Bissingen / Maria Flemming Um bei der eigenen Tochter bleiben zu können, hat die Bissingerin auf Tagesmutter umgeschult. Ihr Leben ist ein anderes geworden. Neben den schönen Momenten schildert Nißl auch die Anstrengungen des Berufs.

Die Kindertagespflege ist in allen Gemeinden des Landkreises Heidenheim ein wichtiges Standbein der Kinderbetreuung. Zu Zeiten, in denen die Sorge vor Covid-19 das öffentliche Leben bestimmt, ist aber auch diese Art der Kinderbetreuung nur eingeschränkt möglich.

Im Rahmen einer Notbetreuung wird derzeit in Herbrechtingen nur ein Kind von einer Tagesmutter umsorgt. Ansonsten kümmern sich zehn Personen in der Tagespflege um elf Kinder aus elf Familien. In einem Gespräch mit einer Tagesmutter aus Bissingen geht Maria Flemming der Frage nach, welche Freude und auch Schwierigkeiten diese Tätigkeit mit sich bringt. Ihre Gesprächspartnerin ist Corinna Nißl.

Frau Nißl, Sie sind seit drei Jahren Tagesmutter. Wollten Sie das schon immer werden?

Natürlich! (lacht) Nein, schon immer nicht. Ich habe einen anderen Beruf erlernt und bin erst zur Kindertagespflege gekommen, als meine Kleine auf die Welt kam. Sie war sehr anhänglich und wollte sich von niemandem außer Mama, Papa oder ihrer großen Schwester betreuen lassen – nicht einmal von Oma und Opa. Da las ich in der Zeitung von einem Qualifizierungskurs zur Tagesmutter durch den Kindertagespflegeverein. Für mich war das eine gute Möglichkeit, alles unter einen Hut zu bekommen: Ich konnte meine Kleine betreuen und durch die anderen Tageskinder hatte sie mit anderen Kindern Kontakt und konnte lernen, mit Fremden umzugehen.

Was haben Sie vorher gemacht?

Etwas in einer ganz anderen Sparte. Ich bin gelernte Pferdewirtin. Das war und ist auch immer noch mein Traumberuf.

Die Tätigkeit als Tagesmutter ist also nur eine Art Notlösung?

Nein, in den Beruf der Pferdewirtin werde ich nicht mehr zurückgehen können. Das lässt sich mit der Familie nicht vereinbaren. Und als Tagesmutter zu arbeiten ist wirklich total schön. Ich mache das nicht, nur damit ich irgendetwas mache. Ein Beruf muss schon zu mir passen und ich arbeite sehr gerne mit Kindern. Ich mochte Kinder schon immer. Selbst als ich noch klein war, habe ich jedes Baby, das ich in die Hände bekam, mit Freude herumgezogen. (lacht) Es ist toll zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln und was sie für ein Vertrauen zu mir haben. Es ist zwar nicht mein Traumberuf, aber die zweite Option, die ich ins Auge gefasst habe.

Hatte Ihre kleine Tochter Probleme, als auf einmal fremde Kinder mit im Haus waren?

Nein. Ich hatte damals mit der Betreuung eines Tageskindes angefangen. Der Junge war drei Monate jünger als meine Kleine und die beiden wurden richtige Spielkameraden und dicke Freunde.

Was qualifiziert Sie Ihrer Meinung nach als gute Tagesmutter?

Es ist schwierig, sich selbst einschätzen. (lacht) Das mussten wir im Qualifizierungskurs auch des Öfteren tun. Also: Ich kann sehr gut auf Kinder eingehen und versuche, sie individuell zu fördern. Ich verstehe sie und habe immer gleich einen ganz guten Draht zu ihnen. Sie zu mir ebenso. Ich spiele auch unheimlich gern mit den Kindern. Letztens hat mich eine Mama im Kindergarten gefragt: „Nervt dich das nicht, den ganzen Tag spielen zu müssen?“ Ich finde, dass es fast nichts Schöneres gibt.

Wie sieht denn Ihr Betreuungsumfang aus?

Ich bin da gar nicht so festgelegt. Prinzipiell betreue ich von Montag bis Donnerstag von 7 bis 15 oder 16 Uhr, je nachdem, was die Eltern brauchen und wie auch meine Kinder Termine haben. Im Moment betreue ich drei Kinder im Alter von einem Jahr bis knapp drei Jahre. (Redaktioneller Hinweis: Durch die Corona-Krise pausiert die Betreuung derzeit.)

Was machen Sie denn mit den Kindern?

Wenn die Kinder alle da sind, können sie sich erst mal zum Spielen zusammenfinden. Dann wird ein gemeinsames Frühstück eingelegt. Je nach Wetter gehen wir anschließend draußen spazieren oder spielen und basteln drinnen. Im Haus habe ich ein Spielzimmer eingerichtet. Die Kleinen können entscheiden, was sie machen möchten, und ich lasse mich darauf ein. Um die Mittagszeit koche ich für alle Mittagessen. Um 12 Uhr gehen wir zusammen zum Kindergarten, um meine Tochter abzuholen. Je nachdem, wie das Betreuungsverhältnis festgelegt ist, gibt es dann für einige Mittagsschlaf, während andere abgeholt werden. Sie haben auch einige Tiere auf dem Hof.

Wie funktioniert das zusammen mit den Kindern?

Wir haben zwei eigene Ponys, die die Kleinen streicheln können. Natürlich muss man hier etwas aufpassen. Dann haben wir noch drei Hühner und einen Hund. Unsere Hühner laufen frei auf dem Hof. Wenn die Kinder angerannt kommen, sind sie dann allerdings meistens weg. (lacht) An den Hund dürfen die Kinder ebenfalls heran, aber meistens habe ich ihn im Wohnzimmer. Er ist glücklich, wenn er dabei sein darf.

Welche Tätigkeit ist denn anstrengender: Pferdewirtin oder Tagesmutter?

Körperlich anstrengender war der Job als Pferdewirtin. Mental anstrengender ist die Kindertagespflege. Es gibt ja auch Tage, an denen die Kinder nicht so gut drauf sind oder man selbst schlecht geschlafen hat. Aber Kinder fordern konsequent Aufmerksamkeit. Da kann ich mich nicht einfach auf das Sofa setzen und sagen: „Jetzt spielt ihr mal.“

Aus welcher Motivation lassen Eltern ihre Kinder von Ihnen betreuen?

Die meisten, weil sie nach einem Jahr Elternzeit wieder arbeiten müssen oder wollen, was ich absolut verstehen kann. Und viele wollen die ganz Kleinen nicht so früh in eine Kita stecken. Lieber geben die Eltern ihre Kinder zum Umgewöhnen noch in eine kleine Gruppe und erst anschließend in die Kita.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Eltern aus?

Die Eltern kommen und geben mir morgens einen Statusbericht. Ich lerne die Kinder schnell kennen und weiß, wie sie sind und wie sie sich verhalten. Wenn die Kinder abgeholt werden, wird ebenfalls über alles Wichtige gesprochen. Zum Beispiel, ob und wie das Kind geschlafen hat. Der Austausch findet also täglich statt.

Wie kommen Sie damit zurecht, dass es sich um eine selbstständige Tätigkeit handelt?

Ich hatte zu Beginn überhaupt keine Erfahrung, was das Bürokratische und die Sache mit der Steuer angeht. Ich hätte aber jederzeit im Verein anrufen und meine Fragen stellen können. Wir sind auch in den Qualifizierungskursen gut darauf vorbereitet worden. Es ist am Anfang schwierig, aber das kann man alles lernen und man wird damit nicht alleingelassen.

Hat der Qualifizierungskurs Sie gut auf Ihre Tätigkeit vorbereitet?

Ja, die vier Kursblöcke haben mich sehr gut vorbereitet. Es gab Themen, bei denen ich mir vorher keine Gedanken gemacht oder alles für selbstverständlich gehalten habe, weil ich schließlich eigene Kinder habe. Aber man merkt schnell, dass der Umgang mit fremden Kindern nicht genauso ablaufen kann. Ich habe viel darüber gelernt, warum ein Kind so und nicht anders reagiert oder wie verschieden Kinder eigentlich sind. Das Pädagogische hat mir sehr geholfen.

Wie zufrieden sind Sie denn mit der Bezahlung?

Ich glaube, wenn man fünf Kinder nimmt und diese täglich da sind, kann man gut von den 6,50 Euro pro Kind und Stunde leben. Es ist etwas schwierig. Natürlich hat man es selbst in der Hand, wie viel und wie lange man arbeitet. Ich finde auf jeden Fall gut, dass Herbrechtingen freiwillig einen zusätzlichen Euro pro Stunde für die Betreuung von unter Dreijährigen bezahlt. Das gibt es nicht in allen Gemeinden. Ich betreue ein Kind aus Niederstotzingen, wo es das nicht gibt. In Ulm läuft es hingegen ganz anders! Dort werden Pauschalbeträge im Voraus ausbezahlt und auch Urlaub wird bezahlt. Bei uns gibt es nur nachträgliche Zahlungen nach Spitzenabrechnung. Dafür können allerdings die Gemeinden nichts. Das liegt am Landratsamt. Es ist einfach schade, dass das in unserem Landkreis so gehandhabt wird, wenn es in vielen anderen mit der Pauschalbezahlung so gut klappt.

Was ist für Sie das schönste Erlebnis in der täglichen Arbeit mit den Kindern?

Durch Bissingen führt die Umleitungsstrecke für die bei Bergenweiler gesperrte B492. Seither ist für die Anlieger der Hauptstraße die Welt nicht mehr in Ordnung. Im Rathaus hat man eine Idee:

Wenn ich sehe, dass die Kinder gerne herkommen, sich wie zu Hause fühlen und sich keines ausgegrenzt fühlt.

Das Arbeitsfeld Tagesmutter/-vater

Das Arbeitsfeld Tagesmutter/-vater beinhaltet Erziehungs- und Bildungsarbeit, die Förderung der Entwicklung sowie die Betreuung der Kinder im Alter von 0–14 Jahren. Grundvoraussetzung ist eine Qualifizierung von 160 Unterrichtseinheiten nach landesrechtlichen Vorgaben (ab 2021 sind es 300 Unterrichtseinheiten). Tagespflegepersonen sind in der Regel selbstständig tätig; Fortbildungsmöglichkeiten, Unterstützung und Begleitung erfolgt durch den Verein Kindertagespflege Landkreis Heidenheim e. V. Tagespflegepersonen können bis zu fünf Kinder bei sich zu Hause betreuen, im Haushalt der Eltern tätig sein oder mit Kollegen und Kolleginnen in anderen geeigneten Räumen arbeiten. Tagespflegepersonen ermöglichen den Eltern, Familie und Berufstätigkeit sinnvoll zu vereinbaren oder den Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder zwischen ein bis drei Jahren wahrnehmen zu können. Kinder werden familiennah und gut betreut. „Es ist toll zu sehen, wie die Kinder sich entwickeln.“