Herbrechtingen / Tom Wörrle Schwarzer Humor, Tragik und Tiefgang: Im Herbrechtinger Kloster gab die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser Einblicke in ihren neuen Roman „Rückwärtswalzer“.

Am Montagabend war im Herbrechtinger Kulturzentrum Kloster im Parlatorium die österreichische Schriftstellerin Vea Kaiser zu Gast, um ihren neuen Roman „Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger“ vorzustellen, welcher im März erstveröffentlicht wurde. Hierfür reiste Kaiser per Zug an – und hatte dadurch gleich noch eine beachtliche Verspätung im Gepäck.

Thomas Jentsch, Organisator des Leseabends, nutzte die Gelegenheit und fügte an seine einführenden Worte noch eine Kurzgeschichte über das Zugreisen aus dem Buch „Für Eile fehlt mir die Zeit“ von Horst Evers an, ehe Vea Kaiser kurz darauf mit dem Taxi aus Ulm eintraf. Die rund 25 Personen in der Zuhörerschaft zeigten sich aufgrund der Ereignisse sichtlich amüsiert und empfingen Kaiser mit einem freudigen Applaus.

Aberwitziger Roadtrip

Der österreichischen Schriftstellerin waren die Eskapaden des Tages nicht anzumerken, im Gegenteil: Sie lächelte, scherzte über die Bahn und glänzte mit einer warmen Ausstrahlung. Dann rückte ihr Buch ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Im Vordergrund der Handlung des Romans steht ein aberwitziger Roadtrip der Familie Prischinger, von Österreich südwärts durch den Balkan, mit dem Ziel der Überführung der Leiche des verstorbenen Onkels in sein Heimatland Montenegro.

Zunächst stellte Kaiser die Hauptcharaktere und deren Lebensgeschichten vor. Als sie die drei österreichischen Damen Hedi, Wetti und Mirl sowie den Neffen Lorenz porträtierte, wirkte es mitunter so, als würde sie keine fiktiven Romanfiguren, sondern viel mehr gute Bekannte beschreiben. Und dies zog sich den Abend über hindurch, Kaiser schien mithilfe ihres Buches eine zweite Realität konstruiert zu haben.

Skurril und verspielt

Durch das Vortragen einiger weniger Leseproben aus „Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger“ gab sie tiefere Einblicke in diese Realität, welche sich schnell als eine solche herausstellen sollte, die vor schwarzem Humor und Skurrilitäten nur so zu triefen scheint. Auch fiel schnell der verspielte, ins Detail gehende Schreibstil auf, was die Qualität des Geschriebenen nochmals betonte und definitiv auch dem Unterhaltungsniveau des Romans zuträglich ist. Die vorgetragenen Auszüge des Buches lassen keine Zweifel daran: Kaiser kann einfach gut erzählen.

Was nun jedoch vor allem auch noch hängen bleiben konnte, ist das Bild des „Rückwärtswalzers“. Kaiser läutet mithilfe dieses Bildes eine Reise in die Vergangenheit der Protagonisten ein, denn je weiter in Richtung Süden das österreichische Grüppchen gelangt, desto tiefere Einblicke erhält der Leser in dessen Leben. Dazu tragen gleichfalls die „Manen“ bei, Totengeister aus der römischen Mythologie – ein weiteres Bild, welches Kaiser ihren Lesern zeichnet. Damit drückt sie symbolkräftig aus, dass Tote erst dann tatsächlich tot sind, wenn nicht mehr über sie geredet wird. Und so wird schließlich auch über Onkel Willis Leben erzählt, während dieser als toter Passagier, getarnt als schlafender Mann, in seine Heimat verfrachtet wird.

In der zweiten Realität

Der Inhalt eines Buches ist ja das eine, das Vortragen bekanntlich das andere. Das Vorlesen entscheidet letzten Endes darüber, ob das Publikum in die Realität des Erzählten entführt wird oder eben im Hier und Jetzt weiterverweilt. Bei Kaisers Vortrag musste man sich hierüber gewiss keine Gedanken machen, entglitt man doch beim Zuhören recht schnell aus den Herbrechtinger Gefilden und fand sich bei den Prischingers wieder.

Die solide und euphorisch vorgetragenen Textauszüge luden förmlich dazu ein, alles in sich aufzusaugen und werteten das Geschriebene nochmals zusätzlich auf. Vor allem dank des lebendigen Vortrags konnte das Publikum dem Erzählfaden gebannt folgen, der teils brachiale Humor sorgte hier und da für ungläubiges Gelächter im Saal.

Unterm Strich machten die Einblicke ins Buch Lust auf mehr und es kann auf einen erfrischenden Bücherabend zurückgeblickt werden, an welchem Vea Kaiser durchgehend gut unterhielt, ohne eine Spur von Langeweile zu verbreiten. Lediglich hätte vielleicht noch die ein oder andere kurze Buchpassage den Weg ins Gehör des Publikums finden können. Andererseits: Die eher knapp gehaltenen Auszüge förderten die Neugier aufs Buch umso mehr und machten Lust auf einen Roman zwischen schwarzem Humor, Tragik und Tiefgang.

So geht’s weiter im Kloster

Am Donnerstag, 6. Juni, hält ab 19 Uhr Barbara Fischer-Reineke einen Vortrag zum Thema „Mut zur Angst oder wie man die eigene Angst als Wachstums-Turbo nutzt“. Zugleich wird sie ihr Buch „Arschbombe ins Glück“ vorstellen. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit mit der VHS statt.