Hermaringen / Alfred Hoffmann Sonntag, 4. März 1945: Ein amerikanisches Jagdflugzeug stürzt auf einer Wiese bei Hermaringen ab. Der Pilot ist tot, der Grund für den Absturz ungeklärt. Kreisarchiv und Internet verraten Details.

Gegen 10 Uhr, so heißt es in einem Bericht im Heidenheimer Kreisarchiv, sei „während des Überfliegens von Feindverbänden bei Hermaringen Kreis Heidenheim ein Feindflugzeug abgestürzt. Aufschlagstelle befindet sich ca. 1 km südlich des Dorfes Hermaringen, 80 m rechts der Strasse Hermaringen-Bergenweiler.“ In die Schreibmaschine gehackt wurden diese Zeilen vom „Meister der Gendarmerie“ in Brenz. Noch am Tag des Absturzes erstattete er Meldung an den Herrn Landrat.

Die verunglückte Maschine war total zertrümmert. Erkennbar war laut Bericht aber, dass es sich um ein amerikanisches Jagdflugzeug handelte. Dass es einmotorig war, war nur zu vermuten. Typ und Zahl der Insassen unbekannt. Nach damaligen Augenzeugenberichten hatte sich im Flugzeug schon beim Überfliegen des Waldteils „Grube“ östlich der Straße eine Explosion ereignet, wodurch die Maschine noch in der Luft auseinander gerissen wurde. Zwischen Wald und Aufschlagstelle auf der Wiese lagen weit verstreut Trümmerteile: unter anderem eine Tragfläche, ein Teil des Leitwerks, mehrere Benzintanks.

„Ein Mitglied der Besatzung“ lag dem Bericht nach 80 Meter entfernt, noch festgeschnallt am Sitz, tot. „Weitere Leichen von Besatzungsmitgliedern konnten bis jetzt nicht geborgen werden.“ Absperrung, Bewachung der Leiche und Bergung der umherliegenden Munition übernahm zunächst die in der Nähe zufällig übende Hermaringer Volkssturmkompanie, später Angehörige des in Hermaringen untergebrachten SS-Pferdelazaretts.

Was das Internet heute verrät

Am Montag, also einen Tag nach dem Absturz, traf dann ein Bergungskommando vom Fliegerhorst Göppingen ein und identifizierte den Piloten als Louis R. Hereford. Er wurde auf dem Friedhof in Hermaringen „außerhalb der Reihe“ begraben. Einen Copiloten gab es nicht. Fragen, etwa nach Ursprung und Ziel des Flugzeugs, blieben offen. Heutigentags kann man einige davon mit Hilfe des Internets in Minutenschnelle lösen. Wie die Recherche ergibt, war Herefords Flugzeug eine Mustang der US Air Force (P-51D), seine Einheit die 84th Fighter Squadron der 78th Fighter Group, stationiert in Duxford südlich von Cambridge, England. Die 84. Staffel (Code: WZ) hatte schwarze Leitwerke. Hereford gehörte also nicht zu den in unserer Gegend verrufenen „Rotschwänzen“.

Die 84. war wie die meisten Einheiten von Jagdflugzeugen, die in England stationiert waren, im Frühjahr 1945 vornehmlich damit beschäftigt, Bomberverbänden Geleitschutz zu geben, bis sie ihre tödliche Last über den deutschen Zielstädten abgeladen hatten. Angesichts der erdrückenden Luftüberlegenheit der Alliierten hatten die Flugzeuge hinterher meist noch genügend Munition in ihren sechs schweren Maschinengewehren. Diese wurden auf dem Rückweg ausgiebig für kleinere Bodenziele, unter Umständen weitab des eigentlichen Zielgebiets, einsetzten. „Ground strafing on return“ nannte man das, Bodenbeschuss auf dem Rückflug.

Man flog dabei in der Regel in Gruppen zu viert, zu Acht oder zu zwölft. Im Operational Diary/Einsatzbuch der 84. Staffel für 1945 heißt es beispielsweise für den 20. Februar (leider ohne konkretere Ortsangaben): „Left target, Nurnburg, at 1338 hours. One flight went down to strafe south of target area, and followed rail line to east of Stuttgart.“ Übersetzt bedeutet das: Ziel Nürnberg um 13.38 Uhr verlassen. Eine Gruppe ging runter, um das Gebiet südlich des Ziels zu beschießen, und folgte dem Verlauf der Zuglinie in den Osten von Stuttgart.

Natürlich immer besonders gern attackiert: Lokomotiven. Allein im Februar zerstörte die 84. Staffel 55 davon, nicht mitgezählt die beschädigten. Bei 15 Einsätzen kehrten acht Mustangs nicht zurück, Piloten „M.I.A.“ (missed in action – im Kampf vermisst). In der gesamten 78th Fighter Group mit ihren drei Staffeln wurden drei Mann als K.I.A. (killed in action – im Kampf getötet) und 18 als M.I.A. registriert.

Doch zurück zum Flugzeugabsturz bei Hermaringen. Einem vom damaligen Kriegsministerium in Washington ausgestellten „Missing Air Crew Reports“ (Bericht über vermisste Flugzeugbesatzung) zufolge, herrschte an jenem 4. März 1945 sehr schlechte Sicht. 2nd Lt. Louis R. Hereford aus Alabama war morgens in Duxford in seiner Mustang 44-63209 mit den anderen Mitgliedern seiner Staffel zu einer üblichen Bomber-Eskorte gestartet, Kurs: Crailsheim, Nördlingen (das galt als Ziel) und weiter nach Augsburg. Südöstlich von Nördlingen wurde Hereford zum letzten Mal gesehen. Danach galt er als vermisst. Als Grund seines Verschwindens wird in dem Dokument angegeben: „unknown“, unbekannt.

„There is many a boy here today . . .“

Befragt wurden im Zuge des Berichts auch Piloten, die zum Zeitpunkt des Flugzeugtabsturzes in Herefords Nähe waren. 1st Lt. Willis H. Lutz etwa sagt am 6. März 1945 aus: „Etwa 15 Minuten, nachdem wir mit den Bombern zusammengetroffen waren, flogen wir durch eine dicke Nebelschicht. Wir flogen in weiter Wolken-Formation. Ich würde sagen, dass etwa 100 Yards Sicht im Nebel herrschte. Ich [...] richtete mich so gut ich konnte nach meinem Flügelmann aus, als ich ein Flugzeug aus dem Nebel kommen, unter meinen Flügelmann tauchen und sich vor mich setzen sah“, wird Lutz in dem Bericht zitiert. „Ich gab Vollgas und wich nach oben aus. Ich sah den Schriftzug auf seiner Maschine, WZ-S, das war das Flugzeug von Lt. Hereford, und ich rief ihm zu, er solle vorsichtig sein. Er reagierte nicht darauf. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass er seine Gruppe verloren hatte, sonst hätte ich ihn nochmals gerufen. Ich bezweifle, dass er uns sah. [...] Das war etwa um 10.40 Uhr [Anm. d. Red.: englischer Zeit].“

Ebenfalls ausgesagt hat 2nd Lt. James E. Moores: „Lt. L. R. Hereford [...] war sehr weit zurück und kam im Nebel außer Sicht, als wir ungefähr 15 Minuten vom Ziel entfernt waren. Ich rief ihn per Funk, erhielt aber keine Antwort. Über dem Ziel, etwa um 10.40 Uhr, wurde er von Lt. Lutz [...] gesehen, aber er versuchte nicht, sich der White-Gruppe anzuschließen. Der Nebel war sehr schlimm, und Lt. Lutz wusste nicht, ob Lt. Hereford ihn sah oder nicht.“

Alle anderen aus der Staffel konnten nichts weiter zum Verbleib ihres Kameraden sagen. Letzten Endes bleibt der Grund für den Absturz also auch nach der Recherche im Dunkeln. Ein Luftkampf hatte aber offenbar nicht stattgefunden.

Einen „nickname“, also Spitznamen, hatte Herefords Mustang laut „Missing Air Crew Report“ nicht. Das stimmt aber nicht ganz: Wie das American Air Museum in Britain auf seiner Website zeigt, war die Maschine ursprünglich die von 1st Lt. Frank E. Oiler, und der hatte unterhalb des Cockpits in Schönschrift folgenden Satz aufmalen lassen: „Sherman was Right!“ (Sherman hatte recht). Dabei handelt es sich um eine Anspielung auf einen in den USA sehr bekannten Spruch des US-Generals William T. Sherman (Amerikanischer Bürgerkrieg 1861 bis 1865), den er in einer Rede 1880 hatte fallen lassen: „There is many a boy here today who thinks war is all glory but, boys, it is all hell.“ (Es sind heute viele Jungs hier, die im Krieg nur den Ruhm sehen, aber Jungs, es ist die Hölle.)

Sherman hatte allerdings im nächsten Satz auch gesagt: „I look upon war with horror, but if it has to come I am here.“ (Ich schaue mit Schrecken auf den Krieg, aber wenn er kommt, dann bin ich bereit.“ Das wird meistens weggelassen, wenn man Sherman zitiert, aber womöglich hatte Oiler auch das gemeint. Ein Farbfoto zeigt Oiler vor seiner Maschine, die Hand auf der Schulter eines anderen Mannes? Die zwei Hakenkreuze symbolisieren zwei Abschüsse deutscher Flugzeuge. Hereford hatte ebenfalls einen Abschuss zu verzeichnen, am 14. Januar 1945.

Hereford stammte aus Alabama. Er wurde 25 oder 26 Jahre alt. Begraben ist er heute auf dem Amerikanischen Friedhof bei St. Avold im französischen Lothringen.