Königsbronn / Laura Strahl Beim Besuch in Königsbronn kam Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Gespräch mit Ehrenamtlichen, Engagierten und Verwandten Georg Elsers. Besonders die Schilderungen des Neffen von Elser bewegten.

13.23 Uhr. Mit einer Verspätung von exakt acht Minuten fährt das Auto des Bundespräsidenten vor. Kurze Begrüßung, knappes Hallo, dann erst einmal Applaus: Eine stattliche Anzahl an Bürgern hat vor der Georg-Elser-Gedenkstätte im Regen ausgeharrt, um Frank-Walter Steinmeier hautnah zu erleben.

Wachsam bleiben

Doch das deutsche Staatsoberhaupt geht auf Abstand. Ein Kranz aus gelben Rosen und roten Gerbera-Blüten steht für ihn bereit. Anlässlich des 80. Jahrestags von Elsers missglücktem Attentat hält der Bundespräsident inne. Verneigt sich vor dem Widerstandskämpfer. Vor Elsers furchtbarem Schicksal und dessen Mut, wie er später betont. „Nur wenige konnten es damals deuten“, sagt Steinmeier. Umso wichtiger sei es, heute wachsam zu bleiben, die Verantwortung anzunehmen und Aufklärung zu betreiben.

Erinnerungen des Neffen

Eindrücklich gelingt dies – leider nur vor geladenen Gästen – den Ehrenamtlichen und Engagierten, mit denen sich der Bundespräsident nach einem Besuch der Gedenkstätte zum Austausch trifft. Hier rührt der 1928 geborene Franz Hirth mit seinen Erinnerungen an den Onkel und Ersatzvater beinahe zu Tränen. Geblieben sei etwa der letzte Besuch Elsers am 6. November 1939, also zwei Tage vor dem Attentat im Bürgerbräukeller. Dann der 13. November, als der Vater an der Arbeitsstelle in Stuttgart von der Gestapo verhaftet und die Wohnung durchsucht wurde. Seine Eltern, sagt Franz Hirth, seien danach mehrere Monate lang inhaftiert gewesen. „Ich kam in ein Kinderheim.“

Schmerzende Erinnerungen

Was überhaupt geschehen war, hörte der Neffe Elsers schließlich per Zufall im Radio des Schwesternzimmers. Der Attentäter von München, Georg Elser, sei gefasst, habe es geheißen. „Mit zehn Jahren konnte ich das gar nicht verarbeiten“, erinnert sich Hirth. „Ich wusste jetzt die ganze Geschichte. Aber ich konnte mich niemandem öffnen.“ Dann bricht seine Stimme. Die Erinnerungen schmerzen.

Trotzdem teilt Franz Hirth diese Erinnerungen immer wieder. Regelmäßig besuche er Schulklassen und schildere seine Erlebnisse. In der eigenen Familie aber sei das gescheiterte Attentat zum Tabuthema erklärt worden. Er selbst, sagt Hirth, habe sich erst 50 Jahre später mit dem Geschehenen auseinandersetzen können.

Der Schrecken der Gestapo

Ähnliches berichten auch andere Gesprächsteilnehmer. Verwandte mit dem Namen Elser hätten noch bis in die Achtzigerjahre unter ihrem Namen gelitten, schildert Rudolf Hangs, ein weiterer Neffe Georg Elsers. Joachim Ziller, Leiter der Gedenkstätte, bestätigt: Erst mit dem Wechsel des Bürgermeisters in den Neunzigerjahren habe man in Königsbronn mit der Aufarbeitung beginnen können.

Die ältere Generation habe sich nicht damit beschäftigen wollen, hatten doch viele im Nachgang des Attentats schreckliche Erfahrungen mit der Gestapo gemacht. „Jeder, der damit zu tun hatte, war traumatisiert.“ Schmerzlich daher, die erste Zeit der Aufarbeitung. Auch für Bürgermeister Michael Stütz: In Briefen sei er beleidigt worden, ein Anrufer habe damit gedroht, sein Wohnhaus anzuzünden. „Natürlich hatte ich Angst.“

Stolz auf Elser

Doch die Zeiten ändern sich. Heute, sagt Stütz, seien die meisten Königsbronner stolz auf Elser. Negative Kommentare habe er schon länger nicht mehr vernommen. „Die Stimmen dagegen verstummen“, bestätigt auch Ulrich Renz, einst Redakteur bei der Heidenheimer Zeitung und Elser-Experte. „Das ist eine sehr positive Entwicklung.“ An der Königsbronner Schule, die seit 2003 nach Elser benannt ist, gehört das Wirken des Widerstandskämpfers mittlerweile zum festen Bestandteil des Unterrichts, berichtet Schulleiterin Karin Waluga, Engelbert Frey stößt mit seiner szenischen Lesung auf großes Interesse. Mit seiner Gruppe trete er unter anderem in Dachau, Berlin und Konstanz auf.

Elsers Geschichte wird also immer bekannter. Aber bekannt genug? Sicher nicht, stellt Bundespräsident Steinmeier klar. Aufrufe, man möge endlich einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit ziehen, lese man in sozialen Netzwerken noch immer. Und Katharina Horrer, angehende Studentin und seit ihrer Jugend Mitarbeiterin der Elser-Gedenkstätte, kennt Jugendliche, die noch nie von Elser gehört haben. Das sollte sich ändern, findet sie: „Es ist wichtig, dass man nicht vergisst“, sagt sie, „damit man weiß, was nicht kommen soll.“

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80 Jahre nach dem Hitler-Attentat erhält der NS-Widerstandskämpfer ein Denkmal in seinem Geburtsort Hermaringen. Zur Einweihung kam Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.