Wegen der Corona-Pandemie war die Zahl derer überschaubar, die am Sonntag mit den Benediktinermönchen feierten, dass vor 100 Jahren das seit der Säkularisation verwaiste Neresheimer Kloster auf dem Ulrichsberg wieder „besiedelt“ werden konnte. Fürst Albert von Thurn und Taxis machte dies 1919 möglich und verhalf Mönchen aus Emaus bei Prag zu einer neuen Bleibe.

Es war der damalige Papst Benedikt XV., der Neresheim 1920 wieder zum Kloster erhob und es in die kirchlichen Rechte des alten Klosters einsetzte, das seit 1095 bestand. Die neue Abtei Neresheim wurde eingebunden in die Benediktiner-Kongregation Beuron.

Was in den vergangenen 100 Jahren geschehen war, beleuchtete Pater Prof. Dr. Stephan Haering (Abtei Metten) von der Ludwig-Maximilian-Universität München in einem halbstündigen Festvortrag. Sein Thema: „Kloster in der Welt von gestern – Kloster in der Welt von heute“. Schon Ordensgründer Benedikt von Nursia habe es so gesehen, dass die Welt und die Klöster zusammengehören und auf die jeweilige Zeit wie auf die Ereignisse reagieren: Von den Klöstern gingen Bildung und Seelsorge und die Krankenpflege aus, Klöster trugen zur Verbesserung der Infrastruktur bei und waren Herrschaftsträger in öffentlichen Strukturen.

Neresheim wurde nach dem Ersten Weltkrieg zur Heimat für heimatlos gewordene Mönche, denn die Deutschen waren in der damaligen Tschechoslowakei nicht mehr geduldet und mussten das Land verlassen. Das Deutsche Reich als Republik schrieb in die Verfassung die Trennung von Staat und Kirche. In Württemberg führte das im Sommer 1920 zur Gründung zweier Klöster. 30 Patres und Novizen zogen auf dem Ulrichsberg ein. Bernhard Durst wurde zum Abt berufen und versah dieses Amt 44 Jahre. Ihm folgte 1965 Johannes Kraus als Klostervorsteher. 1977 wurde Norbert Stoffels Abt und versah dieses Amt bis 2012. Der Höchststand von rund 70 Mönchen wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs erreicht.

Den Neresheimer Mönchen bescheinigte Haering, dass sie sich stets den Ereignissen der Zeit gestellt, Bildungsarbeit gestaltet, wissenschaftliche Forschungen betrieben haben und über Jahrzehnte eine Landwirtschaftsschule unterhielten und dort den bäuerlichen Nachwuchs fit für ihren Beruf machten. Die zwölf Jahre Nazi-Diktatur und der Zweite Weltkrieg gingen am Kloster nicht spurlos vorüber. Mönche mussten als Soldaten einrücken, sieben von ihnen fielen.

Nach dem Krieg wurde im Grundgesetz die Trennung von Staat und Kirche bestätigt. Das Zweite Vatikanische Konzil unter Papst Johannes XXIII. führte zu Erneuerungen und auch mancher Verunsicherung: „Die vier Jahrzehnte Bundesrepublik kommen einem heute schon vor wie die Welt von gestern.“ Die Wiedervereinigung Deutschlands habe einen Teil der Menschen nach der Verlegung der Hauptstadt von Bonn nach Berlin besorgt fragen lassen: Wird Deutschland nun protestantischer? Neue Herausforderungen brachten 2015 die Flüchtlingswelle und die Ausbreitung des Islam in Europa.

Die Zeit jetzt sei gekennzeichnet durch einen ausgeprägten Individualismus und von der großen Sorge, ob die Erde urbar bleibt. Früher seien die großen Familien stolz gewesen, wenn aus der Kinderschar der eine oder andere Priester wurde oder einem Orden beitrat. Heute würden viele Getaufte ohne Gott leben. Folglich seien es immer weniger, die einen geistlichen Beruf anstreben oder ihre Zukunft in einem Kloster sehen und so würden Klöster geschlossen. Dabei seien doch die Mönche oder die Nonnen auf der Höhe der Zeit, würden moderne Medien nutzen, sich noch heute um die Menschen kümmern und bei Bedarf Hilfe und Beistand bieten.

Begeisterung für Neresheim

Beim Pontifikalamt erinnerte der Rottenburger Weihbischof Dr. Gerhard Schneider sich seiner Kindertage in Ulm und seiner Begeisterung für das Ulmer Münster. Seine Eltern hätten ihn dann aber mit nach Neresheim genommen und da sei er sehr beeindruckt gewesen von dem, was Martin Knoller und Balthasar Neumann Großartiges geschaffen hatten. Die Klosterkirche strahle lichte Weite aus, sei fröhlich und heiter und voll sammelnder Feierlichkeit. Welch ein Segen sei es gewesen, dass Fürst Albert von Thurn und Taxis vor 100 Jahren Benediktinern die Ansiedlung in Neresheim ermöglichte. Viele Menschen hätten inzwischen in Neresheim in der Bildungsstätte benediktinische Gastfreundschaft und Glaubenszeugnis erlebt.

Umrahmt wurde das Pontifikalamt durch die Schola sowie durch den Bariton Stephan Heinemann und die Organisten Julian Beutmiller und Friedemann Keck.

In der Abtei Neresheim steht eine besondere Orgel

Youtube Die Holzhey-Orgel in der Abteikirche Neresheim

Ein Stelldichein der Prominenz


Konventualprior Albert Knebel benötigte ein paar Minuten, bis er als Hausherr am Sonntag in der Abtei Neresheim die besonderen Gäste begrüßt hatte, die zum Pontifikalamt teils weite Wege zurückgelegt hatten. Es waren hochkarätig die Fürstenhäuser Thurn und Taxis, Liechtenstein, Sayn-Wittgenstein sowie Oettingen-Wallerstein vertreten.

Die politische Prominenz führten die Bundestagsabgeordnete Margit Stumpp (Grüne) sowie der Landtagsabgeordnete Winfried Mack an. Begrüßt wurden der Altlandrat des Ostalbkreises, Klaus Pavel (Vorsitzender des Fördervereins Abtei Neresheim), und sein Nachfolger Dr. Joachim Bläse sowie Neresheims Bürgermeister Thomas Häfele.

Die evangelische Landeskirche in Württemberg vertrat Oberkirchenrat Ulrich Heckel.

Aus zahlreichen Klöstern wurden die Oberen willkommen geheißen. Mitzelebranten waren unter anderem Erzabt Tutilo Burger und Abtpräses Dr. Albert Schmidt (beide Erzabtei Beuron). Prof. Dr. Hildegard Kasper, die Schwester von Kardinal Walter Kasper (vormals Bischof in Rottenburg-Stuttgart), war ebenfalls dabei.