Königsbronn / Laura Strahl Am Montag wurden die Mitarbeiter offiziell über den Fortbestand ihres Unternehmens informiert. Die Freude war reihum riesig: Reaktionen und Stimmen zur Firmenrettung.

Wochenlang hatten Mitarbeiter, Betriebsrat und Gewerkschaft gehofft, gekämpft und gebangt. Seit dem Wochenende steht nun fest: Der Kampf hat sich gelohnt, der Betrieb der Königsbronner SHW HPCT wird mit 80 von 162 Mitarbeitern weitergeführt. Bei einer außerordentlichen Betriebsversammlung am Montagnachmittag wurde den Mitarbeitern das „Weiter“ nun offiziell verkündet. Applaus, Jubel und ein paar Tränen blieben dabei nicht aus.

Bald zu alter Stärke

„Wir werden in kleinem Stil starten.“ Diesem Statement an die versammelte Mannschaft ließ Betriebsratsvorsitzender Fred Behr aber sogleich eine Hoffnung folgen – nämlich die, schon bald zu alter Stärke zurückfinden zu können. Auf 180 Mitarbeiter werde man es wohl nicht mehr bringen, mehr als 80 wären aber schön. Denn – das ist an diesem Montag in der Maschinenhalle trotz ausgelassener Stimmung wohl allen bewusst: Für 80 Mitarbeiter geht es weiter, für die restlichen 80 ist unter den neuen Bedingungen kein Platz mehr in der Königsbronner Gießerei.

Behr: „Ich bitte diejenigen um Verständnis, die nicht dabei sind.“ Man habe persönliche Aspekte in die Entscheidung einbezogen, also etwa, ob jemand Kinder habe. Außerdem gehe es auch darum, welche Tätigkeiten, sprich Mitarbeiter, für das neue und verkleinerte Portfolio der SHW HPCT gebraucht werden.

Frühschicht startet wieder

Für die Beschäftigten in der Gießerei jedenfalls sollte es bereits am Dienstagmorgen weitergehen: Frühschicht, Arbeitsbeginn um 5 Uhr. Wenn alles glatt läuft, soll dann schon nächste Woche die erste Walze gegossen werden. Serviceaufträge will man ebenfalls so schnell wie möglich an Land ziehen, ganz einfach „die Produktion anschmeißen“, wie Fred Behr sagte. In Abteilungsrunden will er klären, wie es in den kommenden Tagen genau weitergeht.

Geschäftsführer: Asmus Ohle

Die Motivation, wieder zur Arbeit zu gehen, war den Mitarbeitern am Montagnachmittag jedenfalls deutlich anzumerken. Immer wieder wurde applaudiert und gejubelt. Dankbar ist man in Königsbronn zum Beispiel Frank Günther, einem der zwei Gesellschafter der Firma One Square Advisors, die als neuer Eigentümer den Fortbestand des Königsbronner Unternehmens möglich gemacht hat. Durch den Kauf ist Günther nun auch einer der drei Gesellschafter der geretteten Königsbronner Gießerei. Nummer zwei ist Wolf Waschkuhn, ebenfalls zugleich Gesellschafter der Münchner Investmentfirma.

Die Mitarbeiter als Anteilseigner

Und Nummer drei? Das sind die Mitarbeiter selbst. Im Rahmen einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts, der Glückauf GbR, sind sie jetzt zu 33 Prozent Anteilseigner ihrer Firma. Vertreten werden sie dort von Fred Behr, in einer Satzung ist festgelegt, welche Mitspracherechte bestehen. „Wir wollen alle Entscheidungen im Konsens treffen“, kündigte Frank Günther am Montag an. Und: Er verstehe sich als einen „aktiven Eigentümer“, der in enger Abstimmung mit dem neuen Geschäftsführer Asmus Ohle die Geschicke des Königsbronner Betriebs leiten will.

Dass es nun doch noch geklappt hat mit der Rettung? Frank Günther gab offen zu: In den vergangenen Wochen habe er das nicht immer für möglich gehalten. Am 10. März habe man über die IG Metall erstmals vom „Problemfall“ SHW HPCT gehört. Damals, so Günther, „war die Messe eigentlich schon gelesen“. Der vielleicht älteste Industriebetrieb der Welt aber machte die Investoren neugierig. Erst im Dezember 2018 hatte man die Werke der Halberg Guss gekauft, eine Gießerei für Motorblöcke und laut Günther die zweitgrößte Gießerei Europas.

„Zwei Monate Achterbahn“

Man hatte also bereits Erfahrung. Und nach einem Telefonat mit Fred Behr folgte dann am 13. März das erste Treffen in Königsbronn. Ein gemeinsamer Plan wurde entwickelt, mit Kunden verhandelt (allen voran Voith und Valmet aus Finnland), mit der VR-Bank über die Miete der Hallen gesprochen. Kurz vor knapp wurden dann am vergangenen Freitag auch die Verhandlungen mit der Leasing-Firma zu einem guten Ende gebracht. Alles in allem ein Prozess, den Günther mit den Worten beschrieb: „Zwei Monate Achterbahn.“

Landesbürgschaft zugesichert

Diese Fahrt aber erklärte der neue Gesellschafter nun für beendet. Für Kunden habe man veränderte Zahlungsbedingungen entwickelt, auch deutliche Preiserhöhungen seien inzwischen vertraglich festgelegt. Für die Anfangsphase, so Günther weiter, sehe man sich so gut gerüstet. Auch deshalb, weil man von der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut per Post die Zusicherung einer Landesbürgschaft erhalten habe. Zu verdanken sei diese glückliche Entwicklung der Dinge aber nicht nur Politikern, Verhandlern und Investoren, sondern vor allem den Mitarbeitern. Günther: „Sie können stolz darauf sein, was sie geleistet haben!“ Die Bereitschaft, das Unternehmen zu retten, habe er als ungewöhnlich empfunden. „Die Firma lebt wieder. Das ist eine gute Basis.“

Gelobt wurde dann auch der bei den Mitarbeitern zwischenzeitlich in Ungnade gefallene Insolvenzverwalter Martin Mucha. „Sie haben es verdient, Sie haben gute Arbeit geleistet“, richtete Mucha das Wort an die Mitarbeiter. Die wiederum bedankten sich ihrerseits mit Applaus, bei dem Mann, mit dem sie in den vergangenen Monaten Höhen und Tiefen erlebt haben.

Wie beim Fußball

Und auch eine „Schockstarre“, wie es Hans-Jörg Napravnik, der Zweite Bevollmächtigte der IG Metall Heidenheim, formulierte. Kurz vor knapp sei es gewesen.

Das sieht auch sein Kollege und Erster Bevollmächtigter, Ralf Willeck, so. Im Telefonat mit der Heidenheimer Zeitung brachte er den Verlauf der Verhandlungen auf den Punkt: „Nichts ist sicher – bis zur letzten Minute.“ In der Wirtschaft, so der Gewerkschafter weiter, sei es manchmal eben wie beim Fußball. Die Wahrscheinlichkeit in der 89. Minute noch einen Sieg einzufahren, werde von Sekunde zu Sekunde geringer. Möglich sei aber alles. „Wer die besseren Nerven hat, gewinnt“, sagte Willeck.

Auch in Bezug auf die Leasing-Firma, von der am Ende schlichtweg alles abhing. Dort habe man bis zur letzten Minute gepokert, um noch mehr Geld herauszuziehen. Aber: „Die Erpressung hat nicht funktioniert“, so Willeck. Die Leasing-Firma habe letztlich das nehmen müssen, was sie von der SHW HPCT bekommen konnte.

Nicht für alle ein Erfolg

Denn, so Willeck: Die Maschinen wie angedroht zu verkaufen, bringe eben nur theoretisch mehr Geld. All der Freude zum Trotz,weiß der Gewerkschafter aber auch: Für diejenigen 80 Mitarbeiter, für die es in der Königsbronner Gießerei nicht weitergeht, sei die Entwicklung noch immer negativ zu bewerten. Willeck: „Da gibt es keine gerechte Auswahl.“ Jedenfalls nicht für alle.

Ein Wunder?

Keine Frage, dass sich gestern auch Königsbronns Bürgermeister Michael Stütz hocherfreut zeigte über die Ereignisse der vergangenen Tage: „Das Wunder für Königsbronn ist geschehen.“ Zu verdanken sei das vor allem den Mitarbeitern, die trotz Kündigung gekämpft haben. „Die Leute hängen sehr an ihrer SHW“, erklärte der Bürgermeister. Viele Mitarbeiter kenne er persönlich, deren Schicksale hätten ihn in den vergangenen Wochen tief betroffen gemacht. Zum Beispiel jenes vom knapp 60-jährigen SHWler, der sich nach erhaltener Kündigung „wertlos“ vorkam und auf dem Arbeitsmarkt keinerlei Vermittlungschancen sah.

Dass die dritte Insolvenz des Königsbronner Unternehmens nun immerhin für 80 Mitarbeiter ein gutes Ende genommen hat, so der Bürgermeister, habe wohl kaum mehr jemand für möglich gehalten. Jetzt, sagte Stütz, hoffe er, dass sich das Unternehmen am Markt durchsetzen kann. Als sehr gut bewertet er in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die Mitarbeiter nun Anteile an der Firma halten und dadurch mehr Möglichkeiten zur Einflussnahme auf anstehende Entscheidungen haben.

Jede Menge Likes und Glückwünsche

Auch im Internet schlug die Nachricht vom Fortbestand des Königsbronner Traditiosunternehmens natürlich ein wie eine Bombe. Auf Facebook häufen sich seit dem Wochenende Herzchen und Likes, natürlich auch viele Glückwünsche. Viele hatten in den vergangenen Wochen und Monaten offenbar mit den SHW-lern mitgefiebert.

Die Kommentare: „Einfach genial“, „Danke für euren unermüdlichen Einsatz“, „So eine klasse Nachricht“, ist da beispielsweise zu lesen. Die Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier (SPD) schreibt ebenfalls auf Facebook von „nervenzerfetzenden Tagen und Wochen“. Und weiter: „Der Einsatz hat sich gelohnt.“ lst