Kein Muhen von Kühen mehr, kein Quieken von Schweinen, keine Misthaufen. Harald Rabausch beschreibt am Beispiel Bissingen, wie sehr sich die Dörfer verändern. Verursacht wird der Wandel in der Landwirtschaft durch viele Faktoren. Ob die Landwirtschaft, so wie sie bislang im Landkreis betrieben wird, überhaupt noch eine Chance hat, ist längst nicht ausgemacht. Harald Rabausch ist Schweinezüchter. Wenn er seine finanzielle Lage nach Tönnies und afrikanischer Schweinepest beschreibt, genügt ihm ein Wort: desaströs.

Corona bricht Tradition

Am 6. Februar wären in Herbrechtingen traditionsgemäß Lichtmessmarkt und Bauernversammlung gewesen. Die Corona-Pandemie lässt beides nicht zu. Sprechen wollen die Landwirte aber schon. Für dieses Jahr muss ein Online-Chat genügen. Hubert Kucher, der Präsident des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim, hat schon Routine im Aufzählen der Sorgen, die im vergangenen Jahr erzürnte Landwirte mehrfach zu Protestfahrten angespornt hatten: Auf ein Prozent der Bevölkerung ist der Bauernstand geschrumpft. 100 Prozent sollen von ihm ernährt werden. Beste Qualität werde verlangt, aber nur der geringste Preis geboten. Im Lebensmittelhandel stehe man einem Kartell gegenüber, die Politik hole zu wenig fachliche Expertise ein, neue Standards zwängen zu immer weiteren Investitionen, dabei seien jetzt schon die Verdienste in der Landwirtschaft „unangemessen bis katastrophal“.

Landwirtschaft noch gewollt?

„Ist die Landwirtschaft hier noch gewollt?“, fragt sich Kucher. Und noch ein leidiges Thema: Durch Importe von Nahrungsmitteln, die nicht den in Deutschland geltenden Qualitätsvorgaben entsprechen, werde die Arbeit der Landwirte hier untergraben. „Käfighaltung für Hühner ist hierzulande verboten. Dennoch stammen 40 Prozent der in Deutschland verwendeten Eier aus Käfighaltung.“

Mit dem Rücken zur Wand stehend fühlt sich seit Monaten Harald Rabausch als Schweinezüchter. Die infolge von Corona-Infektionen geschlossenen Schlachtbetriebe hätten zu Überhängen im Bestand und zu einem noch nie da gewesenen Preisverfall geführt. Dennoch verzagt Rabausch nicht. „Der Markt wird sich ab Frühjahr erholen.“ Für viele Tierzuchtbetriebe könnte das aber zu spät sein.

Niemand ist gegen Tierwohl

Für diesen Bereich der Landwirtschaft sieht Rabausch, der auch Vorstandsmitglied im Bauernverband Ostalb-Heidenheim ist, auch aus anderen Gründen wenig gute Perspektiven. Die neue Nutztierhaltungsverordnung ist nur ein Problem von vielen. „Niemand von uns ist gegen Tierwohl“, unterstreicht Rabausch. Doch die geforderten offenen Ställe seien innerorts wegen des Emissionsschutzes baurechtlich nicht umsetzbar. „Der Landwirt muss also aussiedeln. Doch reicht das Geld für eine solche Investition?“ Sauer sind die Bauern, wenn ihnen in solchen Fällen noch unterstellt werde, sie suchten in der Größe das Heil. Denn wer anders als die Politik selbst habe die Landwirte durch die Förderkriterien genau dazu getrieben, kontert Hubert Kucher. Rabausch schätzt, dass im ganzen Landkreis Heidenheim gerade noch 1800 Muttersauen gehalten werden. „Das ist ein massiver Rückgang.“ Bundesweit, so weiß es Kucher, „halbiert sich alle zehn Jahre die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe“.

Steigender Flächenverbrauch

Günther Thierer, der Obmann der Bauern in Herbrechtingen, treibt der fortschreitende Flächenverbrauch für Wohnen und Industrie um. Damit werde den Landwirten auf Dauer ihre Existenzgrundlage entzogen. „Bester Ackerboden geht verloren.“ Nicht verstehen kann man es aufseiten der Landwirte, dass nicht auch auf die Industrie Druck gemacht wird, flächensparend zu bauen oder zumindest durch Photovoltaikanlagen auf den Dächern einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Immer noch, so Kucher, werden allein in Baden-Württemberg jeden Tag 60 Hektar Land überbaut. „Eine Versiegelung ist nicht umkehrbar.“

Bio ist keine Alternative für alle

„Wir wollen nicht am Ende nur noch staatlich bezahlte Umweltschützer sein“, fordert Rabausch eine Überlebenschance für die landwirtschaftlichen Betriebe und die Landwirtschaft. Dass die Umstellung auf biologische Landwirtschaft, die gerade in Herbrechtingen eine Hochburg hat, eine Möglichkeit darstellt, wird nicht bestritten. Aber es ist keine Möglichkeit für alle, sagt Hubert Kucher. Das gebe der Markt nicht her. Die Ausweisung des Landkreises als eine Bio-Musterregion sehen die Landwirte aber im Grundsatz als richtig an.

Gesellschaft muss mitziehen

Was sich die Bauern wünschen, ist schlicht die Wende zu einer auskömmlichen Landwirtschaft. Aber da müsse die Gesellschaft mitziehen, sagt Kucher, der seinerseits für die Landwirte sagen kann: „Wir sind keine Betonköpfe.“ Das gezielte Einkaufen von Produkten in der Region ist für Johannes Strauß, den Geschäftsführer des Bauernverbands Ostalb-Heidenheim, ein Schritt, der Bauern und Verbraucher aufeinander zuführen würde.

Kein Nachwuchsmangel

Am Nachwuchs in den eigenen Reihen gebricht es der Landwirtschaft nicht. „Wir könnten zwar mehr brauchen“, sagt Kucher, doch die Ausbildungsbereitschaft in der grünen Berufen sei im vergangenen Jahr sogar gestiegen. „Es gibt ein Interesse an der Landwirtschaft.“ Aber nicht jeder Absolvent einer landwirtschaftlichen Fachschule werde am Ende auch Landwirt. Fachleute mit dieser „hervorragenden Ausbildung“ würden auch in anderen Bereichen gesucht.

Lob für Stadt Herbrechtingen


Bei allen Sorgen und aller Kritik, bei der Bauernversammlung online wurde auch ein dickes Lob ausgesprochen. Dieses kam von Günter Thierer und ging an die Stadt Herbrechtingen: für den Unterhalt und Ausbau des Feldwegenetzes. Gerne wären die Landwirte wie gewohnt heute im „Grünen Baum“ zusammengesessen. Im Superwahljahr 2021 und wenige Wochen vor der Landtagswahl wäre sicher auch politische Prominenz unter den Gästen gewesen.

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