こんにちは!(Konnichi wa, Hallo) Nachdem Corona zwei Jahre lang meine Pläne durchkreuzt hat, konnte ich mir ab September endlich einen Traum erfüllen und studiere nun für ein Jahr in Japan. Eigentlich studiere ich an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart klassische Gitarre im Master mit Schwerpunkt Kammermusik, bin nun aber für ein Jahr an der Elisabeth University in Hiroshima immatrikuliert. Ursprünglich komme ich aus Zang und vermisse die Nähe zu Wald und Natur hier in der Großstadt ein bisschen.

Zu Beginn bin ich die Organisation sehr optimistisch angegangen, da ich von der japanischen Hochschule direkt nach meiner Anfrage eine Zusage bekommen habe. Der Optimismus hat sich nach den vielen Corona-Verschiebungen und dem riesigen organisatorischen Aufwand etwas gelegt. Ich hatte meinen Aufenthalt viermal geplant, bevor es beim fünften Anlauf endlich klappte. Auch mein Stipendium habe ich zweimal wieder verloren und musste auf eine dritte Zusage hoffen.

Die Wahl auf Japan als Austauschland fiel neben dem Interesse für die Sprache und die japanische Kultur auch aufgrund der Hochschule und der hier unterrichtenden Gastprofessoren. Außerdem erlaubt es mir den Einblick in eine Welt, die mir bisher so gut wie gänzlich fremd war.

Tatjana Engling aus Zang lebt für ihr Studium ein Jahr lang in Japan.
Tatjana Engling aus Zang lebt für ihr Studium ein Jahr lang in Japan.
© Foto: privat

Daneben finde ich die Stadt Hiroshima sehr interessant. Dadurch, dass die Atombombe am 6. August 1945 in der Luft explodierte, ist die Strahlenbelastung heutzutage nicht mehr höher als in anderen Teilen der Welt, Aber durch die komplette Zerstörung der Innenstadt, ist Hiroshima nun eine sehr moderne Stadt. Breite Straßen mit bepflanzten Grünstreifen weisen durch die Stadt, die nachts zur Genüge beleuchtet sind, viele Wohngebäude bieten Wohnraum, …. Nach dem Krieg waren einige Europäer nach Hiroshima gekommen, um beim Aufbau der Stadt zu helfen, darunter auch Ernest Goossens, der die Hochschule gründete, an der ich nun studiere. Insgesamt lassen sich einige europäische Inspirationen in der Stadt entdecken.

Nach dem Atombombenabwurf leistete Deutschland viel medizinische Unterstützung und half den Leuten, die unter gesundheitlichen Folgen litten, sodass Deutschland und die deutsche Medizin bis heute einen sehr hohen Stellenwert haben.

Komplizierte Grammatik

Neben der Organisation stellt die Sprache eine weitere Schwierigkeit dar. Zwar hatte ich aus Interesse schon mit 14/15 Jahren zwei der drei japanischen Schriftsysteme gelernt, aber das dritte Schriftsystem mit ca. 2000 Zeichen stellt doch eine große Hürde dar und auch die Grammatik ist, nachdem die einfachen Grundlagen gemeistert sind, sehr kompliziert. Leider war es für mich nicht so einfach, einen passenden Kurs in Deutschland zu finden, sodass ich sehr viel für mich selbst, hauptsächlich Vokabeln und Zeichen, gelernt habe und nun hier sehr viel Grammatik lernen muss. Da die Hälfte meines Studieninhalts Japanischunterricht ist, bekomme ich hierfür gute Unterstützung.

Leider verlief nicht nur die Vorbereitung holprig, sondern auch mein Start hier in Japan. Direkt nach meiner Landung gab es eine Taifun-Warnung, sodass ich meinen Zug von Tokio nach Hiroshima umbuchen (auf Japanisch) und dann auch erst mal einen Tag in meinem Wohnheim verbringen musste und nicht raus durfte. Knapp eine Woche später hatte ich mich das erste Mal mit Corona infiziert, hatte glücklicherweise so gut wie keine Symptome, musste aber für eine Woche in meinem ca. sieben Quadratmeter kleinen Zimmer sein und habe somit meine erste Semesterwoche verpasst. Das Essen wurde mir dreimal täglich vor die Tür gestellt und jeden Morgen wurde ich von meinem Arzt und meiner Japanischlehrerin angerufen, um meine Symptome abzufragen. Seitdem geht es aber immer weiter bergauf, vor allem, nachdem die meisten organisatorischen Behördengänge erledigt sind.

Japan hat leider eine sehr ausgefeilte Bürokratie, die einiges an Organisationsaufwand erfordert, sodass nach Ankunft alle übrigen Schritte (Einleben im Wohnheim, Immatrikulation, Anmeldung im Bürgerbüro, Einrichten eines Bankkontos und einer japanischen Handynummer) sehr viel mehr Zeit in Anspruch genommen hatten, als erwartet. Nur sehr wenige Japaner sprechen (gutes) Englisch, was vor allem bei komplizierten bürokratischen Vorgängen eine weitere Hürde war.

Neben dem stressigen Studienleben versuche ich dennoch so viele japanischen Erlebnisse wie möglich mitzunehmen und Ausflüge zu unternehmen, aber mich auch bei Austauschevents meines Wohnheims einzubringen und bei Konzerten etwas (deutsche/schwäbische) Musik beizutragen.

In den ersten paar Tagen konnte ich vor allem die Vorteile Japans erkennen. Die Städte sind sehr sauber und insgesamt wird auf Ordnung und Sauberkeit sehr viel Wert gelegt. Auch habe ich mich noch nie so sicher in einem Land gefühlt wie in Japan. Das Essen ist unglaublich lecker und deutlich billiger als in Deutschland, vor allem in Restaurants. Auch meinen Maultaschenbedarf kann ich hier durch Gyoza decken und nach langer Suche konnte ich nun auch endlich etwas richtiges Brot finden. Auch wenn ich mich an ein warmes Frühstück mit Reis gewöhnen konnte, freue ich mich wieder auf frischgebackenes Brot, wenn ich zurückkehre.

Hohe Erwartungen

Auch im Studium hat sich für mich einiges verändert. Obwohl ich in Deutschland schon eher zu den fleißigen Musikstudierenden gezählt habe, ist das hier keineswegs der Fall. Alle sind sehr fleißig und bemühen sich sehr um ihr Studium, was auch unerlässlich ist, da hier andere Anforderungen gestellt werden als in Deutschland. Während im Musikstudium in Deutschland höchste Perfektion in ein paar wenigen Stücken gleichzeitig erwartet wird, wird hier ein sehr hohes Niveau bei sehr vielen Stücken gleichzeitig erwartet. Glücklicherweise konnte ich schnell mit meinen Kommilitonen Kontakte knüpfen und Freunde finden.

Nun werde ich mein erstes Weihnachtsfest außerhalb der Heimat erleben und kurz danach meine Familie wiedersehen, die mich hier über Silvester besuchen kommt. Nachdem ich mich jetzt endlich etwas eingelebt habe, werde ich mehr Ausflüge unternehmen und Japan genießen können, bevor ich Mitte August wieder nach Deutschland zurückkehre. Denn obwohl dieses Auslandsjahr für mich bisher überwiegend Arbeit bedeutet hat, bin ich sehr froh, jetzt hier zu sein.

Mehr über Menschen aus dem Landkreis Heidenheim, die im Ausland leben, gibt es bei Brücken in alle Welt zu lesen.