Neresheim / Viktor Turad Die Neresheimer Benediktiner sehen sich wegen des Coronavirus zu einer Maßnahme genötigt, die den Kernbereich ihres Selbstverständnisses trifft.

Statt öffentlich Gottesdienst zu feiern, laden die Mönche die Gläubigen momentan ausdrücklich von den Gottesdiensten aus. Dies alles ist nach Mitteilung von Pater Albert Knebel, dem Konventualprior und Leiter des Klosters Neresheim, notwendig, um sowohl die Gläubigen wie auch die Mönche zu schützen. Bis Ende April gibt es auch keine Kirchen- und Museumsführungen. Pater Albert hält es ferner momentan für „höchst unwahrscheinlich“, dass die Gottesdienste in der Kar- und der Osterwoche öffentlich gefeiert werden.

Wie schwer ihm das alles fällt, lässt sich folgender schriftlicher Äußerung des Klostervorstehers entnehmen: „Wir leben als Gemeinschaft, essen gemeinsam, beten gemeinsam und müssen jetzt auf deutliche körperliche Distanz achten. Das große Klostergebäude mit seinen breiten Fluren und seinem sehr großen Refektorium (Speisesaal, 20 auf zehn Meter) und der riesigen Klosterkirche (dort stehen wir uns im Chorgestühl in einem Abstand von zehn Metern gegenüber) erweisen sich derzeit als unser Vorteil. Für uns ist der öffentliche Gottesdienst ein Kernbereich unseres Selbstverständnisses und jetzt müssen wir wie die Apostel vor Pfingsten aus Angst hinter verschlossenen Türen beten. Als Benediktiner ist uns Gastfreundschaft sehr wichtig. Wir verstehen unsere Art der Seelsorge als eine abwartende, die nicht aktiv zu den Menschen geht, sondern die für sie vor Ort anzutreffen und ansprechbar ist. Und jetzt müssen wir die Gastaufnahme im Konventsgebäude aussetzen und die Gläubigen aus den Gottesdiensten ausladen.“

Konkret bedeutet dies: Die Gemeindegottesdienste in der Abteikirche sonntags um 8.30 Uhr fallen für einige Wochen aus. Trotz des großen Abstands von Altarraum, Chorraum der Mönche und Gemeindebänken in der Abteikirche rät Pater Albert den Gläubigen, sie sollten damit rechnen, dass die Konventsgottesdienste bald hinter verschlossenen Türen stattfinden. So sehr eine solche Situation im Innersten schmerze, werde sie wohl bald wegen der Infektionsgefahren aus Verantwortungsbewusstsein und der Notwendigkeit eintreten müssen.

Anderes Verhalten notwendig

Pater Albert empfiehlt, still für sich allein in einer Kirche oder zu Hause zu beten und schreibt: „Für Ihre treue und zahlreiche Teilnahme an unseren Gottesdiensten in normalen Zeiten in der Abteikirche und in der Turmkapelle bin ich als Konventualprior und ist Ihnen unser Konvent sehr dankbar. Die Krise durch das Coronavirus erfordert nun nach meiner festen Überzeugung ein anderes Verhalten.“ Zwar seien gläubige Christen überzeugt, dass Gott sie beschützt, aber Menschen müssten auch selbst alles ihnen Mögliche tun, um die akuten großen Gefahren für die Gesundheit abzuwenden. Dies sei ein Gebot der christlichen Nächstenliebe.

Dabei denkt Pater Albert aber auch an die Klostergemeinschaft selbst. „Sie besteht zum überwiegenden Teil aus Mitbrüdern von 80 und über 90 Jahren mit Altersgebrechen und Vorerkrankungen. Sie gehören zur Hauptrisikogruppe des Coronavirus.“ Gemäß der Regel des Ordensgründers, des Heiligen Benedikt, habe die Sorge für die Kranken über alles zu gehen. „Sie werden verstehen, dass ich als Konventualprior hier in besonderer Verantwortung bin. Es scheint mir deshalb nötig, dass Sie, außer in äußerster seelischer Not, Besuche bei uns im Sprechzimmer, Beichtgespräche und Ähnliches auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Dann haben meine Mitbrüder auch sehr gerne wieder für Sie ein offenes Ohr.“

Weil Zuhörer erfahrungsgemäß eng zusammenstehen, seien Kirchen- und Museumsführungen bis voraussichtlich Ende April tabu, teilt der Klostervorsteher weiter mit und schreibt: „Es gibt keinerlei Ausnahmen, auch nicht für kleine Gruppen, auch nicht gegen eine höhere Spende!“ Eigene Kirchenführungen durch Privatpersonen seien ebenfalls nicht erlaubt.

Am Ostersonntag, 12. April, wird der Knabenchor der Abtei Neresheim nicht in der Vesper um 15 Uhr singen. Pater Albert hofft allerdings, am Dienstag, 21. April, wieder mit den Chorproben beginnen zu können.

Voraussichtlich wird sich das Coronavirus auch auf die Feiern in der Kar- und Osterwoche im Kloster auswirken. Pater Albert hielt es aktuell für höchst unwahrscheinlich, dass Gottesdienste öffentlich gefeiert werden. Am Gründonnerstag soll überdies die in diesem Gottesdienst übliche Fußwaschung entfallen, am Karfreitag werden alle Mitfeiernden bei der Kreuzverehrung lediglich eine Kniebeuge machen.

Mindestens die kommenden zwei Wochen ist die evangelische Peterskirche in Steinheim nicht einmal mehr zur stillen Andacht offen.

Pater Albert zu Reaktionen auf die Schließung

Auf die Ankündigung, Gottesdienste in der Abtei Neresheim für Besucher schließen zu müssen, hat es laut Konventualprior Albert Knebel inzwischen einige Reaktionen und Äußerungen von außerhalb des Klosters gegeben. Pater Albert nimmt nun auch dazu Stellung.

„Aus Reaktionen am heutigen Tag muss ich leider feststellen, dass es Stimmen gibt, die diesen Schritt als unfreundliche Aussperrung missdeuten, verbunden mit der Unterstellung, ich würde den Gottesdienstteilnehmern von außerhalb des Klosters den Schwarzen Peter zuschieben wollen. Ich nehme das sehr traurig zur Kenntnis.

Glauben Sie mir bitte: Mir persönlich tut dieser Schritt, Gottesdienste ausfallen zu lassen oder sie ohne Gemeinde zu feiern, im Herzen zutiefst weh, weil ich mich seit meinem achten Lebensjahr ununterbrochen bis heute mit wachsender Intensität im Gottesdienst engagiert habe – und jetzt in diese schwerwiegende Entscheidungssituation komme, an die ich in meinen schlimmsten Alpträumen noch nie gedacht habe.“