?

130 Tonnen schwer, zwei Millionen Euro teuer und laut Hersteller unkaputtbar – zumindest durch äußere Einwirkung. In Gundremmingen sind bereits 45 Castor-Behälter befüllt und stehen im Zwischenlager. Rund 180 sollen es einmal werden.

Bei einem Infoabend informierte der AKW-Betreiber jetzt darüber, wie sie befüllt und gelagert werden. Klar wurde dabei: Auch wenn sie aktuell als der beste Behälter gelten, um Atommüll strahlensicher einzuschließen, weiß doch keiner, was in ihrem Inneren passiert oder wie sich das Material insgesamt verhält, wenn sie einmal mehrere Jahrzehnte in Benutzung sind.

Zugelassen sind die Castoren vom Typ V/52, wie sie in Gundremmingen verwendet werden, für 40 Jahre. So lange sei die Dichtheit gesichert, erklärte Wolfgang Reuter, der für die Herstellerfirma GNS beim Infoabend referierte. Dieser Wert beruhe auf einer Festsetzung, die in den 1980er Jahren getroffen worden sei, so Reuter. Rein technisch betrachtet könne man auch von einer längeren Dichtheit ausgehen. Die Nachweise hierzu seien jedoch noch zu erbringen. Derzeit gebe es sie nicht – ebensowenig wie es Nachweise gebe, dass das in den Behältern verbaute Polyethylen, das als Strahenmoderator fungiert, länger als 40 Jahre funktionstüchtig ist.

Ausgerechnet aber die Dichtigkeit der Behälter ist das entscheidende Kriterium bei der sicheren (Zwischen-)Lagerung von Atommüll, denn bis die Castoren eines Tages in ein noch zu findendes Endlager gebracht werden können, fungieren sie als der wichtigste Schutz vor der Freisetzung von Strahlung. Ihren Inhalt auszuladen und in einen anderen Castor umzusetzen – etwa weil sie eines Tages undicht werden oder weil ihre Genehmigungen ablaufen – will man in jedem Fall vermeiden, das wurde beim Vortrag des GNS-Mitarbeiters Reuter klar. Angesichts von deutschlandweit zu erwartenden 800 bis 1000 gefüllten Castoren wäre dies eine Mammutaufgabe, für die es bislang kein Verfahren gibt – zumal eine weitere Unbekannte dabei auftauchen würde. Denn wie die Brennstäbe aussehen, wenn sie nach Jahrzehnten wieder herausgeholt werden, sei ebenfalls unklar, das musste Reuter einräumen. Der bislang älteste, wiedergeöffnete Castor sei zehn Jahre in Betrieb gewesen. In ihm jedoch habe es ausgesehen wie am Tag seiner Befüllung, so der GNS-Mitarbeiter.

Doch wie kommen die Brennelemente überhaupt in den Behälter? Um einen Castor zu bestücken, ist eine monatelange Planung notwendig, bei der Genehmigungen eingeholt und die anfallenden, etwa 400 Arbeitsschritte projektiert werden. In der letzten Phase reist ein Team von zehn GNS-Mitarbeitern in Gundremmingen an. Zusammen mit rund 50 Mitarbeitern des Kraftwerks holen sie zunächst den leeren Castor durch eine Schleuse ins Reaktorgebäude. Dort wird der Behälter mehrfach überprüft und schließlich in ein Wasserbecken gesetzt, das an das Brennelemente-Abklingbecken angrenzt. Nach einem zuvor berechneten Muster werden insgesamt 52 abgebrannte Brennelemente in den Castor eingesetzt.

Von den vielfach kritisierten Mischoxid-Brennelementen dürfen beispielsweise nur sechs Stück je Castor zugeladen werden. Anschließend wird der Behälter verschlossen, leergepumpt, Luftleer gemacht, getrocknet, abgedichtet und mit Helium gefüllt. Allein dieser eigentliche Vorgang der Beladung dauert rund eine Woche. Anschließend wird der Castor ins Zwischenlager gebracht, das sich in Sichtweite zu den beiden Gundremminger Reaktoren auf dem Kraftwerksgelände befindet. Dort werden die Behälter an ein Überwachungssystem angeschlossen, das registriert, wenn an dem doppelten Verschluss, den jeder Castor besitzt, der Druck abfällt – der Behälter also undicht wird.

Sollte dieser Fall eintreten, gibt es mehrere Möglichkeiten der Reparatur: Wird etwa der äußere Deckel undicht, wird im Zwischenlager ein zusätzlicher Deckel aufgeschweißt. Betrifft die Störung den inneren Deckel, so muss der Castor zurück ins Reaktorgebäude und dort unter Wasser geöffnet werden.

So lange die Lagerbecken in Gundremmingen noch bestehen, wäre diese Prozedur vor Ort machbar. Doch mit dem Rückbau des Kraftwerks werden auch die Abklingbecken verschwinden. Offen ist, wie dann mit einem undichten Castor zu verfahren wäre.

Zahlen, Daten und Fakten zum Castor-Behälter

Der erste Castor wurde im Jahr 1983 in der Schweiz beladen. Der erste Castor-V-Behälter wurde 1996 in Neckarwestheim beladen. V steht für römisch fünf und bedeutet, dass die eingeladenen Brennstäbe zuvor mindestens fünf Jahre abgeklungen sind.

In Gundremmingen wird der Typ V/52 verwendet. Er fasst 52 Brennelemente. Insgesamt sind weltweit aktuell 1350 Castoren verschiedener Baureihen auf vier Kontinenten im Einsatz.

Geplant und gebaut werden Castoren von der Firma GNS, die eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der vier deutschen Stromerzeuger Eon, RWE, EnBW und Vattenfall ist.

Die GNS betreibt die Zwischenlager Ahaus und Gorleben und ist überdies zuständig für die Rückführung von wiederaufbereitetem Atommüll aus Frankreich und England nach Deutschland.

Ein Castor-Behälter wird aus 165 Tonnen Grauguss gefertigt. Damit der Behälter Wärme besser abführen kann, besitzt er ringsherum Kühlrippen.

Es gibt keine Obergrenze an Radioaktivität, die in einen Castor geladen werden darf. Ausschlaggebend ist die Nachzerfallswärme der abgebrannten Brennelemente. Diese darf 40 kW nicht überschreiten.

Bei der Beladung darf ein Castor-Behälter eine maximale Außentemperatur von 101 Grad Celsius erreichen. Die in Gundremmingen beladenen Castoren liegen darunter und haben im Durchschnitt eine Oberflächentemperatur von etwa 40 bis 50 Grad, wenn sie ins Zwischenlager eingestellt werden.

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