Königsbronn / hz Leserbrief zu einem Artikel über die Rohstoffgewinnung für Elektroautos.

André Bochow, der Autor des Artikels, hat nur die Aspekte aus seinen Quellen herausgezogen, die er gegen die E-Auto-Akkus ins Feld führen konnte, entlastende Argumente und andere Ursachen für die Missstände bei der Rohstoffgewinnung hat er einfach weggelassen.

Seine Aufschrei-Schlagzeile „Leiden für das Elektroauto“ mit dem Großbild der Steine klopfenden Mutter und ihrer Tochter ist eine populistische Anklage, die aber nicht aus der Faktenlage herzuleiten ist. Es gibt in E-Autos nicht einen einzigen Stoff, den wir nicht seit Jahrzehnten anderweitig in Produkten unseres Wohlstands nutzen.

Ja, Lithium wird vor allem in Südamerika aus Salzsole gewonnen, indem man die Brühe in der Sonne eintrocknen lässt, das Wasser verdunstet. Man gewinnt aus dieser Sole aber hauptsächlich Kalisalze für Düngemittel, Lithium ist dabei ein Nebenprodukt. Richtig: Das Grundwasser sinkt dort, Landwirtschaft wird unmöglich.

In anderen Ländern haben die Regierungen den Bergbaukonzernen einen geschlossenen Wasserkreislauf vorgeschrieben, um weniger Wasser zu verlieren. Das fehlt in Südamerika komplett, die Regierungen kümmern sich nicht um Umweltaspekte. Ist etwa das E-Auto schuld am Regierungsversagen in Südamerika beim Kali- und Lithiumbergbau? So ein Schmarrn! Für die 10 kg Lithium in einem großen Pkw wird genauso viel Wasser (ca. 10 000 Liter) vergeudet wie für die Aufzucht von 1 kg Rindfleisch samt Mastfutter.

Wo bleibt der Aufschrei gegen diesen Raubbau an Trinkwasser und Regenwäldern für die Fleischproduktion? Das E-Auto-Abwatschen ist in Mode, aber völlig neben den Fakten. Lithium wird nicht nur in der E-Mobilität, sondern auch in Milliarden Handys, Laptops, Unterhaltungselektronik, Werkzeug- und Spielzeugakkus und in Gläser- und Keramikschmelzen verwendet. Neue Akkus brauchen immer weniger Lithium, die Forschung arbeitet an alternativen Akku-Chemien.

Solche Differenzierungen und Vergleiche spart sich der Autor, die wären seiner Schlagzeile nicht dienlich. Der ganze Kongo ist mit 60 % Weltmarktanteil am Kobaltmarkt beteiligt, die handwerkliche Kobaltgewinnung beträgt 20 % davon, also 12 % des Weltmarkts. Die Kinderarbeit im Bürgerkriegsgebiet Ost-Kongo ist von außen kaum zu beeinflussen, die Armen dort haben keine andere Einkommensquelle. Chemie- und Autokonzerne haben Zertifizierungssysteme vorbereitet, mit denen sie die Herkunft ihres Kobalts (wie auch von Gold und Tantal) so zurückverfolgen wollen, dass sie Kinderarbeit ausschließen können.

In meinem Auto-Akku sind nur noch 3 % Volumenanteil Kobalt enthalten, in künftigen Akkugenerationen noch weniger. Kobalt wird seit Langem auch in Metalllegierungen, Katalysatoren und als Farbpigment verwendet, nicht nur in Akkus. Kinderarbeit ist humanitär inakzeptabel. So wie die Arbeitsumstände in den Nähereien in Bangladesch weiterhin inakzeptabel sind. Schlagzeile „Leiden fürs T-Shirt“?

Ich muss Professor Radermacher (Interview neulich in der HZ) recht geben: Wir leben in einer Plünderungs-Ökonomie, das kann nicht gut gehen. Auch die seltenen Erdmetalle, die man u. a. in Dauermagneten benutzt, kommen in vielen Elektromotoren und anderwärts vor, nicht nur in E-Autos. Viele industrielle Maschinen, jedes CD-Laufwerk, jede rotierende Festplatte, jeder Katalysator, viele Schleifpulver und Gläser enthalten Seltenerdmetalle.

An deren Anteilsreduzierung wird geforscht, weil sie in China unter indiskutablen Umständen gewonnen werden. Die Schuldzuweisung an die E-Mobilität allein ist zumindest grob einseitig. Alle technischen Lösungen zur Reduzierung der Treibhausgase brauchen Rohstoffe und Energie zu ihrer Herstellung, auch Solartechnik. Sollen wir deswegen die Diesel-, Benzin- und Erdgasverbrennung fortsetzen und den Klimawandel damit weiter anheizen? Welches Elend unseren Kindern in einer um mehr als zwei Grad erwärmten Welt bevorsteht, muss auch ein Journalist im Auge behalten.

Wer nur die Elektromobilität für die Rohstoff-Sauereien verdammt und nicht auch die anderen Rohstoffnutzer, wer das Klimaschutzpotenzial der E-Autos mit EE-Strom (siehe Statuspapier Umweltbundesamt) unterschlägt, der verbreitet pauschale Falschmeldungen, statt die Vorteile und Risiken sorgfältig abzuwägen. Das weitere Verbrennen von Öl, Erdgas und Kohle führt absehbar zu einer globalen Lebensvernichtung gigantischen Ausmaßes. Wir müssen unser Leben ohne Treibhausgase einrichten, je eher, desto besser, und desto preisgünstiger ist die Umstellung.

Akkuautos sind ein bereits weit entwickelter Baustein neben vielen anderen für die künftige Solarwirtschaft, in der Strom die Schlüsselenergie sein wird, Strom aus erneuerbarer Erzeugung. Wenn wir diesen umfassenden Wandel nicht schaffen, können wir alle einpacken. Wir müssen es entschlossen tun, dann schaffen wir das auch.

Werner Glatzle, Königsbronn