Das Klosterleben ist gefragt. Allerdings nur auf Zeit. Als Rückzug in die Stille. Ein Kurzurlaub in einer Welt, die im Ruhepuls verläuft. Es gibt einen Ansturm auf Klosterurlaub, eine Auszeit im Kloster und dort stattfindende Seminare. Von außen wirkt das Leben der Brüder und Schwestern fremd, gestrig, geheimnisvoll; aber auch ausbalanciert. Wer durchs Leben hetzt, neidet die Ruhe, das getaktete Leben nach einem festen Rhythmus und festen Ritualen.

So läuft ein Tag im Kloster ab

Um 5 Uhr beginnen die zwölf Benediktinermönche des Klosters Neresheim ihren Tag mit einem einstündigen Gottesdienst. Vier weitere Gebetszeiten folgen. Die gemeinsame Andacht macht gut drei Stunden täglich aus. Die Zeit zwischen 6 und 9 Uhr wird zur persönlichen Lektüre genutzt. Mittag- und Abendessen werden gemeinsam eingenommen. Schweigend.

Aber ganz still ist es nicht. Es wird vorgelesen. Nicht unbedingt aus der Bibel - beim Essen geht es um Allgemeinbildung. „Nach drei Stunden Gottesdienst ist man mit religiösem Inhalt gefüllt“, sagt Pater Albert Knebel, seit 2012 Leiter des Klosters. Gelesen wird aus Biografien von Franziskus von Assisi, Friedrich Barbarossa oder aus historischen Sachbüchern. Alkohol wird nur an Festtagen gereicht.

Von 10 bis 12 und von 14 bis 18 Uhr wird gearbeitet. Handwerkliche Tätigkeiten machen dabei einen immer geringeren Teil aus. Stattdessen geht es um die Verwaltung des Klosters, die Finanzbuchhaltung, die Organisation des Klostermuseums und das Führen durch selbiges. Gärtner, Schreiner und Bäcker sind angestellt. An zwei Nachmittagen in der Woche sind Spaziergänge vorgesehen. Außerdem kommen Menschen ins Kloster, die sich aussprechen wollen und für die man sich Zeit nimmt. Schon gegen 20 Uhr senkt sich Stille über das Kloster. Nachtruhe mit nächtlichem Stillschweigen nennt es Pater Albert.

Auch Albert Knebel zweifelte mitunter daran, ob das Leben als Mönch im Kloster Neresheim die richtige Entscheidung war.
Auch Albert Knebel zweifelte mitunter daran, ob das Leben als Mönch im Kloster Neresheim die richtige Entscheidung war.
© Foto: hz

Im Gemeinschaftsraum der Mönche gibt es Zeitungen, Zeitschriften und auch einen Fernseher. „Aber es ist nicht üblich, sich während des Tages, weil einem nichts besseres einfällt, vor den Fernseher zu setzen“, sagt der Pater.

In der Mönchskutte beim Zahnarzt

Weltliche Termine haben Mönche natürlich auch. Beispielsweise beim Zahnarzt. „Wenn man beim Arzt warten muss und das Mittagsgebet nahe ist, wird man schon unruhig. Zu den festen Terminen im Kloster sollte man zurück sein.“ Übrigens liegt der Mönch auch beim Zahnarzt in seiner Kutte (Habit) auf dem Behandlungsstuhl. Man könnte sich zu bestimmten Anlässen auch weltlich kleiden, aber Pater Albert trägt das maßgeschneiderte Gewandt seit mehr als 40 Jahren. „Ich fühle mich darin wohl und benehme mich natürlich. Ich glaube, ich würde in Zivilkleidung auffallen. Man verlernt auch, sich angemessen für den jeweiligen Anlass zu kleiden.“

Pater Albert wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Nach dem Abitur trat er in die Abtei Neresheim ein. „Ich wollte schon als Kind Pfarrer werden. Man verspürt einen Wunsch danach, eine Sehnsucht. Das kann in jungen Jahren ein ganz diffuses Gefühl sein.“ Nach einem halben Jahr Postulat, eine Art Probezeit, und einem Jahr Noviziat, fällt die Entscheidung. Zunächst legt man ein Gelübde für drei Jahre ab, dann für die Ewigkeit. Pater Albert studierte Theologie in Salzburg und empfing 1984 die Priesterweihe. 2004 gründete er den Knabenchor der Abtei Neresheim.

Leben im Kloster: für die Familie ein Schock

Die Überraschung für seine Familie sei damals nicht besonders groß gewesen, war er doch schon immer religiös engagiert, aber dennoch „waren sie, glaube ich, geschockt, dass ich ins Kloster gehe und nicht nur Pfarrer werde“, sagt Pater Albert. „Das ist schon eine herbe Zäsur. Man hat weiter Kontakt zur Familie, aber man kann sie nicht einfach so für ein Wochenende besuchen. Aber man kann mich besuchen, anrufen und mir auch mailen.“

Eine Beziehung zu einer Frau hatte der Mönch vor seiner Zeit im Kloster nicht. Von Zeit zu Zeit vermisse er ein persönliches Gegenüber. „Aber das habe ich vorher gewusst. Und es ist nicht so drängend, dass es eine Qual wäre, sonst wäre das hier nicht der richtige Ort zum Leben.“ Das Leben in und außerhalb des Klosters werde wechselseitig idealisiert. „Von außen sieht das Klosterleben aus, wie ein Leben ohne Stress. Aus dem Kloster heraus wirkt das weltliche Leben wie Freiheit.“

War es die richtige Entscheidung, Mönch zu werden?

In all den Jahren kamen Pater Albert auch immer wieder Zweifel über die Richtigkeit seiner Entscheidung. „Das ist ganz natürlich. Ich frage mich manchmal, ob ich mir zu viel zugetraut oder zu viel zugemutet habe. Auch Mönche haben eine Krise in der Lebensmitte oder beim Eintritt ins Alter. Das Leben im Kloster ist der Versuch, in gemeinschaftlichem Rahmen, mit sich selbst klarzukommen. Das klappt mal besser und mal schlechter.“ Die Rituale, der feste Takt nach dem das Leben verläuft, geben Halt. Die Tage zerfließen nicht einfach. Aber manchmal ist der feste Ablauf auch anstrengend und kann belasten.“ Er sieht es als Privileg an, nicht wie ein Arbeitnehmer im weltlichen Leben um seinen Beruf kämpfen zu müssen und in direktem Konkurrenzkampf zu stehen.

Das Durchschnittsalter der Mönche in Neresheim liegt bei 70. Der jüngste ist 43. Nachwuchs ist kaum in Sicht. „Junge Männer, die sich früher für ein Leben im Kloster entschieden hätten, gehen heute auf Selbstfindungsseminare nach Indien oder machen Work and Travel&ldquo“, sagt Pater Albert. „Es ist schwierig junge Leute zu gewinnen. Das ist ein Phänomen der westlichen Welt, dass das Interesse an geistlichen Berufen stark zurückgeht.“ Die religiöse Bindung sei weniger geworden. „Man hat aber heute auch mehr Möglichkeiten, ein religiöses Leben zu führen.“

Mönche und Schwestern gehören heute nicht mehr ins Alltagsbild. „Viele Leute können uns nicht mehr einordnen“, sagt der Prior. Um der Unwissenheit entgegenzutreten, biete man Au-Pair-Angebote für junge Männer an. Eine Woche im Kloster, aber auch dieses Angebot werde in Neresheim immer seltener nachgefragt. „Wir sind schwer fassbar und wohl nicht exotisch genug.“

Frauen haben keinen Zutritt

Frauen dürfen große Teile des Klosters noch heute nicht betreten, sind in der Klausur nicht erlaubt. Die Abgrenzung habe auch mit dem Ruf des Klosters zu tun. „Das wäre ein gefundenes Fressen, wenn im Kloster plötzlich Frauen herumlaufen würden.“ Man habe keine Ängste in Bezug auf Frauen, aber der klösterliche Lebensbereich sei eine geschlossene, geschützte Sphäre.“

„Wer sich entschließt, im Kloster zu leben, entscheidet sich für die Abkehr von vielen weltlichen Dingen. Kein Mönch kauft seine Zahnpasta selbst, das machen Angestellte. Braucht ein Mönch neue Schuhe, bekommt er etwas Geld und muss später eine Quittung samt Rückgeld vorlegen. Besitz im eigentlichen Sinn haben die Mönche nicht. „Wir versprechen persönliche Armut, aber jeder erhält seinen persönlichen Bedarf“, sagt Pater Albert.

Was verdient ein Mönch?

Mönche bekommen kein Gehalt, sie sind krankenversichert, aber erhalten später keine Rente. Kost und Logis, wenn man so will, haben sie im Kloster frei und auch im Alter kümmert man sich um sie. Zwei Neresheimer Mönche sind mittlerweile in einem Seniorenheim untergebracht, die Kosten übernimmt das Kloster. In einer stabilen Gemeinschaft sei in allen Lebensphasen für einen gesorgt, sagt Pater Albert. Man gibt die eigene Verantwortung zu einem guten Teil ab– zugunsten der Gemeinschaft.

Die finanzielle Abhängigkeit ist ein Grund, warum man spät im Leben kaum noch aus dem Kloster austreten kann. „Es gibt ein paar Fälle in Deutschland, in denen Mönche mit über 60 das Kloster verlassen haben. Das bedeutet natürlich einen gewissen sozialen Absturz und ein herbes Erwachen“, sagt Pater Albert. Zwar würde man nach dem Austritt für einen gewissen Zeitraum finanziell unterstützt, aber das sei nur eine Übergangslösung.

In buddhistische Kloster begibt man sich nur für einen bestimmten Lebensabschnitt, beispielsweise nach dem Tod eines Familienmitglieds. „Das christliche Mönchstum ist nicht so, bei uns ist es nicht einfach, diese Lebensentscheidung zu korrigieren.“ Allerdings glaubt Pater Albert nicht daran, dass die Einrichtung von Klöstern auf Zeit für mehr Interesse am Klosterleben sorgen würde.

Finanziert wird das Kloster aus Spenden und Pachteinnahmen. Auch ein Honorar, das ein Mönch für einen Vortrag erhält, fließt in den Topf. Geht es um Renovierung und große Beträge, unterstützen das Land Baden-Württemberg und ein Förderverein.

Jeder Mönch bekommt einen Computer wenn gewünscht

Mit dem Klosterumbau in den vergangenen vier Jahren wurde das Leben der Mönche in den Privatgemächern etwas großzügiger. „Wir sind einfach eingerichtet, jeder soll das Notwendige bekommen. Es ist nicht die Zielvorstellung, dass der Raum möglichst leer ist“, sagt Pater Albert. Aber sparsam sei man allemal. Vor dem Umbau wohnte man auf 21 Quadratmetern, Bad und Toilette in Gemeinschaftsnutzung. Das sei heute kaum noch vermittelbar. Auch im Hinblick auf den Klosternachwuchs wurden die Wohnräume renoviert, nun stehen jedem Mönch ein Schlafzimmer, ein Büro und eine Nasszelle auf insgesamt rund 40 Quadratmetern zur Verfügung. In jedem Zimmer gibt es Telefon und – wenn gewünscht – Computer mit Internetanschluss.

Die katholische Kirche hat derzeit nicht den besten Ruf. Die Skandale um sexuellen Missbrauch durch Priester und Ordensleute an ihren Schutzbefohlenen haben in den vergangenen Jahren nicht nur für medialen Wirbel gesorgt. „Mit massiver Kritik oder Vorurteilen war ich noch nie konfrontiert“, sagt Pater Albert. „Eher mit generellem Unverständnis für unsere Lebensweise.“ Klöster würden von den Medien entweder idealisiert – Stichwort Kräutergarten – oder in Beziehung mit sehr unerfreulichen Gegebenheiten thematisiert. „Diese Dinge gab es ja, aber nicht nur in der katholischen Kirche.“

Gibt es in Zukunft noch Mönche?

1095 wurde die Abtei Neresheim gegründet. Wird es in 20 Jahren dort noch Mönche geben? „Ich hoffe es. Wissen kann ich es nicht. Darüber sollte man auch nur nachdenken, wenn man depressiv werden möchte“, sagt Pater Albert. „Unsere Herausforderung besteht heute und in der unmittelbaren Zukunft. Wir versuchen echt zu leben und unser Leben ernst zu nehmen. Die Lebensweise als solche wird sicher Bestand haben.“

Fundamentalistisch findet er diese Lebensweise nicht. „Unser Leben hat ein Fundament, eine gemeinsame Lebensordnung, aber wir bekommen hier keine Gehirnwäsche. Wir denken nicht dasselbe und sagen nicht dasselbe. Jeder intolerante junge Katholik würde sich bei uns schwer tun, weil er merkt, dass wir nicht engstirnig denken.“